Komm! Wir ziehen in den Frieden
Friede sei mit Euch. Amen.
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Ehrenamtliche und Hauptamtliche in der Kirche mit Kindern,
„Komm, wir ziehen in den Frieden.“ Das klingt wie eine Einladung zu einem Ausflug. Komm, wir gehen los. Zusammen. Aber eigentlich ist es viel mehr: eine Sehnsuchtsaufforderung.
Denn wir leben nicht im Frieden. Jedenfalls nicht in dem Frieden, den dieses Lied meint. Wir leben in einer Welt, in der Kriege geführt werden, in der Menschen fliehen müssen, in der die Klimakrise Ängste weckt und in der Populisten und Extremisten mit einfachen Antworten um Aufmerksamkeit und Einfluss kämpfen.
Auch Kinder bekommen davon längst etwas mit, und sind zudem nicht selten Ziel seelischer und körperlicher Gewalt.
Und deshalb ist „Komm, wir ziehen in den Frieden“ eine Entscheidung: Ich will nicht, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.
Ich will Verantwortung übernehmen – für diese Welt und für die Menschen, die mit mir leben und nach uns kommen. Für die Kinder.
Dafür sind Sie heute hier. Sie arbeiten mit Kindern. Sie bringen ihnen Geschichten nahe, singen mit ihnen, spielen, basteln, diskutieren, feiern Gottesdienst. Das mag manchmal nach kleinen Dingen aussehen.
Aber es ist nicht klein. Denn wer mit Kindern arbeitet, arbeitet an der Zukunft. Und vielleicht noch mehr: Wir arbeiten daran, welches Bild ein Kind von der Welt und von sich selbst gewinnt:
- Ist die Welt ein Ort, an dem ich Angst haben muss – oder ein Ort, den ich mitgestalten kann?
- Bin ich anderen ausgeliefert – oder kann ich etwas bewirken?
- Ist Gewalt die Sprache, die sich am Ende durchsetzt – oder gibt es einen anderen Weg?
Wir als Kirche haben hier eine besondere Verantwortung. Denn wir wissen um die Kraft von Bildern und Geschichten. Wir wissen, dass das, was Kinder hören und erleben, in ihnen weiterwirkt. Und wir wissen zugleich um unsere eigene Geschichte in Deutschland.
Heute haben Sie sich unter anderem mit der Frage beschäftigt: Wie können wir Kindern den Holocaust angemessen vermitteln?
Ich erinnere mich an meine erste Gemeinde. Ich wollte mit Konfirmandinnen und Konfirmanden in die Gedenkstätte Bergen-Belsen fahren. Es gab einen Aufschrei unter Eltern: Das könne man Zwölfjährigen doch nicht zumuten. Viel zu schwer!
Und ich habe damals gefragt: Warum eigentlich nicht? Ich hätte es schon angemessen vor- und nachbereitet. Aber die Eltern machten weiter Stimmung; es gab keine Exkursion zur Gedenkstätte.
Natürlich müssen wir Kindern Geschichte angemessen erzählen. Wir dürfen sie nicht mit Bildern und Grauen überfordern. Aber wir dürfen ihnen auch nicht die Wahrheit vorenthalten.
Denn wie sollen Kinder verstehen, was „Nie wieder!“ bedeutet, wenn wir ihnen nicht zutrauen, etwas über das Damals zu erfahren?
„Nie wieder“ ist kein Satz aus einem Geschichtsbuch. „Nie wieder“ ist eine Aufgabe.
Und gerade als Kirche können wir dazu beitragen, dass Kinder verstehen: Jeder Mensch hat Würde. Niemand ist mehr wert als ein anderer. Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Behinderung entscheiden nicht darüber, welchen Wert ein Mensch hat.
Das steht in unserem Grundgesetz. Und es steht – noch tiefer – in der biblischen Botschaft.
„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Jesus sagt nicht: Selig sind, die den Frieden bewundern. Nicht: Selig sind, die über Frieden reden. Sondern: Selig sind die, die Frieden stiften.
Frieden ist deshalb in der Bibel niemals bloß die Abwesenheit von Krieg. Der biblische Frieden – Schalom – meint ein Leben, in dem Menschen aufatmen können. In dem Gerechtigkeit herrscht. In dem niemand ausgeschlossen wird. In dem Kinder leben können, ohne Angst vor Gewalt.
