Predigt im Gottesdienst zur Verabschiedung über Jes 55,1-5
St. Wilhadi Stade, 29. Juni 2025
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wie großartig, dass Ihr alle da seid!
Um mir den Druck und Euch, liebe Gemeinde, die Erwartung zu nehmen, jetzt würden endgültige, wegweisende und gar vermächtnishafte Worte folgen, halte ich mich schlicht an den Predigttext für diesen Sonntag. Jesaja 55. Wir haben die Worte gehört. Ich greife drei Gedanken heraus.
1. Alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
Kauft umsonst, seid eingeladen! Eine richtige Fete. Und alles aufs Haus. Das gilt dankenswerterweise nicht nur nachher beim Empfang, das ist eine grundlegende Haltung unseres Gottes: Leben als Geschenk, Leben aus Gnade. Ihr bekommt, was ihr zum Leben braucht und noch mehr – Wein und Milch – und das umsonst. Und es ist bei großzügigen Einladungen ja immer so, heute auch: das Wichtigste ist die Beziehung, die darin zum Ausdruck kommt.
Seit ich meine allererste Proseminararbeit über Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ geschrieben hatte, ist mir die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium grundlegend wichtig in meinem theologischen Denken. Ja, Gott spricht auch als Wegweisender und Fordernder zu uns, durch Gebote, Weisungen, durchs Gesetz. Das leitet uns Wege zum Leben – und daran werden wir immer wieder auch schuldig. Aber er spricht vor allem mit uns als Gott der Gnade, der Barmherzigkeit, durch frohe und freimachende Botschaft, durchs Evangelium.
Die Worte heute sind Evangelium. Und zwar mitten in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament. Versuche, die es immer mal gab, zwischen dem Gott des Gesetzes im Alten Testament und dem Gott des Evangeliums im Neuen Testament zu unterscheiden, gingen komplett in die Irre. Die Botschaft des Evangeliums, die Gewissheit, dass Gott „ein glühend Backofen voll Liebe“ sei, sie begegnet uns schon hier.
Für uns Christenmenschen ist diese Gewissheit mit Christus verbunden. Rechtfertigung allein aus Gnade, so hat das Paulus genannt, so sagen wir es in der lutherischen Theologie. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Ich darf ja heute ein wenig zurückschauen. Als ab 1997 die Debatte um die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ begann - eine bahnbrechende ökumenische Verständigung zwischen katholischen und lutherischen Kirchen - haben wir das breit diskutiert. Dem jungen Pastor in der Bischofskanzlei bot es die Chance, als Handlungsreisender in Sachen Rechtfertigung durch die Kirchenkreisen zu ziehen. Schon damals war die Frage, die wir beim Reformationsjubiläum 2017 wieder diskutiert haben. Ist diese Botschaft aktuell? Bewegt das die Menschen?
Letzte Woche stand in der ZEIT ein Interview mit der berühmten Performancekünstlerin Marina Abramovic. Sie ist bald achtzig, sagt aber von sich, sie könne sich morgens noch immer nicht auch nur einen Kaffee und das Zeitunglesen genehmigen. Zitat: „Weil es immer um Arbeit geht, und darum sich zu rechtfertigen, warum man auf diesem Planeten ist.“ (ZEIT Nr. 25, S. 27) Nun habe ich das mit dem Zeitunglesen schon immer anders gehalten und freue mich darauf, dass ab jetzt noch intensiver zu tun. Aber die Haltung ist unserer Leistungsgesellschaft doch nicht fremd. Und uns kirchenleitenden Leuten trotz anderslautender Beteuerungen oft auch nicht – wenn ich nur auf unsere Terminkalender schaue. Wer es nicht glauben mag, schaue nur in die neuesten Coaching-Bücher an der Bahnhofsbuchhandlung oder besuche Workshops zur persönlichen Optimierung für ein paar Tausend Euro. Wer sich nicht optimiert, wer sich nicht ins Zeug legt und etwas aus sich macht, aus der oder dem kann nichts werden. Und keine Frage: Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die Leistung bringen, und es ist nichts falsch daran, das Potential der von Gott gegebenen Gaben gut fruchtbar zu machen.
Und doch: Kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Gratis. Sola gratia, allein aus Gnade. Das ist eine nach wie vor unerhört spannende Gegenbotschaft: Der Wert eines Menschen hängt nicht an der eigenen Leistung. Jeder Mensch ist viel mehr als die Summe der eigenen Leistungen und erst recht als die Summe der eigenen Fehlleistungen. Das darf ich im fröhlichen Gottvertrauen annehmen, es schenkt eine unverlierbare Identität und eine unerhörte Freiheit. Und es verändert auch den Blick auf die Mitmenschen, auf die, die nicht so viel leisten können, die langsamer sind, die krank sind, alt, behindert. In Gottes Augen ist jeder Mensch ein geliebtes Kind. Aus gottgeschenkter Freiheit zu leben, macht nicht egoistisch, sondern frei für den anderen.
2. Diese frohe Botschaft hat eine Schattenseite: Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?
Ach ja. Am letzten Dienstag um kurz nach drei habe ich das Landeskirchenamt verlassen nach der letzten Sitzung meiner Berufszeit. Ich habe kurz hochgerechnet. In 31 Jahren muss die Zahl der Sitzungen dort deutlich im Tausenderbereich liegen. Und ich habe das Allermeiste wirklich gern gemacht, ich bin dankbar, dass ich mit vielen großartigen Menschen zusammenarbeiten durfte, und wir haben in vielen Sitzungen Gutes bewegen können, nicht nur große Sachen wie den Aufbau des Michaelisklosters in Hildesheim oder die neue Kirchenverfassung, auch viel im Tagesgeschäft, das eben einfach dazugehört.
Und doch: Wie oft habe ich auch sauren Verdienst gezahlt für das, was nicht satt macht, was nicht weitergebracht hat? Wieviel Sitzungszeit, wieviel Arbeitszeit war wirklich sinnvoll investiert? Jedenfalls: Wenn ich im Jahr 2025 aus dem hauptamtlichen Dienst ausscheide, tue ich es in großer Dankbarkeit, aber auch nicht unkritisch im Blick auf unsere Kirche und auf mich selbst.
Das beginnt mit meiner eigenen Geschichte. In den letzten Wochen wurde das Gutachten zu Klaus Vollmer veröffentlicht. Viele wissen, dass meine eigene Geschichte seit meinem 15. Geburtstag, vor allem in der Jugend- und Studentenzeit durch Klaus Vollmer und die Gemeinschaft um ihn mit bestimmt war. Ich sehe heute deutlich, seit dieser Woche noch einmal deutlicher, Abgründe und tiefe Schatten über dieser Geschichte. Ich empfinde heute eine große Distanz, wenn ich sehe, dass da vieles war, das nicht nur nicht satt machte, sondern das giftig war, das Menschen geschädigt hat und das großes Unrecht war.
Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Wo habe ich das in meinem Dienst getan? Wo war ich nicht, wo ich hätte sein müssen? Wo hätte ich anderes einbringen, anderes tun müssen? Ich bitte heute alle um Vergebung, die ich einmal verletzt habe oder denen ich etwas schuldig geblieben bin.
Aber auch gemeinsam? Wo zahlen wir hohe Preise, die doch nicht satt machen? In einem so richtig tollen Zustand ist unsere Kirche derzeit ja leider nicht, schon im Blick auf die Zahlen. Wo sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt, mit unseren Strukturen? Wo müssten wir mehr für die Menschen da sein, für die Gesellschaft, für die Armen? Wo hängen wir zu sehr in unseren Traditionen, etwa was Gottesdienstformen oder Amtshandlungen angeht, und fragen zu wenig nach dem, was Menschen heute brauchen, um Gottes Einladung hören zu können?
