Predigten und Andachten von Regionalbischöfin Sabine Preuschoff

Andacht zur Jahreslosung 2026

„Was mein Leben reicher macht.“ Eine großartige Rubrik einer Zeitung, die ich gerne lese. Es geht dort um alltägliche Schilderungen von Menschen, die ihnen einen bereichernden Blick auf ihr Leben geschenkt haben: Der glitzernde Tau auf dem morgendlichen Gras, der Duft von Kaffee, das ansteckende Lachen eines Kindes. Es geht um das aufmerksame Wahrnehmen: Sehen, Hören, Schmecken.

Ums Wahrnehmen geht es auch in der Losung für das neue Jahr: Der Seher Johannes hat uns in seiner Offenbarung aufgeschrieben, was er sieht. Auf der griechischen Insel Patmos, wohl in einer Situation von Gefangenschaft und Verbannung durch die römische Besatzungsmacht, öffnet sich ihm der Himmel. Der Horizont bricht auf, eine Tür öffnet sich, eine neue Erde und ein neuer Himmel kommen in Sicht. „Siehe, ich mache alles neu!“ Das sind die Worte Gottes, die Johannes in seinen Visionen hört. Sie machen ihm Mut und geben ihm Hoffnung auf die zukünftige Welt.

Wie schauen Sie persönlich am Anfang des neuen Jahres in die Zukunft? Mich hat erschreckt zu lesen, dass in Deutschland laut einer aktuellen Unicef-Umfrage zwei Drittel aller Jugendlichen pessimistisch in die Zukunft blicken und eine Mehrzahl der Erwachsenen ebenso. Die Zukunft als ein mieser Ort?

Nicht nur für das eigene Leben hat es Auswirkungen, wenn wir die Zukunft so düster sehen. Auch für unsere Demokratie wird es problematisch, denn sie funktioniert nur, wenn Menschen daran glauben, dass mit ihr eine gute Zukunft möglich ist.

„Siehe, ich mache alles neu!“ Johannes sieht die Zukunft nicht rosarot, denn er schreibt aus einer Situation der Bedrängnis, der Gewalt, der Unterdrückung und Verfolgung heraus. Aber er sieht die Welt im Lichte Gottes, der am Anfang alles geschaffen hat. „Und siehe, es war sehr gut“, heißt es im 1. Buch Mose (1.Mose 1, 31). Auch am Ende steht eine neue Schöpfung, in der Gott alle Tränen abwischen wird, denn der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid oder Schmerz.

Die Jahreslosung ist durchzogen von Hoffnung und weckt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und einem Leben jenseits von Gewalt und Tod. „Hoffnungslosigkeit ist keine Option“, so kurz und bündig hat die US-amerikanische Bischöfin Mariann Edgar Budde es auf dem Kirchentag in Hannover gesagt.

Wer noch hofft, wird aktiv. Denn das Morgen ist etwas, was wir gestalten können und das sich gestalten lässt. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig Hoffnungsgeschichten erzählen von gelingendem Leben. Es gilt durchaus, die Krisen und Probleme unserer Zeit zu sehen und wahrzunehmen, aber sich mit Hoffnungstrotz nicht von ihnen lähmen zu lassen.

Der Seher Johannes nimmt gerade in seiner Situation der Bedrängnis eine andere Welt wahr. Die Tür zum Reich Gottes ist für ihn aufgestoßen. Durch Jesus ist dies geschehen. Er hat die Tür zum Reich Gottes nicht nur aufgestoßen, sondern er ist selbst die Tür zu diesem Reich. Einer Welt ohne Unrecht und Machtmissbrauch. So wie er sie uns in seinen Gleichnissen, in seinem Handeln, in seinen Worten offenbart hat.

Mein Wunsch für das neue Jahr? Genau hinsehen, wahrnehmen, wo die neue Schöpfung Gottes schon Gestalt annimmt. In unserem je eigenen Leben, in unseren Gemeinden, in unserem Dorf und unserer Stadt. Einen Blick zu haben für das, was unser Leben reicher macht. Und davon anderen zu erzählen und solche guten Nachrichten zu teilen. Damit wir daraus Kraft, Hoffnung und Glauben schöpfen, um unsere Zukunft zu gestalten.

Als neue Regionalbischöfin zwischen Elbe und Weser freue ich mich auf gute Begegnungen mit vielen von Ihnen und wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2026!