Darum sind die großen Friedensbilder der Bibel so kühn. „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.“
Jesaja träumt sogar davon, dass Wolf und Lamm beieinander wohnen. Und er erzählt von einem Kind, das diese neue Welt anführt. Vielleicht kein Zufall.
Denn die Bibel setzt immer wieder bei den Schwachen, den Kleinen, den Schutzbedürftigen an. Bei denen, die noch nicht über Macht verfügen.
Und vielleicht ist genau das auch unsere Aufgabe: Kindern eine Vorstellung davon zu geben, dass die Welt anders sein kann.
Nicht naiv. Nicht weltfremd. Wir wissen, dass es Krieg gibt. Wir wissen um Antisemitismus und Rassismus. Wir wissen, wie schnell Worte verletzen und Menschen ausgegrenzt werden können.
Aber wir dürfen Kindern nicht nur erzählen, was ist. Wir müssen ihnen auch erzählen, was sein kann.
Darum sind Friedensspiele wichtig. Friedenslieder. Eine Friedensrallye. Gemeinsames Basteln.
Nicht, weil damit die Welt gerettet wäre. Sondern weil Kinder dabei erfahren: Ich kann etwas tun. Ich kann mich einmischen. Ich kann widersprechen. Ich kann helfen. Ich kann jemanden nicht allein lassen.
Und vielleicht ist das der tiefste Sinn des Satzes: „Komm! Wir ziehen in den Frieden.“
Wir ziehen. Nicht: Wir sind schon angekommen. Frieden ist kein Zustand, den wir irgendwann besitzen. Frieden ist ein Weg, den wir miteinander gehen.
Und wir gehen ihn nicht allein. Udo Lindenberg singt in seinem Lied „Komm, wir ziehn in den Frieden“: „Wir sind mehr als du glaubst. Wir sind schlafende Riesen.
Aber jetzt stehen wir auf.“
Das ist ein guter Gedanke für Kirche. Denn manchmal schauen wir auf unsere kleine Zahl, auf unsere Schwierigkeiten, auf das, was weniger geworden ist.
Lasst uns stärker darauf schauen, was in Menschen geweckt werden kann:
- Ein Kind, das gelernt hat, dass jeder Mensch Würde hat.
- Ein Kind, das erlebt hat: Ich werde gehört.
- Ein Kind, das weiß: Gewalt ist nicht alternativlos.
- Ein Kind, das gelernt hat, einem anderen die Hand zu reichen.
Das sind keine kleinen Dinge. Das ist Friedensarbeit.
Und vielleicht beginnt Frieden tatsächlich genau dort: dass einer dem anderen zutraut, ein Mensch zu sein, der mitgestalten kann.
Wir als Kirche haben dafür einen besonderen Auftrag. Wir dürfen Kindern nicht versprechen, dass ihr Leben immer sicher sein wird. Das wäre nicht ehrlich.
Aber wir können ihnen etwas anderes geben: einen festen Grund. Den Glauben daran, dass sie von Gott gewollt und geliebt sind. Den Glauben daran, dass kein Mensch verloren geht in der Menge. Den Glauben daran, dass Gewalt nicht das letzte Wort haben muss.
Und die Hoffnung, von der Jesaja spricht: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.“
Das ist keine Vertröstung. Es ist Gottes große Gegenrede gegen alles, was Menschen klein macht, verletzt und zerstört.
Und vielleicht ist deshalb unsere Aufgabe mit Kindern so wichtig: Wir halten diese Hoffnung lebendig. Wir erzählen von einer Welt, in der Kinder leben können, ohne Angst. Wir erzählen von einem Gott, der Frieden will.
Danke Euch allen für Euer Engagement in der Arbeit mit den Kindern. Danke für Eure Zeit, Eure Ideen.
Dass Ihr mit Kindern einübt, was es heißt, Frieden zu stiften. Nicht irgendwann. Heute. Miteinander.
Darum lasst uns weitergehen. Mit Kindern. Für Kinder.
Komm, wir ziehen in den Frieden.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.