Damit bin ich bei 3. Siehe, du wirst Völker rufen. Jesaja spricht davon, dass das Volk Israel berufen ist als Zeuge Gottes unter den Völkern. Das passt sich gut, denn auch der Zustand Israels war damals alles andere als toll; sie waren vertrieben und zerstreut. Genau denen, den Gescheiterten und Angefochtenen, traut Gott eine große Aufgabe zu.
In diese Tradition stellen wir uns als christliche Kirche. Berufen, Zeugin zu sein für Gottes Menschenliebe.
Ich glaube, in jeder Predigt zur Ordination von jungen Pastorinnen und Pastoren habe ich gesagt, dass man Pastor oder Pastorin nicht nur aus eigenem Entschluss ist, sondern aufgrund der Berufung durch die Kirche und in, mit und unter dem durch Gott. Und dass diese Berufungsgewissheit eine große Kraftquelle sein soll. Das gilt für uns Einzelne. Und das gilt für uns als Kirche – mitten in aller Vorläufigkeit, Bruchstückhaftigkeit, Fehlerhaftigkeit.
Dieser Gedanke macht es mir nun auch leicht – na, sagen, wir: leichter – mein Amt abzugeben. Berufen als Zeugen des Evangeliums sind wir alle, Ehrenamtliche und Hauptamtliche. Und wo einer abgibt, übernehmen andere, die Berufung gilt der ganzen Kirche. Ich freue mich immer wieder über junge Menschen, die mit Elan ans Werk gehen. Gottes Geist hat seine Kirche stets neu inspiriert, hat ihr neue Ideen und Gestalten gegeben. Zum Vorrecht meiner Aufgabe hat es gehört, immer wieder auf wunderbare Menschen und Gemeinden zu stoßen, die Gottes Berufung mit Phantasie und Liebe leben, von Tafeln bis zur Urlauberkirche, von Pop-Up-Pub bis zur Singschule, vom Hospiz bis zum Seemannsclub, von Segensgottesdiensten bis zu Klimaprojekten und auch bis zu viel guter Alltagsarbeit. Ach, ich könnte lange erzählen.
Ein Wort noch aus den Versen, die direkt auf unseren Abschnitt in Jes 55 folgen. Das sind Worte, die oft bei Ordinationen gelesen wurden. Sie sprechen von der Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes: So wie der der Regen unweigerlich die Erde feucht macht, so ist es mit dem Wort Gottes: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sagt Gott, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Ja, manchmal habe ich Resonanz auf meine Worte bekommen, und ich bin dankbar für viele berührende Rückmeldungen in den letzten Wochen dazu, wo Worte hilfreich waren. Wie oft waren meine Worte aber auch zu schwach? Gottes Zusage ist: Er selbst lässt sein Wort Frucht bringen. Manchmal sehen wir die Frucht, oft wohl auch nicht. So soll es dann sein.
Siehe, du wirst Völker rufen. Die neue Basisbibel übersetzt dieses Wort der Berufung: So will es der Herr, euer Gott. Er lässt euch diese Ehre zuteil werden. Ja, es ist eine Ehre, Zeugin und Zeuge unseres Gottes zu sein. Es war auch mir eine Ehre.
Und, um nicht zu pathetisch zu enden, zum guten Schluss: Ein Pastor ist sehr von seinen Fähigkeiten überzeugt. Bestimmt mit Doktortitel. Er fragt stolz einen Kollegen: "Haben Sie meine letzte Predigt gehört?" Die Antwort: "Wenn ich gewusst hätte, dass es Ihre letzte Predigt war, wäre ich gekommen“.
Da, liebe Gemeinde, habt Ihr heute alles richtig gemacht.
Amen.
Predigt über Johannes 14,15-19.23-27*
St. Wilhadi Stade, Pfingstsonntag 8. Juni 2025
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich hoffe, Sie sind angemessen in Geburtstagsstimmung. Denn dafür gibt es angemessenen Grund, gleich mehrfach.
Ich denke nicht primär an Thomas Mann, von dessen 150. Geburtstag die Literaturfreunde in den letzten Tagen ständig gehört haben. Gut gefallen hat mir ein Zitat von Thomas Mann: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Ein wunderbares österliches und pfingstliches Wort: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“
Aber was sind 150 Jahre? Wir feiern in diesem Jahr einen 1700. Geburtstag, nämlich den des Glaubensbekenntnisses von Nicäa, das wir eben gesprochen haben. Im Mai und Juni 325 hat ein Konzil in Nicäa in der heutigen Türkei zum ersten Mal das Geheimnis formuliert, dass Gott einer ist und zugleich auf verschiedene Weise wirkt, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Seine große Bedeutung liegt darin, dass dieses Bekenntnis – etwas erweitert – bis heute als einziges von allen Christenmenschen auf der ganzen Welt gesprochen wird, im Westen wie in den orthodoxen Kirchen im Osten. Es ist der Versuch, dass unaussprechliche göttliche Geheimnis in Begriffe und Worte zu fassen. Dem Bekenntnis sind lange theologische Auseinandersetzungen vorausgegangen, am Ende stehen Formulierungen, die für uns gewiss fremd sind, aber auch eine geheimnisvolle Schönheit und Feierlichkeit haben. Etwa, wenn es über Jesus Christus heißt, er sei „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, … eines Wesens mit dem Vater.“ Zum Heiligen Geist sagt das Bekenntnis u.a.: „Wir glauben an den Heiligen Geist, … der lebendig macht.“ Der Heilige Geist schenkt Leben, er macht lebendig. Zu Pfingsten feiern wir die Lebendigkeit. Wo Menschen müde werden. Wo Leben verkümmert. Wo die Kirche schwach und fehlerhaft ist – und das ist sie oft – lasst uns darauf vertrauen, dass Gott immer wieder neues Leben schenkt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, … der lebendig macht.“
Da ich befürchte, dass Sie jetzt nicht auf eine theologische Vorlesung aus sind, gehe ich weiter zum nächsten Geburtstag, den wir zu Pfingsten feiern. Oft nennt man Pfingsten ja den Geburtstag der Kirche. Und das (zusammengenommen mit Ostern) nicht ohne Grund, bei diesem Geburtstag bleibe ich jetzt.
Es sah anfangs ja schon so aus, als ob die Jesusbewegung zu Ende geht, nachdem Jesus gekreuzigt worden war. Seine Follower hatten sich ängstlich zurückgezogen. Der ersten Euphorie in der Begegnung mit Jesus war lähmende Ernüchterung gewichen. Sie hatten jetzt keinen mehr, der ihnen vorausgeht, der sagt, wo es langgeht. Jesus war wieder im Himmel, seine Anhänger aber waren auf der Erde, auf dem harten Boden der Tatsachen. Und dann überfällt sie Gottes Geist. Sie sind von einer überwältigenden Inspiration erfüllt, die sie wie ein Sturm überfällt. Leute, die noch nie groß aufgetreten sind, stellen sich plötzlich vor viele Menschen und sprechen zu ihnen von ihrem Glauben an Gott und an Jesus Christus. Und die Jesus-Leute haben plötzlich die große Gabe, Menschen über Sprachbarrieren hinweg zu erreichen. Sie finden die richtigen Worte. Die kreative Kraft, diese schöpferische Kraft, die das ermöglicht, die wird „Heiliger Geist“ genannt. Die Pfingstgeschichte ist eine Kommunikationsgeschichte, Pfingsten ist das Fest der gelingenden Kommunikation, so hat es Heribert Prantl jetzt geschrieben (SZ 6.6.2025)
Das biblische Wort, das uns heute für die „Geburtstags-Predigt“ vorgegeben ist, steht im Johannesevangelium. Wir sind vielleicht 80 Jahre später. Die Christen haben sich längst daran gewöhnt, dass sie auf dieser Erde ohne den irdischen Jesus leben. Und das ist oft schwierig. Der Alltag ist mühsam genug. Zweifel machen sich breit. War das mit Jesus damals wirklich alles so gewesen? War ihr Glaube wirklich begründet? Fragen, die Christen bis heute kennen. Wie können wir heute Kirche sein – in einer weltlichen Welt, in der Jesus Christus, nach dem wir uns nennen, nicht sichtbar unter uns ist?