Ihre
Sabine Preuschoff

Predigt am 2. Weihnachtstag, 26. Dezember 2025, St. Wilhadi-Kirche Stade

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

„Es ist mir schon wichtig, mit den Kindern Weihnachten in die Kirche zu gehen,“ sagte mir die Frau im Taufgespräch. „Die sollen ja doch das Weihnachtsmärchen mit Maria und Josef erleben – das ist immer so nett.“

Was soll man da noch sagen? War es das, was die Kinder und Jugendlichen Heiligabend in der Christvesper aufgeführt haben? Ein nettes Märchen?

Mag sein, dass es für viele Menschen so ist. Weihnachten wird diese Geschichte wieder herausgeholt, abgestaubt und vorgespielt:

Die Geschichte von Maria und Josef, die nach Bethlehem ziehen und dort nur in einem Stall Unterschlupf finden. Von den Hirten und Sterndeutern, die von dem neu­geborenen König hören und zum Stall eilen, um das Kind zu sehen und zu begrüßen.

So kennen viele die Geschichte. Und für manche ist sie nach vielem Hören wohl bloß noch ein Märchen.

Die Weihnachtsbotschaft nach den Worten des Lukasevangeliums. Sie hat sich in den Köpfen und Herzen verselbstständigt. Sie ist angerei­chert durch unzählige Geschichten, Legenden und Bilder, die wir einmal gehört oder gesehen haben.

Sie ist auch ein Spiegel eigener Wünsche: nach einer heilen Familie, nach einem guten Stern, der uns leitet, nach dem Glauben der Hirten, nach Kindheit und Heimat und einer besseren Welt.

Unsere eigenen Sehnsüchte lassen uns die Ge­schichte vom Kind, vom Gotteskind anders hö­ren, als die Bibel sie erzählt. Aber unsere Sehnsucht ist das eine. Gottes Ankunft in der Welt ist das andere, das ganz an­dere.

Der Evangelist Matthäus braucht dazu nur weni­ge Worte. Er erzählt die Weihnachtsgeschichte ohne Dekoration. Und aus etwas anderer Per­spektive.

Ich lese das Evangelium – wie es bei Matthäus im 1. Kapitel (Mt 1,18-21.24) steht. Wir haben es als Lesung gehört. Ich lese es jetzt nach einer Übersetzung von Jörg Zink:

Die Umstände, unter denen Jesus zur Welt kam, waren ungewöhnlich. Seine Mutter Maria war einem Mann namens Joseph verlobt, und als Joseph sie heimholte, stellte sich, bevor die Ehe geschlossen war, heraus, dass sie schwanger war durch den heiligen Geist,

Joseph, ihr Mann, der ihr kein Leid zufügen wollte, mochte sie nicht vor Gericht ziehen (wie es damals Sitte war), gedachte aber, sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Während er mit diesem Gedanken umging, erschien ihm im Traum ein Bote Gottes und sprach ihn an: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Denke daran, Gott hat es schon durch einen Propheten ankündigen lassen: „Ein Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, dessen Name wird „Immanuel“ sein, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Als Joseph er­wachte, tat er, was ihm Gottes Bote befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er wohnte ihr aber nicht bei bis zur Ge­burt ihres Sohnes, dem Joseph den Namen „Jesus“ gab.

Matthäus berichtet aus der Perspektive des Jo­sef. Josef – oft eine Randfigur im Weihnachtsge­schehen.

Entweder steht er hinter Maria oder auf der anderen Seite der Krippe, bei den Hirten. Josef ist fast nur Sta­tist. Der Mann im Schatten, der große Schweiger. Unauffällig wie Ochs und Esel. Alles konzentriert sich auf Maria und das Kind.

Ein Erlebnis beim Aufstellen der Krippe in einer Kirche spiegelt das wieder:

„Hat einer von euch Josef gesehn? In der Weih­nachtskiste bei den Figuren ist er nicht.“ – „War der nicht letztes Jahr kaputt gegangen?“ – „Den hatten wir doch aussortiert. Astrid wollte ihn repa­rieren.“ -

„Aber die ist nicht da, - so was Blödes“ – „Macht doch nichts. Hauptsache, Maria ist da. Und das Kind natürlich. Nimm doch einfach einen Hirten. Dass Josef nicht da ist, fällt eh keinem auf.“

Bei Matthäus ist das anders. Bei ihm spielt Josef eine Hauptrolle.

