Jesaja 43,1
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Tarmstedter Ausstellung. In diesen Tagen ist hier viel los. Menschen kommen, schauen, fragen, probieren aus, diskutieren.
Alte Bekannte treffen sich. Neue Kontakte entstehen. Es wird über Stalltechnik gesprochen, über Pflanzenbau, Landmaschinen, Tierhaltung, Energie, über Preise, über Politik und natürlich immer wieder über das Wetter.
Wer in der Landwirtschaft arbeitet, weiß wahrscheinlich besser als viele andere: Es gibt im Leben keinen festen Boden unter den Füßen: Eine Dürre. Zu viel Regen. Krankheiten. Preise, die einbrechen. Ein Unfall. Sorgen um die nächste Generation. – Manches kann man planen. Vieles nicht. Wir können vieles. Aber längst nicht alles.
Das Leben lässt sich nicht machen. Es lässt sich bearbeiten, gestalten, begleiten. Aber nicht beherrschen.
Was gibt Halt? So haben wir an unserem Kirchenstand gefragt: Was gibt Halt? Nicht nur auf dem Acker oder im Stall. Sondern im Leben.
Der Wochenspruch für diese Woche lautet: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein." (Jesaja 43,1)
Fürchte dich nicht.
Gott beginnt nicht mit einer Forderung. Er sagt nicht: „Nun glaub mal fester.“ Er sagt auch nicht: „Reiß dich zusammen.“ Er beginnt mit einer Zusage. Fürchte dich nicht.
Leicht gesagt. Wie klingt das für einen Menschen, der schon einmal um die Ernte gebangt hat. Der Tiere versorgt und nicht weiß, wie sich die Preise entwickeln. Der einen Hof übergeben oder übernehmen möchte.
Der krank geworden ist. Der einen Menschen vermisst. Der nachts wach liegt und überlegt, wie es weitergehen soll. Der weiß: Angst verschwindet nicht einfach.
Achtung – Gott spricht nicht: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Gott sagt: „Fürchte dich nicht – denn ich bin da.“ ---
Vor Jahren habe ich einen Kurzfilm gesehen: „Am seidenen Faden“. Der packend inszenierte Film zeigt einen Bergsteiger, der mitten im Winter eine gefährliche Steilwand hinaufklettert. Er will den Zweikampf mit dem Berg unbedingt gewinnen.
Er kommt in die Dunkelheit – und stürzt ab, nur gehalten von seinem Seil. Am Ende hängt er völlig hilflos im Seil, umgeben von der Dunkelheit der Nacht.
Er bittet Gott um Rettung. Ruft, klagt, schreit. Gott antwortet ihm: „Glaubst du wirklich, ich hätte die Macht, dich zu retten? ... Dann kapp das Seil!“
So groß ist der Glaube des Bergsteigers dann doch nicht. Er traut sich nicht. Traut der Stimme nicht. Und am nächsten Morgen findet man ihn erfroren – einen Meter über dem Boden hängend.
Fragen überkommen mich: Warum konnte Gott das nicht anders lösen? Warum konnte Gott nicht die Sicherheit geben, dass der Boden nah ist?
Aber das sind die falschen Fragen. Denn der Film erzählt vor allem etwas über uns Menschen: Wir halten uns oft an dem fest, was uns Sicherheit verspricht. Selbst dann, wenn diese Sicherheit nur scheinbar eine ist.
Loslassen fällt schwer. Vertrauen noch schwerer.
Ich glaube Gott durchaus. Aber wenn es ernst wird, halte ich lieber das Seil fest. Das Seil meiner eigenen Kontrolle. Das Seil meiner Sicherheiten. Das Seil: „Ich muss alles selbst schaffen.“
Dabei fällt mir auf: Bei Jesaja sagt Gott gar nicht zuerst: „Vertrau mir.“ Er sagt etwas anderes: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“
Jesaja spricht zu Menschen, die selbst den Boden unter den Füßen verloren haben. Israel lebt im Exil. Die Heimat ist verloren. Der Tempel zerstört. Alles, woran sie sich festhalten konnten, ist weg.
Und da sagt Gott nicht: „Jetzt reißt euch zusammen.“ Gott sagt: „Fürchte dich nicht.“
Furcht ist ein vielschichtiger Begriff. Wir fürchten uns vor Krankheit und Leiden. Vor dem Verlust der Arbeitsstelle. Vor Einsamkeit. Vor Streit und Zerrüttung. Vor Terror, Krieg. Das sind innere und äußere Abgründe, die sich auftun.
Furcht an sich ist nichts Schlimmes. Sie gehört zum Menschsein dazu. Warnt und schützt vor Gefahr.
Sie kann sich aber auf den ganzen Menschen ausdehnen, kann sein Denken und Handeln besetzen, so dass er getrieben ist und nicht mehr weiß, was er oder sie tun soll.