In dieser Zeit, um 100 nach Christus, erzählt der Evangelist Johannes für seine Gemeinde von Jesus und lässt Jesus Abschiedsreden halten. Er verabschiedet sich von seinen Jüngern, er spricht zu Christen, die ihren Weg suchen. Daraus noch einmal einige Sätze:
Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit …
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Es ist noch eine kleine Zeit; dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. …
Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Drei Gedanken greife ich heraus:
(1) Der erste: Jesus sagt: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ja, manchmal kann man sich als Waise fühlen. Ganz schön allein gelassen in einer Welt, die irgendwie außer Rand und Band ist, in der zunehmend Oligarchen und Diktatoren die Macht haben und dauernd Dinge tun, die so verrückt, so rücksichtslos und so gefährlich sind, dass es man gar nicht glauben mag. Man kann sich manchmal allein fühlen auch als Christ in einer Gesellschaft, die vom christlichen Glauben oft erstaunlich wenig hält und auch weiß. Dass die meisten nicht wissen, was Pfingsten ist, ist ja längst nicht mehr das Schlimmste
Oder: Wenn wir die Entwicklung unserer Kirche anschauen, den Rückgang der Mitglieder, den Rückgang der finanziellen Mittel. Das ist nicht wirklich aufbauend. Da kann man sich alleingelassen fühlen.
Aber: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“, sagt Jesus. Die große Zusage: Ihr seid nicht allein. Jesus sagt den Menschen, mit denen er gemeinsam durch das Land gewandert ist und uns auch: Ich gehe – aber bleibe doch bei euch. Ich lebe – und ihr sollt auch leben. Ich kann nun nicht mehr zu euch reden, aber der Geist, den der Vater senden wird, der wird meine Worte unter euch lebendig halten. Pfingsten, das ist In-Verbindung-Bleiben statt Verabschiedung. Gottesgegenwart statt Gottvergessenheit. Geistesgegenwart statt Geistlosigkeit.
Es ist spannend zu fragen: Wo erleben wir, dass Jesus Christus gegenwärtig ist? Wo erleben Sie es? Erleben Sie es im Gottesdienst – und wenn ja: ich welcher Form von Gottesdienst? Erleben Sie es in der Musik? Für mich ist das eine ganz starke Form, Gottes- und Geistesgegenwart zu spüren. Spüren Sie es im Abendmahl? So jedenfalls ist es gedacht, dass wir in der Gemeinschaft untereinander und mit Christus im Abendmahl seine Gegenwart erfahren: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch“, sagt Jesus.
(2) Der zweite Gedanke. Pfingsten steht dafür, dass Gott uns einen Tröster sendet. Viermal spricht Jesus vom Tröster, vom Parakleten. Luther übersetzt „Tröster“. „Anwalt“ kann man auch sagen, „Beistand“, Beistand gegen die lebensfeindlichen Mächte. Einer, der uns beisteht in den Turbulenzen des menschlichen Lebens und Scheiterns, des Leidens und Sterbens.
Gottes Geist tröstet. Wir Menschen sind zutiefst trostbedürftige Wesen in vielerlei Bedrängnis. Durch Gottes Geist erfahren wir Trost und wir werden zu Menschen, die einander Trost spenden können.
Ja, diesen Tröster, diesen Beistand und Ermutiger brauchen wir. Und ihn braucht die Welt, denn sie braucht Menschen, die sich nicht bange machen lassen, sondern tun, was zu tun ist: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Leute, die sich das zu Herzen gehen lassen, sind heute nötiger denn je, Menschen, die einstehen für Demokratie, für Menschenwürde, für Frieden.
Wir brauchen Ermutigung. In dieser Woche hatten wir Gäste in der Konferenz der Superintendentinnen und Superintendenten im Sprengel, um über die Entwicklung unserer Kirche zu sprechen. Sie stellten uns als erstes die Frage: „Was macht Ihnen gerade Mut im Blick auf die Zukunft der Kirche?“ Und es kam eine großartige Runde zustande. Jeder und jede konnte nach kurzem Überlegen etwas sagen: „Ich rede mit den jungen Pastorinnen und Pastoren. Die machen sich keinerlei Illusionen über die Herausforderungen, vor denen die Kirche steht. Aber sie sind mit unglaublichem Elan und fröhlich bei der Sache.“ Ein anderer nennt die neuen Gottesdienstformen, auch zu anderen Zeiten, die in einer Gemeinde ausprobiert werden und die tollen Zuspruch finden. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich insgesamt verdoppelt. Einer erzählt von Tauffesten und dem Angebot von spontanen Segnungen für Paare und auch Hochzeiten – und viele kommen, es sind bewegende Erfahrungen. Eine nennt das gute und ermutigende Klima im Team. Das, liebe Gemeinde, sind pfingstliche Erfahrungen: Der Geist als Tröster.
(3) Und als Drittes: Jesus sagt: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. An der Liebe erkennt man, dass Menschen mit Christus verbunden sind, dass sein Geist am Werk ist. Und das ist etwas sehr Praktisches, kein Gefühl, sondern eine Lebenshaltung. Jemand sagte neulich: „Wenn es die Christen nicht gäbe – die Temperatur in unserem Land würde sofort deutlich fallen.“ Ja, es braucht Menschen, die für Barmherzigkeit und Nächstenliebe eintreten, die sich einsetzen für unsere Zivilgesellschaft. Und das tun Christen nachweislich öfter als andere.
Der muslimische Schriftsteller Navid Kermani hat das in eindrücklicher Weise über die Christen gesagt. „Wenn ich etwas am Christentum bewundere … dann ist das … die spezifisch christliche Liebe, insofern sie sich nicht nur auf den Nächsten bezieht. In anderen Religionen wird ebenfalls geliebt, es wird zur Barmherzigkeit, zur Nachsicht, zur Mildtätigkeit angehalten. Aber die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben… geht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied.“ Soweit Navid Kermani.
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, sagt Jesus. Da wo konkrete Nächstenliebe geschieht, wird das sichtbar. Das ist eine Weise, eine herausragende Weise, wie Christus gegenwärtig ist und wirkt. Jeder von uns kann dem anderen zum Christus werden, hat Martin Luther gesagt. Wo das geschieht, da ist Gottes Geist am Werk.
So lasst uns Kirche sein in der Kraft des Geistes. Als Leute der Erneuerung, des Trostes, der Liebe. Dafür schenke uns Gott immer wieder seinen Geist.
Amen.
Predigt über Apostelgeschichte 16,23-34
zur Eröffnung der Landessynode, 14. Mai 2025
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Eine Predigt über das Singen ist zu erwarten zu Kantate, liebe Synodengemeinde. Eine Predigt aus dem Gefängnis aber nicht. Eine Kantate-Predigt aus dem Gefängnis - das finde ich schon überraschend. Aber genau dahin führt uns der Predigttext für den kommenden Sonntag, in den Knast, genauer in den Hochsicherheitstrakt. Genau hier wird gesungen.
Schon die Vorgeschichte ist verrückt. Paulus und sein Mitarbeiter sind in der griechischen Stadt Philippi. Dort treffen sie auf eine Frau mit einem Wahrsagegeist. Lukas erzählt nicht ohne Humor: Seit Tagen läuft die Frau hinter Paulus her und redet auf ihn ein. Da treibt er den Wahrsagegeist kurzerhand aus. Paulus heilt diese Frau – nicht aus frommer Menschenliebe, sondern weil er genervt ist. Also: Paulus tut das Richtige aus eher falschen Motiven. Vielleicht machen wir das als Kirche auch manchmal. Etwa wenn wir mehr an den Selbsterhalt der Institution denken (auch wenn wir das niemals so formulieren) als an die Menschen oder unseren Auftrag.