Ein Kind wird geboren. Ein besonderes Kind. In ihm ist Gott bei uns. In diesem Kind ist Gott mit uns. Sein Name ist Programm: Jesus, hebräisch je­schua - Gott rettet. Das ist die uralte, immer wie­der neue Botschaft von Weihnachten.

Matthäus geht als Evangelist weit zurück an den Anfang: er berichtet zunächst von einem langen Stammbaum über drei mal vierzehn Generatio­nen (das habe ich nicht verlesen), Vorfahren, Väter und Mütter, die das Kind einbinden in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.

Auf Abraham und David führt Matthäus Josefs Abstammung zurück, auf den Urvater Israels, mit dem Gott Besonderes vorhat. Und auf den von Gott erwählten und durch seinen Propheten ge­salbten König.

Das Gotteskind hat auch eine Mutter, erzählt Matthäus, eine junge Frau: Maria. Aber weil es ein besonderes, eben ein Gotteskind ist, darum liegt über seiner Geburt ein Geheimnis.

Maria war schwanger von dem heiligen Geist, so heißt es. Wie soll das gehen – fragt sich der aufgeklärte Mensch von heute?

Ein Blick in die Geschichte Gottes mit den Men­schen zeigt: Wenn Gott ein neues Kapitel auf­schlägt, dann haben Frauen in Israels Geschich­te – gegen alle Wahrscheinlichkeit von Biologie oder Moral – Söhne zur Welt gebracht:

Sarah gebiert in hohem Alter Isaak, eine namen­lose unfruchtbare Frau den Richter Simson, Hannah, die so verzweifelt auf ein Kind wartete, bringt Samuel zur Welt und die altgewordene Eli­sabeth jubelt über Johannes, den späteren Täufer.

Besondere Umstände, besondere Kinder, beson­dere Gestalten in der Geschichte des Gottesvol­kes. Für den, der bereit ist, sich für Geheimnisse zu öffnen, ist die Botschaft eindeutig:

Da ist Gott selbst am Werk, der Schöpfer, der aus dem Nichts und sogar aus dem Tod neues Leben rufen kann.

„Schwanger vom Heiligen Geist“. Für unsere neuzeitlichen Ohren klingt das irri­tierend. Für Matthäus ist es aber eine Möglich­keit, ein unbegreifliches, unfassbares Wunder auszudrücken:

Hier ist wirklich Gott selbst im Spiel. Was das heißt, ist keine Frage der Biologie, sondern der Theologie. Es wird deutlich: In diesem Kind ist Gott prä­sent, der Schöpfer, der Retter und Bewahrer.

Maria, seine Mutter, erlebt das eigentlich Unmög­liche am eigenen Leib. Sie spürt die Veränderun­gen, die Bewegungen des in ihr wachsenden Le­bens.

Und macht uns damit Mut: Bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn ich keine Möglichkeiten, keine Perspektiven mehr sehe für mein Leben, dann kann Gott an mir handeln und mich neu aufstellen. Ja, er kann Wunder an mir tun.

Aber was ist mit Josef? Er versteht nicht, er kann auch nicht verstehen, was da passiert:

Schande, Vertrauensbruch. Seine Frau ist schwanger – aber nicht von ihm. Was da geschehen ist, ist verletzend und tut weh. Und schreit in der damaligen Welt förmlich nach Rache und öffentlicher Blo­ßstellung.

Man stelle sich das einmal vor: die Verlobte ist plötzlich schwanger, ohne dass Mann sich selbst erklären könnte, von wem. Ein Kuckuckskind. „Für das bin ich nicht verantwortlich.“ Und so will sich Josef aus der Verantwortung stehlen.

Wie oft erleben wir so etwas: Da bin ich plötzlich vor eine Aufgabe gestellt, von der ich glaube, sie nicht lösen zu können:

Eine schwierige, scheinbar unlösbare Situation im Berufsleben. Ein Konflikt im Freundeskreis. Eine schwere Krankheit, die alle Zukunftspläne zunichte zu machen scheint.

Ich stehe davor und würde am liebsten davonlaufen; mich aus der Verantwortung stehlen. So wie Josef.

Aber das ist nicht Gottes Weg. Und darum greift Er wieder ein. Im Schlaf zeigt er Josef, was der tun soll. Ein Bote Gottes erscheint ihm im Traum. Er hat den Auftrag, Josef über Gottes Willen aufzuklären.

Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Das also ist Gottes Weg in die Welt: ein Kind, sein Kind. Das Gotteskind soll nicht heimlich ge­boren werden, sondern eine Familie haben, ei­nen Stammbaum mit Wurzeln, die weit in die Ge­schichte reichen bis zu David, bis zu Abraham. Gott verbindet sich so mit seinem Volk.

Und auch sein Name knüpft an das an, was schon vor ihm war: Jesus, Gott rettet, soll das Kind heißen.

Damit ist alles Entscheiden­de gesagt. In diesem Kind, im Gotteskind hat Gott wahr gemacht, was er versprochen hat. Er überlässt die Welt nicht sich selbst, sondern mischt sich ein, so wie er sich immer schon in die Geschichte seines Volkes eingemischt hat und für sein Volk da war.

Da braucht es weder Stall noch Krippe, weder den Jubel der Engel noch das Staunen der Hir­ten. Ein Kind wird geboren, das verkündet: Gott rettet. Das ist Weihnachten pur, in nüchternen Worten beschrieben.

Und was ist mit uns? Wo bleiben wir in dieser Geschichte, wir mit unserer Sehnsucht, unseren Wünschen, unserem manchmal schwankenden, oft matten Glauben? Wir mit unseren Zweifeln und unserer Hoffnung?

Matthäus macht es uns nicht leicht. Weihnachten pur – ohne Engelschor, ohne Stall und Hirten: Jesus, Gott rettet, wird gebo­ren und ist so mitten unter uns.

Wir können das glauben oder ablehnen, bestau­nen oder belächeln. Wir können das für Unsinn halten oder zur Basis unseres Lebens machen. Wir können das ignorieren oder uns davon be­rühren lassen.

Was also tun wir? Von Josef können wir lernen, mit „Weihnachten pur“ umzugehen. Als Josef hört, was geschehen ist, denkt er zunächst einmal ganz menschlich: Das Kind ist nicht von mir; ich wurde betrogen, also werde ich diese Frau verlassen.

Aber dann lässt er sich doch an­sprechen, lässt sich berühren. Er hört auf einen Traum, er ist offen für eine an­dere Wirklichkeit als die, die nur sein Verstand ihm erschließt. Er ist bereit, die Wirklichkeit – gegen allen Augenschein – im Licht Gottes zu sehen. Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.

Am Ende lässt er sich vertrauensvoll und gehor­sam ein auf das, was Gott von ihm will: „Er tat, wie ihm der Bote des Herrn befohlen hatte“. Josef ist damit nicht mehr der Schattenmann, sondern Lichtgestalt.

Am Heiligabend ertönten die Stimmen der Engel: Friede auf Erden! Und in manchen Ohren klingt es auch heute wie­der wie Hohn. Vielen würde ja schon mal Friede in der Familie reichen.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Israel und Gaza, in Afghanistan, in Somalia. „Wo ist der Friede?“ fragen die Men­schen in den vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Deutschland, die auf der Straße leben, weil sie keiner haben will. „Wo ist denn der Friede?“ fragen die Menschen, die unter Einsamkeit leiden, die Gewalt erfahren – in der Schule, in der Ehe, durch die Eltern.

Gott sagt uns: Der Friede kommt auf die Welt wie ein Kind, und dann müsst ihr ihn großziehen.

Du. Der du dich immer gerne raushältst. Du hast ab heute die Hauptrolle. Dich braucht Gott, damit Frieden auf der Welt werden kann.

Deinen Mut braucht er und deinen Glauben. Durch dich versucht Gott, der Welt zu helfen. Durch dich soll der Frieden kommen. In deine Familie und in dein Land und in deine Welt.

Der Frieden kommt nicht einfach wie Regen vom Himmel. Er muss erst noch geboren werden. Du brauchst ihn nicht zu machen. - Das konnte Josef auch nicht. Du brauchst nur die Rolle an­zunehmen, die Gott dir geben will:

Ganz einfach im richtigen Moment nicht auf die anderen hören, sondern das tun, was dir die Lie­be ins Ohr flüstert. Was Gott dir sagt. Denken, Hören, sich berühren lassen und dann: sich auf Gott einlassen und gegebenenfalls die vertrauten Pfade verlassen.