Und aus solcher Herrschaft der Furcht will Gott uns herausreißen. Gott weiß: wir sind mehr als das, was wir in unserer Angst wahrnehmen. Gott will nicht, dass Verzweiflung und Angst das letzte Wort haben über uns, denn er ist größer als alles, was uns ängstigen könnte.
Deshalb sagt Gott: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“
Gott interessieren keine Zahlen. Keine Nummern. Keine Betriebsgrößen. Keine Statistiken. Keine Flächenangaben.
Gott kennt Namen. Gesichter. Geschichten. Gott weiß, wer nachts nicht schlafen kann. Wer sich fragt, wie es weitergehen soll. Wer um einen Menschen trauert. Wer Angst vor der Zukunft hat. Wer nach außen stark wirkt und innen müde geworden ist.
Gott weiß damit auch, was wir tragen. Die Verantwortung für einen Betrieb. Für Mitarbeitende. Für die Familie. Für Eltern, die älter werden. Für Kinder, die ihren eigenen Weg suchen.
Manchmal steht die Frage im Raum, ob die nächste Generation weitermachen will. Oder ob sie es überhaupt kann. Auch das gehört heute zur Wirklichkeit vieler Höfe.
Und mitten hinein sagt Gott: Ich kenne dich. Nicht: „Ich kenne euch.“ Gott sagt: Ich kenne dich. Nicht erst, wenn alles gelingt. Schon jetzt. Das ist ein anderer Halt.
Deshalb ist es mir so wichtig, dass wir als evangelische Kirche auf dieser Ausstellung vertreten sind. Jedes Jahr. Nicht mit großen Antworten auf alle Fragen. Sondern mit Menschen, die zuhören.
Der Verein der TelefonSeelsorge Elbe-Weser ist da. Die landwirtschaftlichen Sorgentelefone, die Familienberatungen waren am Freitag da.
Manchmal braucht ein Mensch zuerst jemanden, der ihm zuhört. Jemanden, der nicht gleich Lösungen parat hat. Sondern Zeit. Ein offenes Ohr. Einen geschützten Raum.
Gerade Menschen in der Landwirtschaft tragen oft viel Verantwortung. Man ist es gewohnt, anzupacken und durchzuhalten. Nicht selten ist für das, was einen innerlich belastet, kein Platz. Nach außen läuft der Betrieb weiter. Aber innen sieht es manchmal ganz anders aus. Wie gut, wenn es dann Menschen gibt, die sagen: „Erzähl doch mal. Wie geht es dir?“
Und ich glaube: Auch darin zeigt sich etwas von Gottes Nähe. Dass niemand mit seinen Sorgen allein bleiben muss. Dass Gott uns oft durch Menschen begegnet, die zuhören, mitgehen und ein Stück Last mittragen.
Vielleicht ist das ein anderer Halt als der, den wir uns oft wünschen. Wir wünschen uns Sicherheit. Einen festen Plan. Keine Krankheiten. Keine Krisen.
Das alles wäre schön. Aber Gott verspricht es nicht. Er verspricht etwas anderes: Du bist mir nicht gleichgültig. Du wirst nicht vergessen. Dein Leben liegt in meinen Händen.
Vielleicht kennt Ihr das von kleinen Kindern. Sie laufen neben Vater oder Mutter her und halten deren Hand fest.
Eigentlich ist es umgekehrt. Nicht das Kind hält den Erwachsenen. Der Erwachsene hält das Kind. Und wenn das Kind stolpert, bleibt es nicht stehen, weil es so kräftig festgehalten hat. Sondern weil jemand anderes stärker festhält.
Vielleicht ist das der eigentliche Halt des Glaubens. Nicht, dass unser Glaube immer stark wäre. Sondern dass Gottes Hand stärker ist als unsere. ---
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
„Du bist mein.“ Einer der zärtlichsten Sätze der Bibel. Nicht besitzergreifend. Sondern voller Liebe. Und er sagt auch: Ich lasse dich nicht fallen.
Wenn die Ausstellung morgen zu Ende geht, leert sich der Platz. Die Zelte auch. Die Maschinen werden verladen. Auf vielen Höfen wartet schon wieder die Arbeit.
Das Leben geht weiter. Mit allem, was dazugehört. Mit Freude. Verantwortung. Mit manchen Sorgen, die niemand kennt.
Was gibt Halt?
Vielleicht nicht zuerst die Dinge, an denen wir uns festhalten. Sondern der Eine, der uns festhält. Der sagt: „Fürchte dich nicht.“
Nicht, weil keine Dunkelheit kommt. Sondern weil wir ihr nicht allein begegnen.
Nicht, weil wir nie abstürzen. Sondern weil wir auch im Fallen nicht aus seiner Hand fallen.
Und vielleicht wächst aus diesem Vertrauen manchmal sogar der Mut, das eine oder andere Seil loszulassen. Nicht leichtfertig. Aber getragen von dem, der schon lange sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.