Das Dumme ist: Mit der Wahrsagefähigkeit dieser Frau haben Leute Geld verdient. Die sind nun böse und lassen Paulus und Silas verhaften, weil sie alles durcheinanderbringen. Jetzt ist die Geschichte gar nicht mehr lustig: Die beiden werden in der Gefangenschaft nackt ausgezogen und geschlagen, also entwürdigt und gefoltert. Die Verhältnisse im antiken Gefängnis sind brutal.
Hier setzt unsere Geschichte ein, Apg 16,23-34 nach der Basisbibel:
Nachdem sie viele Schläge erhalten hatten, ließ man sie ins Gefängnis werfen. Dem Gefängniswärter wurde eingeschärft, sie besonders gut zu bewachen. Er führte den Befehl aus und brachte sie in die hinterste Zelle. Dort schloss er ihre Füße in den Holzblock.
Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder für Gott. Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich gab es ein starkes Erdbeben, das die Fundamente des Gefängnisses erschütterte. Da sprangen alle Türen auf, und die Ketten fielen von den Gefangenen ab. Der Gefängniswärter wurde aus dem Schlaf gerissen. Als er sah, dass die Gefängnistüren offen standen, zog er sein Schwert und wollte sich töten. Denn er dachte, dass die Gefangenen geflohen waren. Aber Paulus schrie laut: »Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier.« Der Wärter rief nach Licht. Er stürzte in die Zelle und warf sich zitternd vor Paulus und Silas nieder. Dann führte er sie hinaus und fragte: »Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?« Sie antworteten: »Glaube an den Herrn, Jesus, dann wirst du gerettet und mit dir deine ganze Hausgemeinschaft.« Und sie verkündeten ihm und allen anderen in seinem Haus das Wort des Herrn. In dieser Nacht, noch in derselben Stunde, nahm der Wärter Paulus und Silas zu sich. Er wusch ihnen die Wunden aus. Dann ließ er sich umgehend taufen – mit allen, die bei ihm lebten. Anschließend führte er die beiden in sein Haus hinauf und lud sie zum Essen ein. Die ganze Hausgemeinschaft freute sich, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatte.
Was für eine story! Sie beginnt im Gefängnis, geht über ein Erdbeben und eine Bekehrungsgeschichte „de Luxe“ und endet mit einem Festmahl in Freiheit. Und die Wende kommt durchs Singen. Durch einen mitternächtlichen Lobgesang im Gefängnis.
Aber nicht zu schnell. Zunächst liegen Paulus und Silas misshandelt und gefesselt im Gefängnis, die Füße eingespannt. Das soll man nicht zu schnell übergehen. Nie sollen wir die übergehen, die gefesselt, gefoltert oder gefangen sind. Wie viele Bilder stellen sich da ein: Die Tunnel in Gaza. Die Straflager in Russland. Die KZs der Nazis. Ungezählte und ungenannte Gefangene und Vertriebene.
Gefangenschaft. Zu Beginn unserer Synodaltagung denke ich an die Gefangenschaften unserer Kirche. Luther hat vor 505 Jahren gegen die „Babylonische Gefangenschaft“ der Kirche angeschrieben. Wo sind heute unsere Gefangenschaften? Da, wo wir zu sehr auf die Zahlen starren, die negativen Trends, die hochgerechnete Mitglieder- und Finanzentwicklung? Keine Frage: Nüchterne Analyse muss sein. Wegschauen ist keine Lösung, die Lage ist, wie sie ist. Aber wo führt der Blick auf die Zahlen in innere Unfreiheit, wo lassen wir uns fesseln in Mutlosigkeit und Kleinglauben?
Wo sind heute unsere Gefangenschaften? Vielleicht da, wo wir uns in die staatsanaloge Rechtsförmigkeit unserer Kirche zu sehr verhakt haben? Wenn alles und jedes rechtlich geregelt ist, nichts mehr geht ohne eine Vielzahl von Beteiligungen, Beschlüssen, Bescheinigungen? Sie kennen das, in den Aktenstücken dieser Synode steht dazu einiges. Keine Frage: Recht ist und bleibt ein hohes Gut, weil es Menschen schützt, vor Willkür bewahrt und für Verlässlichkeit sorgt. Wir werden weiter gerechte und geregelte Abläufe brauchen. Aber wo sind wir in eine babylonische Gefangenschaft der Bürokratie geraten, einer überzogenen Reglementierung? Wo muss unsere Kirche freier werden, mehr riskieren, weniger Institution und mehr Organisation und Bewegung sein?
Ach ja, über Gefangenschaften zu meditieren und dafür Assoziationsräume zu finden, ist nicht schwer. Nun aber zur Pointe für Kantate: Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder für Gott. Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.
Was für eine Szene! Was hat die Gefangenen bewegt? Es ist stockdunkel, Mitternacht, harte Gefangenschaft. Und sie singen laut und weithin hörbar. Und nicht etwa ein Klagelied, wie man denken könnte. Dafür haben wir von den Psalmen an ja ein reiches Arsenal, an Liedern der Klage, der Trauer – und die sind ja oft seelsorglich sehr angemessen und passend.
Aber nein, unsere Gefangenen singen Loblieder, „Hymnen“ steht da auf Griechisch. Die äußerlich Gefangenen sind innerlich frei. So bricht sich das Evangelium vom auferstandenen Christus Bahn. Und ganz offensichtlich erleben sie die befreiende, die ermutigende Kraft des Singens. Sie erproben und erfahren die widerständige, die revolutionäre Kraft der Musik.
Daran will ich mich erinnern lassen. Die Gefangenschaften der Kirche lösen sich nicht durch Appelle und vielleicht auch nur bedingt durch die richtigen Programme und Prozesse (so sehr es die braucht). Die Gefangenschaft löst sich zuallererst durch das Lob Gottes.
Zu den wunderbaren Erfahrungen meines Berufslebens gehört es, dass ich vor 25 Jahren im Landeskirchenamt auch für den Bereich der Kirchenmusik zuständig wurde. Dadurch bin ich auf ungezählte Beispiele gestoßen für die ermutigende, die befreiende, die widerständige Kraft der Musik. Sie ist ein so ungeheurer Schatz in unserer Kirche.
Ein Beispiel haben wir, finde ich, vorletzte Woche beim Kirchentag in wunderbarer Weise erlebt: Es ist möglich, sich nüchtern und ernsthaft den schwierigen politischen, gesellschaftlichen, ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, da kommt einem ja manches finster vor wie um Mitternacht. Und dabei war die Stimmung zuversichtlich und fröhlich. Nicht zuletzt durch eine wunderbare Fülle an Musik, von den Bläsern über klassische Konzerte und Taizégesänge und Rap bis zu ungezählten schwungvollen Liedern. Um Mitternacht beteten sie und sangen Loblieder für Gott. So kann man viel besser und freier auf die Herausforderungen zugehen.
Singen macht stark und bringt die ungerechte Welt ins Wanken. Singen verleiht der Seele Flügel. Singen geht viel tiefer ins Gehirn und ins Herz, als Worte es können. Gehirnphysiologisch lassen sich die Wirkungen heute genau beschreiben, etwa die Ausschüttung von Opioiden, die nicht nur Schmerz und Stress reduzieren, sondern auch Glücks- und Lustgefühle hervorrufen.