Und Gottes Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Sabine Preuschoff, Regionalbischöfin für den Sprengel Stade

Andacht zum Bild "Menschwerdung" von Michael Triegel

Ein Weihnachtsbild mit den gewohnten Beteiligten. Maria und das Kind, Josef und einer der Heiligen Drei Könige. Dazu einige Tiere. Auf den ersten Blick scheint dieses Bild der Geburt Christi, dieses Weihnachtsbild vertraut. Aber auf den zweiten Blick ist da doch eine gehörige Irritation. Was hat der Leipziger Künstler Michael Triegel da gemalt? Schwebt da wirklich eine Krone aus Tier- und Menschenschädeln über dieser Geburtsszene?

Im Auftrag des Würzburger Bistums ist dieses Altarbild vor gut zehn Jahren entstanden. Moderne Kunst im Stil eines Altmeisters wie Lucas Cranach oder Albrecht Dürer gemalt. Auch dies vielleicht irritierend. Aber genau das möchte Michael Triegel. Sein Weihnachtsbild lädt zum genauen Hinsehen ein:

Mein Blick bleibt beim Kind hängen. Schutzlos und bloß liegt es dort. Wie jedes Neugeborene hat es einen großen Kopf, dünne Ärmchen und einen gewölbten Bauch. Es ist ganz Mensch. Aber da ist dieses fast schon erwachsen wirkende Gesicht, der wache Blick und die rechte Hand, zum Segen erhoben. Segen für mich. Segen für diese Welt.

Auf einem weißen Tuch liegt das Kind. Eine Windel? Oder doch schon ein Hinweis auf ein Leichentuch? Denn das Tuch hängt am Kranz der Schädel. Leben und Tod – in diesem Kind so eng miteinander verbunden. Gottes Versprechen wird greifbar: „Siehe, ich mache alles neu! Gott wird abwischen alle Tränen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 5.4)

Für mich hat Triegel das große Geheimnis unseres christlichen Glaubens hier ins Bild gebracht: Jesus, ganz Mensch. Christus, Gottessohn. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott.

Das ganze Bild strahlt Klarheit und Geheimnis, Realität und Traum, Hell und Dunkel zugleich aus. „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. So beginnt das Johannes-Evangelium und so lesen wir es an Weihnachten in unseren Gottesdiensten. Hell und Dunkel. Klarheit und Geheimnis.

Für mich ist gerade dies der Zauber von Weihnachten. Klarheit und Licht bricht in unsere manchmal so dunkel scheinende Welt. Der allmächtige Gott kommt zu uns als ein Kind, zart und verletzlich.

Ich sehe Maria an. Das Blau ihres Mantels leuchtet und strahlt. Ihr Unterkleid ist weiß wie das Tuch, auf dem das Kind liegt. Ihre bloßen Füße ruhen auf dem rauen Holz des Stalls. Das Holz erinnert daran, dass diese Szene kein Traum ist, keine Illusion. Sondern dass sie sich dort abspielt, wo Menschen leben, leiden und hoffen.

Mit ihren Händen scheint Maria den knienden König einzuladen, sich ganz dem Neugeborenen zuzuwenden. Als wollte sie sagen: Öffne dein Herz. Lass dich finden und berühren vom Geheimnis dieser Geburt.

Gesammelt und in sich ruhend wirkt sie. Michael Triegel erzählt darüber, wie wichtig es ihm war, eine ganz normale Frau darzustellen. So wie er auf den ersten Blick einen normalen Säugling gemalt hat. Das Neugeborene seines Friseurs war ihm Modell. Als Maria saß ihm seine Tochter Elisabeth vor der Leinwand.

Maria und Elisabeth. Welch eigentümliche Paarung in diesem Bild. Die Begegnung der biblischen Maria mit ihrer Cousine Elisabeth, die ebenfalls schwanger ist und Johannes den Täufer zur Welt bringen wird, ist eine so sinnliche und zarte Geschichte der Verbundenheit zweier Frauen. Marias Lobgesang, den sie bei ihrem Besuch Elisabeths anstimmt, ist eines der zugleich revolutionärsten und sprachlich schönsten Lieder unserer Tradition: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1, 46-48.51-53)

Diese Kraft strahlt Maria aus – voller Gewissheit, dass dieses Kind gegen Unrecht und Gewalt angehen und die Welt verändern wird.