Ach, es gäbe so viele Beispiele. Ich denke an afroamerikanische Sklavinnen und Sklaven, die mit ihren Spirituals gegen ihre Ausbeutung angesungen haben. „Go down Moses, tell old Pharao: Let my people go“. Durchs Singen haben sie die Geschichte der Befreiung Israels aus Ägypten zu ihrer Geschichte gemacht, zu einer Hoffnungsgeschichte: „Nobody knows the trouble, I’ve seen“, haben sie gesungen. „Nobody knows, but Jesus.“
Als Protestanten können wir uns auch daran erinnern, dass die Reformation sich gerade durch das Singen verbreitete. In etlichen Städten begann die Reformation als Singbewegung, und zwar durchaus auch als revolutionärerer Vorgang, wenn evangelische Lieder gegen Verbote in der Kirche oder auf der Straße angestimmt wurden oder schon mal eine altgäubige Prozession niedergesungen wurde. Nicht selten kam gerade so die Reformation ins Laufen. Wie gut, dass Evangelische und Katholische heute ökumenisch miteinander singen
Zurück zur Geschichte. Paulus und Silas singen. Und die anderen hören zu. Um Mitternacht kann man ja auch nicht gut weghören. So, durch Musik und Gesang, kommt eine Menge in Bewegung. Musik hat Anteil an der Verkündigung, das ist ja bis heute so, sie gehört zum Kernbestand unseres kirchlichen Lebens. Was wären die Kirchen, die Gemeinden, die Gottesdienste ohne Chöre, Konzerte, Musikgruppen!
Dann passiert ein Erdbeben. Gott sei Dank ist das nicht der Normalfall von Gebetserhörungen. In der Bibel ist es ein Signal für epochales, umstürzendes Gotteshandeln. Das Gotteslob hat nicht nur eine spirituelle, sondern eine kosmische Dimension.
Es bleibt dramatisch. Die Türen springen auf, die Gefangen sind frei, ihre Ketten fallen ab. Nur für den Kerkermeister ist das eine schlechte Nachricht. Er ist haftbar und will sich vor Schreck umbringen. Das wiederum bringt Paulus und Silas in Aktion: Die beiden betreiben Suizidprävention. „Tu dir nichts an. Wir sind alle noch hier.“ Ein klarer Fall von „Seele stärken“.
Und dann folgen „Anfänge im Glauben“. Und was für welche! Der Gefängniswärter fragt nach Rettung, die beiden predigen das Evangelium von Jesus, der Gefängniswärter lässt sich sofort mit seinem ganzen Haus taufen. War das eine Pop-up-Taufe? Immerhin nicht ganz ohne Taufunterricht: „Sie verkündeten ihm und allen anderen in seinem Haus das Wort des Herrn: Glaube an den Herrn, Jesus, dann wirst du gerettet“
So idealtypisch wird der Anfang im Glauben vielleicht selten sein. Und im Aktenstück zu den „Anfängen im Glauben“ sind Erdbeben zu Recht nicht vorgesehen. Aber es lohnt, dass wir uns intensiv Gedanken machen darüber, wie wir Anfänge im Glauben ermöglichen können. Was aber auch bleibt, bei aller Mühe, die wir uns zurecht geben: Anfänge im Glauben bleiben unverfügbar, sie bleiben immer ausschließliches Handeln Gottes.
Und dann folgt auf die Verkündigung die Diakonie: Die Gefangenen kommen heraus aus dem Gefängnis. Die Wunden der Misshandelten werden gepflegt. Und am Ende steht ein Festmahl für alle im Haus des Kerkermeisters.
Alles haben wir beieinander in dieser Geschichte: Gefangenschaft und Befreiung, Seelsorge und Diakonie, Verkündigung und Anfänge im Glauben, ein gemeinsames Mahl und ein Fest. Und das alles im römischen Gefängnis, also einer ziemlich speziellen Form von Sozialraum.
Aber alle Veränderung, alle Dynamik kommt aus dem Singen. Das lasst uns nicht vergessen! Und wenn die Zeiten schwieriger werden, lasst uns noch ein wenig klarer und entschiedener das Lob Gottes anstimmen! Es wird uns selbst und unserer Kirche guttun. Die Menschen werden es hören und es wird sich etwas verändern. Lasst uns unseren Gott beim Wort nehmen und keine zu kleinen Erwartungen haben: Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Amen
Predigt am Ostersonntag über Joh 20, 11-18
St. Wilhadi Stade, 20. April 2025
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Eine Israelreise. Die Pilger wollen eine Schiffstour auf dem See Genezareth machen. „Das ist aber schon arg teuer", beklagen sie sich, als sie den Preis hören. "Ich bitte Sie“, sagt der Bootsbesitzer, „das ist der See, wo Jesus über das Wasser lief". Die Pilger: "Ihm blieb ja auch kaum etwas anderes übrig - bei diesen Preisen!"
Etwas Osterlachen zum Beginn, liebe Gemeinde. Das Lachen ist eine wertvolle alte Tradition zu Ostern. Und wir sind damit schon einmal am richtigen Ort. Vom See Genezareth kommt die Hauptperson in der Erzählung, die uns heute als Predigttext vorgegeben ist: Johannes erzählt Ostern aus der Perspektive einer Frau, Maria Magdalena, genauer: Maria aus Magdala, einem Ort am See Genezareth. Diese Maria wird bei Johannes zu den Jüngerinnen Jesu gezählt. Es ist historisch unstrittig, dass auch Frauen unter seinen Jüngerinnen waren. Maria aus Magdala spielt dabei eine besondere Rolle. In späteren Legenden ist ihr einiges angedichtet worden, bis zu Dan Browns Bestseller „Sakrileg“, auch dass sie eine Prostituierte gewesen sei. Aber von all dem steht nichts in der Bibel. Sicher ist nur, dass sie in einem vertrauten Verhältnis zu Jesus stand. Am Anfang hatte er sie von bösen Geistern geheilt, so lesen wir. Dann hat sie zu einem kleinen Kreis von Frauen gehört, die Geld hatten und mit diesem Geld Jesus unterstützt haben, offenbar von einem festen Wohnsitz aus. Aber auch Maria aus Magdala ist Jesus mindestens am Ende auch auf seinem Weg gefolgt. Es wird ausdrücklich erzählt, dass sie an seinem Kreuz stand. Eine Frau, deren Leben Jesus verändert hatte. Ja, da war bestimmt auch Liebe im Spiel bei Maria Magdalena. Aber ganz anders als bei einer Romanze, es war die Liebe zu dem Menschen, der Gottes Liebe radikal gelebt hat, in dem Gott als Liebe selbst gegenwärtig war. Deshalb war sie ihm gefolgt.
Und dann war Jesus tot. Das war das Ende aller Hoffnungen. Da waren nur noch Trauer und Leere. In ihrer Trauer macht sich Maria aus Magdala am Morgen nach Jesu Tod in aller Frühe auf zum Grab – vor allen anderen. Aber es gibt gleich noch einen Schock (das steht noch vor Beginn unseres Predigttextes): Der Stein vor dem Grab ist weg. Das Grab ist leer. Aber das heißt noch gar nichts. Maria ist überzeugt: Da hat jemand den Leichnam Jesu geraubt, weggetragen.
Es gibt immer mal eine Debatte unter Christenmenschen, ob zum Osterglauben die Überzeugung gehöre, dass das Grab physisch leer war. Ich meine, dass diese Debatte ziemlich an der Sache vorbei geht. Denn unsere Geschichte zeigt: Das leere Grab beweist überhaupt nichts. Jesu Körper könnte überall sein. Das vergrößert die Fragezeichen erstmal nur. Glaube entsteht so nicht.
Maria Magdalena läuft zurück und erzählt ihre schockierende Entdeckung den anderen Jüngern – sie bilden offensichtlich eine enge Gemeinschaft. Auch die gehen nachschauen.
Und dann setzt unsere Bibelpassage ein. Maria geht noch einmal zum Grab. Sie weint. Viermal wird das gesagt, dass sie weint. Eine innige und traurige Szene. Maria weiß, dass am Grab nichts mehr zu finden ist. Erst ist Jesus tot, und dann ist auch noch sein Leichnam verschwunden. Maria ist am Tiefpunkt. Sie leistet Trauerarbeit. Sie muss irgendwie verarbeiten, was da passiert ist.
Manchmal können wir nur noch Trauerarbeit leisten. Manchmal können wir nur noch weinen. Da ist eine Beziehung endgültig zerbrochen. Da ist die Frau, die nach vielen Jahren ihren Mann zu Grab getragen hat. Oder die Krisen und Kriegsnöte werden einfach zu viel. Bei manchen tötet das den Lebensmut. Ganz zu schweigen von den Menschen, die mitten in diesen Kriegsnöten leben, in der Ukraine oder im Gazastreifen, die so viel unschuldiges Leiden und Sterben erleben – kaum zu ertragen ist das. Da bleibt nur noch Weinen. In diesem Ostergottesdienst sind wir alle heute auch mit unseren geweinten und ungeweinten Tränen.
Dann sitzen da zwei Engel vor Maria. So sehr die Engel in der Bibel sonst wichtige Boten Gottes sind. Hier können sie nicht helfen. Der kurze Wortwechsel bringt Maria Magdalena nicht weiter. Es gibt offenbar Trauer, die ist so tief, dass sogar Engel nicht mehr helfen können.
Dann wendet Maria sich um – und da sieht sie Jesus. Sie wendet den Blick. Gerade in tiefer Trauer und Verzweiflung ist es manchmal nötig, den Blick zu wenden, nicht immer auf die Not zu schauen, sondern in eine andere Richtung zu schauen.
Aber: Maria sieht jetzt Jesus. Aber sie erkennt ihn nicht. Es ist beinahe komisch: Sie hält Jesus für den Gärtner. Und weil der Gärtner ja immer der Täter ist, verdächtigt Maria Magdalena den Gärtner. „Wo hast Du den Körper Jesu hingebracht?“, fragt sie ihn. Sie versteht noch nichts. So, wie es mir auch oft geht.
In allen Evangelien ist das so, dass die ersten Zeugen Jesus nicht erkennen, wenn er vor ihnen steht. Der auferstandene Jesus sieht komplett anders aus als der irdische. Auferstehung ist also nicht einfach eine Rückgängigmachung des Todes. Da steht kein wiederbelebter Leichnam, sondern ein völlig verwandelter Mensch. Ostern bleibt ein Geheimnis. Kein YouTube-Video könnte irgendetwas beweisen. Und so ist es auch, wenn wir über die Auferstehung von uns Menschen nachdenken – und dazu haben wir zu Ostern allen Grund. Das ist nicht einfach eine Verlängerung des diesseitigen Lebens, sondern ein komplett neues, verwandeltes Leben.
Noch also hat Maria Jesus nicht erkannt, auch nicht an seiner Stimme. Das geschieht erst, als Jesus sie mit ihrem Namen anspricht: „Maria“. Als sie ihren Namen hört - da wendet sie sich zu ihm um – ein zweites Mal wird das gesagt, dass sie sich umdreht, so wichtig ist offenbar dieser Blick-Richtungswechsel. Jetzt schauen sie sich in die Augen. Sie erkennt ihn. Und dann spricht sie ihn ebenfalls an: „Rabbuni“. „Mein Meister“. Das erste Osterbekenntnis. Entscheidend ist, dass Jesus sie mit Namen anredet. Nicht das abstrakte Wissen über das leere Grab führt also zu Ostern. Sondern die persönliche Ansprache: Du bist persönlich gemeint. So steht die Zusage Gottes schon beim Propheten Jesaja: „Fürchte dich nicht; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) An diese Liebeszusage Gottes schließt der auferstandene Jesus an – und das verändert alles.
Aber – noch ist die Geschichte nicht zu Ende. Vielleicht hat Maria gehofft, dass nun alles ungefähr so weitergehen kann wie bisher. Jesus ist ja wieder da, er ist wieder lebendig. Aber so ist es nicht: „Berühre mich nicht, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren“, sagt Jesus. Das berühmte „Noli me tangere“, „Berühre mich nicht“. Du kannst mich nicht festhalten, so verstehe ich diese Aussage Jesu. Sie richtet sich auch schon an die Christen, für die Johannes diese Geschichte aufschreibt, die Christen, die Jesus nicht mehr leiblich sehen und nicht berühren können: Es wird nicht mehr, wie es war in den Jahren seines irdischen Lebens. Es wird anders und neu – und das gilt für die Geschichte der Kirche bis zu uns. Der auferstandene Herr ist auf eine neue, unsichtbare Weise bei seiner Gemeinde gegenwärtig. Darauf zielt die Osterbotschaft. Und mit dieser Osterbotschaft zieht Maria los. Anfassen darf sie Jesus nicht. Aber sie ist innerlich berührt, und darum kann sie nicht schweigen: „Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe“. Und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf – bis zu uns.
Ich halte für mich vier Einsichten aus dieser besonderen Ostergeschichte fest.
Und schließlich 4.: Ostern setzt in Bewegung. Maria zieht los und erzählt, was sie erlebt hat. Und damit beginnt die Bewegung der Sache Jesu, die bis heute nicht aufhört. Menschen vertrauen auf seine Gegenwart. Menschen sagen die gute Nachricht von der unbedingten Liebe Gottes weiter, die stärker ist als der Tod. Menschen machen ernst mit Jesu Botschaft der unbedingten Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. Der auferstandene Christus ist da gegenwärtig, wo wir Arme unterstützen, Kranken beistehen und uns allen Trends von Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit entgegensetzen. Und vor allem: Im Vertrauen auf Ostern machten sich Menschen auf den Weg mit einer unerschütterlichen Hoffnung. Wie verrückt die Zeiten auch sind und manchmal wie niederdrückend: Wo die Osterbotschaft gehört wird, da ist die Lebenshoffnung größer als die Todesangst.
Und wo die Osterbotschaft gehört wird, ist das Lachen stärker als das Weinen. „Die Welt ist mir ein Lachen“, so dichtet Paul Gerhard, wir werden es nachher singen. Wir können den Tod auslachen und alles, was die Signatur des Todes trägt.
Deshalb zum Abschluss: Ein Prediger ist sehr von seinen Fähigkeiten überzeugt. Er fragt stolz einen Kollegen: "Haben Sie meine letzte Predigt gehört?" Die Antwort: "Wenn ich gewusst hätte, dass es Ihre letzte Predigt war, wäre ich gekommen“.
Da liebe Gemeinde, sind Sie gut dran. Dies war in Stade meine letzte Predigt zu Ostern. Also haben Sie nichts falsch gemacht, dass Sie da sind.
Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Ostern.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!
Amen.
Predigt über Joh 18,28-19,5 beim Generalkonvent 2025
Stadtkirche Rotenburg, 2. April 2025
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
1.300 und 7.200. Das sind die Zahlen der Kampagne der Landeskirche zur Bundestagswahl für „Menschenwürde“, „Nächstenliebe“ und „Zusammenhalt“. Innerhalb von wenigen Wochen wurden Anfang des Jahres 1.200 große Banner für Kirchen und Gemeindehäuser abgerufen sowie 7.200 Plakate. Eine Erfolgsgeschichte. Ich war ein wenig stolz auf unsere Gemeinden und unsere Kirche über die flächendeckende Beteiligung an diesem Engagement für die Demokratie. Eine höhere Beteiligung als bei jeder Kampagne zuvor.
18,28 und 19,5. Das sind die Verse im Johannesevangelium für den Predigttext des kommenden Sonntags Judika; wir haben sie gehört. Jesus vor Pilatus. Der Sohn Gottes und die römische Obrigkeit; Geistliche und weltliche Macht. Das nun auch als Predigt-text beim Generalkonvent zum Thema „Demokratie“. Der liebe Gott tut nichts als fügen.
Allerdings: Unkomplizierter wird es damit nicht. Die Geschichte von Jesus vor Pilatus ist kompliziert genug. Ein ständiges Hin und Her, Fragen, Missverständnisse, Feigheit, Unrecht …
Es ist früher Morgen. Noch bevor der Tag begonnen hat. Langsam klären sich die Dinge im aufsteigenden Licht. Wir sehen zwei Bühnen, auf denen sich die Szenen abspielen.
Die eine Bühne ist außen vor dem Prätorium, dem Dienstsitz des römischen Statthalters Pilatus. Hier ist die Menge, die Jesus zu Pilatus gebracht hat und seine Tötung verlangt. Johannes bezeichnet sie als οἱ Ἰουδαῖοι, die Juden, die Judäer. Wir haben die gefährliche Wirkungsgeschichte im Blick, die das Johannesevangelium haben konnte: „Die Juden sind schuld am Tod Jesu“. Wichtig im Blick zu haben, dass es nicht „die Juden“ sind, sondern Vertreter der jüdischen Behörden. Und vor allem, dass sie Repräsentanten der ganzen „ungläubigen Welt“ sind, die Jesus ablehnt. So steht es ja schon in Joh 1: „Die Welt hat ihn nicht erkannt.“ Also: Sie fordern Jesu Tod. Pilatus will das nicht, er möchte ihn zum Passah-Fest freilassen. Der Mob aber brüllt Pilatus nieder und fordert stattdessen Barabbas, einen veritablen Verbrecher. Und er bekommt seinen Willen. Jesus wird gegeißelt, sie setzen ihm die Dornenkrone auf. Der Kreuzweg nimmt seinen Lauf.
Die andere Bühne ist innen im Palast. Pilatus spricht mit Jesus. Immerhin, sie reden, ernsthaft. Vielleicht will Pilatus auch verstehen. Doch sie gebrauchen dieselben Worte, aber sie verstehen sich nicht. Wie so oft. Das Thema: Ist Jesus ein König? Das ist der Vorwurf gegen ihn. Pilatus hört es auf der politischen Ebene. Jesus aber sagt in den kreisenden Wendungen des Gesprächs: „Ja, ein König bin ich. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Das Königtum Jesu äußert sich nicht darin, dass er es mit Macht durchsetzt, sondern dass er die Wahrheit bezeugt: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Damit kann Pilatus wenig anfangen. „Was ist Wahrheit?“ Nicht das einzige Zitat aus diesem denkwürdigen Gespräch, das Geschichte gemacht hat. Die Leser des Johannes aber wissen, dass die Wahrheit keine abstrakte Größe ist, keine Theorie, sondern dass Pilatus die Wahrheit in Person vor sich hat. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, so hat Jesus kurz zuvor (14,6) gesagt.
Pilatus geht hin und her zwischen den beiden Bühnen. Sieben Mal wechselt die Szene von innen nach außen und zurück. Pilatus ist ein Ruheloser, ein Getriebener, ein machtloser Mächtiger. Er ist mickrige Figur. Offenbar ahnt er etwas Richtiges. Aber am Ende lässt er Jesus hinrichten, obwohl er von seiner Unschuld überzeugt ist. Ein Opportunist, der über Menschenleben geht, um seine Macht zu erhalten. Ach, wie aktuell kommt uns das vor. Jesus wird das Opfer eines gewissenlosen Oligarchen. Und doch: Am Ende sagt er, der die Wahrheit nicht kapiert, unwissend doch noch die Wahrheit: „Ecce homo“ – seht welch ein Mensch. Noch ein Wort, das Weltgeschichte gemacht hat, auch in der Kunstgeschichte: Bilder, die Jesu Verletzlichkeit zeigen, in die er freiwillig hineingeht, ohne sich zur Wehr zu setzen.
Das alles nun zu einem Generalkonvent über „Demokratie“. Die Begegnung von geistlicher Autorität und weltlicher Macht passt irgendwie schon. Und auch nicht. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ sagt Jesus. Das heißt ja wohl auch: Über Regierungsformen wird hier nichts gesagt, sondern über den Sohn Gottes, der ein Königreich der Liebe öffnet, das alles andere ist als eine Staatsform.
Ein wenig persönliche Erinnerung ist heute vielleicht erlaubt. Das erste wissenschaftlich-theologische Buch in meinen Händen, an das ich mich erinnere, war Franz Lau, Luthers Lehre von den beiden Reichen, 1952. Mein Religionslehrer in der 11. oder 12. Klasse hatte es mir gegeben, Superintendent Frank in Großburgwedel (das waren noch Zeiten, als Superintendenten Religions-unterricht geben konnten …). Ich hatte ein Referat über Luthers Zwei-Reiche-Lehre zu halten. Heute spreche ich eher von den Zwei Regimenten oder Regierweisen Gottes, man kann und muss viel dazu sagen, auch zu gefährlichen Missverständnissen im Luthertum, Stichwort „Eigengesetzlichkeit“ oder ein überzogenes Verständnis vom Gehorsam gegenüber der Obrigkeit nach Römer 12. Und doch: Die Unterscheidung scheint mir bis heute unverzichtbar: Der Bereich des Glaubens, in dem allein das Wort Gottes zählt und jede Gewalt ausgeschlossen ist. Und der Bereich weltlicher Macht und Gestaltung, in der der Staat auch „unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“ hat (so These V der Barmer Theologischen Erklärung). Diese Unterscheidung ist nötig, damit das Evangelium bleibt und auch, damit die Welt des Politischen von klerikalen Ansprüchen frei bleibt. Die klare Unterscheidung zwischen dem weltlichen Auftrag des Staates und dem geistlichen Auftrag der Kirche ist gerade aus Gründen des Glaubens zu bejahen. Und sie hat auf jeden Fall einen guten Anhalt in unserem Abschnitt. Jesus ist eben nicht ein König nach Art weltlicher Herrscher, sondern hat eine ganze andere Autorität, die der Wahrheit und der Liebe. Damit aber ist der Bereich der weltlichen Regierung nicht nur sich selbst überlassen. These V aus Barmen: Die Kirche „erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“
Und was haben wir nun biblisch und theologisch zur Demokratie zu sagen? Doch hoffentlich nicht „gar nichts“. Manche meinen das. Neulich erzählte auf einer Tagung Mario Fischer, der Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, von einer Diskussion zum Thema „Demokratie“. Als erstes habe sich ein Reformierter aus Ungarn zu Wort gemeldet: Es müsse klar sein: Zur Demokratie habe die Bibel gar nichts zu sagen. Und wo man in der Bibel auf das Volk gehört habe, sei das komplett schief gegangen. Er zitierte dazu die Geschichte vom Goldenen Kalb, um das die Menge tanzte. Und die Volks-Chöre in der Passionsgeschichte, die das „Kreuzige, kreuzige“ schrien.
Natürlich: Keine Staats- und Regierungsform lässt sich aus der Bibel einfach ableiten. Christenmenschen haben immer in verschiedenen Staatsformen gelebt und tun es bis heute. Und doch bin ich, sind wir heute überzeugt, dass eine freiheitliche Demokratie auch aus christlicher Sicht die beste Staatsform ist.
Noch eine Erinnerung: 1985 hat die EKD ihre berühmte Demokratie-Denkschrift veröffentlicht. Ich war an der Uni, ein Jahr nach dem I. Examen. Mir kam das befremdlich vor. So, als ob die EKD in einer Denkschrift mitgeteilt hätte, dass die Erde keine Scheibe sei, sondern eine Kugel. Zwar unbestreitbar richtig, aber überflüssig und aus der Zeit gefallen. Erst langsam verstand ich, dass das kirchliche Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie nicht so selbstverständlich war, nicht nach hinten gesehen, im Blick auf die Geschichte, und auch nicht nach vorn, wenn wir darauf schauen, wie wenig selbstverständlich Demokratie heute ist, bei uns wie in anderen Ländern, auch unter Christen. Die Aufzählung all der unfassbaren Beispiele dieser Zeit erspare ich uns an dieser Stelle. Sie zeigen aber: Das Statement der EKD war kein bisschen überflüssig, sondern höchst nötig.
Dasselbe gilt von Artikel 5 unserer Kirchenverfassung, den wir in den Jahren vor 2020 erarbeitet haben. Wir haben das mit Überzeugung getan, aber auch da hat wohl niemand geahnt, wie relevant das wenige Jahre später sein würde, das klare Votum für den freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Und ebenso die deutliche Verpflichtung auf ein „Zusammenleben in Vielfalt und die Gleichstellung von Menschen jeden Geschlechts“ sowie „gegen jede Form von Diskriminierung“. Heute können und müssen wir diese Verfassung Menschen, die in unsere Gremien gewählt werden oder Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, vorlegen und sie fragen, ob sie dem zustimmen.
In all dem zeigt sich, und das ist entscheidend: Demokratie ist viel mehr als eine Wahlform. Demokratie ist keine Abstimmungs-prozedur, sondern viel mehr. Zu ihr gehören Achtung der Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung. Und zu ihr gehört elementar, was Artikel 1 unseres Grundgesetzes so grandios absolut formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Für diesen Satz gibt es nun auch eine manifeste biblische und theologische Grundlage, besonders im zentralen Gedanken von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen. Unserem Bild vom Menschen, nach dem jeder und jede von Gott in unverlierbarer Würde geschaffen und geliebt ist, diesem Bild entspricht die Demokratie am stärksten. Über diese theologische Schiene argumentiert schon die EKD-Denkschrift von 1985, und das hat bis heute an Aktualität gewonnen, nicht verloren. Nein, eine Wahl- oder Staatsordnung steht nicht in der Bibel. Aber eine Sicht auf den Menschen, die in der freiheitlichen, sozialen und rechtsstaatlichen Demokratie am besten abgebildet ist.
Zurück zu Johannes. „Ecce homo“. „Seht, welch ein Mensch.“ Wir werden in unserem Predigttext erinnert an Jesus, diesen einen Menschen, in dem Gott selbst seinen Weg zu uns und mit uns Menschen geht, bis in unser Elend hinein, in Verrat, Feigheit, unschuldige Verurteilung, Sterben. Wir werden erinnert an Jesus, in dem Gott an unserer Seite ist als der Leidende und dann als der Lebendige. Er ist an unserer Seite, wo unsere Arbeit als Pastorinnen und Pastoren gelingt und da, wo wir scheitern, wo wir ratlos sind oder frustriert oder einfach nur müde. In all dem ist Gott an unserer Seite, wird selbst verletzlich, und geht mit uns in die Zukunft und in neues Leben. Auch in diesem Evangeliumstext höre ich zuerst das Evangelium, frohe und befreiende Botschaft, heute für uns Pfarrersleute.
Ecce homo: Wir werden erinnert an Jesus, den König der Liebe. Nein, sein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber wir leben in dieser Welt - in der Bindung an diesen König und im Vertrauen auf ihn. In dieser Bindung treten wir ein für die Achtung aller Menschen, für Freiheit und Gleichheit aller. Die Bindung an diesen einen Menschen prägt unseren Blick auf alle anderen Menschen und auf ihre Würde. Deshalb treten wir ein für „Menschenwürde“, „Nächstenliebe“ und „Zusammenhalt“, deshalb sind wir Anwälte und Verteidigerinnen der Demokratie. Mit 1.300 Bannern und 7.200 Plakaten. Und weit darüber hinaus.
Amen
Andacht zur Jahreslosung 2025
von Regionalbischof Dr. Hans Christian Brandy (Stade)
„Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thessalonicher 5,21)
Im Sommer 2025 werden meine Frau und ich umziehen in ein anderes Haus. Ein kleineres. Was also soll mitgenommen werden? Welcher der beiden Esstische? Ist noch Platz für die Kommode aus dem Familienerbe? Und welche Erinnerungsstücke aus dem Berufsleben? Am meisten graut mir vor der Auswahl der Bücher. Wir werden prüfen und entscheiden müssen.
„Prüft alles und behaltet das Gute!“, dazu ermuntert Paulus seine Glaubensgeschwister in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki. Er hatte diese Gemeinde bei einem kurzen Besuch gegründet. Es läuft nicht schlecht dort. Aber mit der Zeit macht sich bei manchen Glaubensmüdigkeit breit, manche verlieren die Hoffnung, es kommt auch mal zum Streit untereinander. Das ist irgendwie zeitlos. Paulus schreibt seinen Brief, um der Gemeinde Mut zu machen und ihr Orientierung zu geben in dieser multikulturellen Stadt. Denn Thessaloniki ist ein Ort, an dem die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen. So wie es nicht nur in Hafenstädten bis zum heutigen Tag ist.
In diesem vielschichtigen Umfeld ermutigt Paulus zu einer großen inneren Freiheit. Einer Haltung, die weltoffen alles prüft und in Gelassenheit schaut, was lebensdienlich ist. „Behaltet das Gute!“ Paulus traut den jungen Christinnen und Christen ein eigenständiges Urteil zu.
Bei Paulus bezieht sich das Wort auf die Frage, wie Menschen vom Glauben und von Gott sprechen. Hier gilt: Es gibt keine engherzigen Denk- und Sprechverbote. Vielmehr eben: „Prüft alles und behaltet das Gute“. Es darf eine große Weite geben, wenn wir als Christenmenschen von unserem Glauben reden. Auch heute braucht es eine Freiheit, Worte zu suchen, mit denen wir zeitgemäß vom Glauben reden können. Nur traditionelle Formeln zu wiederholen, überzeugt niemanden. Aber dazu gehört auch die eigenverantwortliche und gemeinsame Wachsamkeit. „Prüft!“ Am Zeugnis der Bibel, am Zeugnis von Christus. Und: Zum Glauben gehört der wache Verstand. Gerade in Zeiten mancher fundamentalistischen Glaubensprediger: Wir brauchen geistige Wachsamkeit und einen aufgeklärten Glauben. „Prüft alles!“
Unsere Zeiten sind generell in hohem Maße plural. Von den Angeboten im Supermarkt bis zu Informationen im Internet, von verschiedensten Lebensstilen bis zu politischen Positionen. Dieses Überangebot kann arg anstrengend sein. Paulus ermutigt zur Gelassenheit: „Prüft alles und behaltet das Gute!“
Naiv und blauäugig darf das nicht sein. „Wach und nüchtern“ sollen Christenmenschen auf die Welt blicken. Gerade wenn manche auf komplizierte Fragen und Probleme vermeintlich einfache Antworten geben. „Prüft alles“. Das hat dringliche Aktualität angesichts gefährlicher populistischer Tendenzen in unserem Land und einer wachsenden Zustimmung zu extremistischen Positionen. Das heißt auch ein klares „Nein“ zu allem, was das friedliche Zusammenleben und die Würde jedes einzelnen Menschen in Frage stellt. „Behaltet das Gute“ – das kann nur das sein, was ein Zusammenleben in Frieden, Respekt und Würde fördert.
„Prüft alles und behaltet das Gute!“ Wie kommen wir in einer Welt, in der uns mehr Möglichkeiten als je zuvor zur Verfügung stehen, zu Entscheidungen? Was dient dem Leben? Welchem inneren Kompass folgen wir? Christinnen und Christen finden Orientierung im Vertrauen auf Gottes Liebe, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Jesus hat uns gepredigt und auch vorgelebt, wie wahrhaftiges menschliches Handeln geht. An ihm und durch ihn können wir Orientierung finden. Entscheiden müssen wir gleichwohl selbst, in komplizierten Zeiten – in aller Freiheit, mit allem Risiko. Ohne Angst und in fröhlichem Gottvertrauen.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2025!
Dr. Hans Christian Brandy
Regionalbischof für den Sprengel Stade