Mein Blick fällt auf Josef. Und sein Blick fällt auf mich. Er schaut direkt aus dem Bild heraus, mir in die Augen. Seine linke Hand stützt sich ein wenig auf Maria, seine Rechte ist ausgestreckt und weist auf das Geschehen über dem Kind: den eigentümlichen Schädel-Kranz. Josefs Blick scheint zu sagen: „Schau genau hin! Da ist dieser Kranz voller Tod. Aber inmitten des Kreises wächst ein Embryo. Das Leben bricht sich Bahn.“

Josefs Blick und sein Fingerzeig, sie enthalten eine Weihnachtsbotschaft: Unsere kranke Welt, in der so oft die Mächte des Todes regieren, braucht Heilung. In diesem Kind kommt Gott mitten in die Schrecken unseres Lebens. Das Dunkle löst sich nicht einfach auf, aber da ist eine andere Kraft am Werk, die stärker ist als die Finsternis.

Das feiern wir an Weinachten: Gott zeigt sich uns in diesem Neugeborenen mit seinem menschlichen Antlitz. So nah kommt Gott, dass unsere eigene Geschichte sich mit der Geschichte Gottes verbindet. In allem Schrecken, in aller Dunkelheit scheint Gottes Licht.

Ihnen und den Menschen, die Sie lieben, ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Ihre

Sabine Preuschoff
Regionalbischöfin für den Sprengel Stade

Predigt am 1. Advent, 30. November 2025, St. Wilhadi-Kirche, Stade

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Erster Advent. Das Dunkel wird durchbrochen vom Licht der ersten Kerze am Adventskranz. Die anderen Kerzen werden nach und nach folgen. Langsam, stetig sich steigernd weicht die Nacht. Die Erwartung kommt wartend. Gott kommt nicht laut zur Welt, sondern leise.

Wir haben im Evangelium vom besonderen Einzug Jesu gehört. Er demonstriert nicht Macht – wie Monarchen mit pompösen Reiterstatuen. Wie Putin an seinem langen Tisch. Wie Trump, der niedertrampelt, was ihm entgegensteht.

Jesus zieht auf einem Esel ein.

Funfact: Die Mitglieder der dänischen Regierung fuhren vor Jahren mit Fahrrädern zum Amtsantritt – auf einem Drahtesel. Um zu zeigen: Die demokratisch gewählte Regierung versteht sich nicht als Herrscherin, sondern als Dienerin des Volkes.

Jesus zieht also auf einem Esel ein. Nicht machtvoll. Sondern dienend. Für alle Menschen. Für euch. Für mich.

Und ich frage mich: Wie soll ich dich empfangen? Was ist meine Aufgabe, wenn ich dir angemessen begegnen will, Jesus?

Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 13, 8-12

8Bleibt niemandem etwas schuldig,

außer einander zu lieben!

Denn wer seinen Mitmenschen liebt,

hat das Gesetz schon erfüllt.

9Dort steht:

»Du sollst nicht ehebrechen!

Du sollst nicht töten!

Du sollst nicht stehlen!

Du sollst nicht begehren!«

Diese und all die anderen Gebote

sind in dem einen Satz zusammengefasst

»Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«

10Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.

11Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!

Es ist höchste Zeit für euch,

aus dem Schlaf aufzuwachen.

Denn unsere Rettung ist näher als damals,

als wir zum Glauben kamen.

12Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.

Lasst uns alles ablegen,

was die Finsternis mit sich bringt.

Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen,

die das Licht uns verleiht.

Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst. Oder in der Lutherübersetzung: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Was bedeutet das konkret?

Das wollte schon einmal ein Schriftgelehrter von Jesus wissen. Und fragte: „Wer ist denn mein Nächster?“ Wer steht mir denn so nahe, dass ich ihm gegenüber zur Liebe verpflichtet bin? Wer gehört zum Kreis meiner Nächsten? Meine Familie? Meine Kollegen? Jeder, der meinen Glauben teilt?

Mein Nächster, das kann doch nicht jeder sein, sonst hieße es ja schließlich nicht „mein Nächster“, sondern „Jeder“. Ich kann doch nicht jedem zur Liebe verpflichtet sein, das wäre ja überhaupt nicht machbar!

Wer also ist mein Nächster? Meine Nächste? Und da wird es unbequem.

Jesus hatte auf die Frage keine komplizierte Antwort gegeben. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt.

Fazit: Ich kann mir nicht aussuchen, wer mein Nächster ist. Kann mir nicht aussuchen, wem ich mit Liebe begegnen soll. Kann mir die Gebote Gottes nicht einfach so zurechtlegen, dass sie noch zumutbar und im Alltag auch „machbar sind“. Dann beschneide ich Gottes Gebot.

Es gilt, weiter zu denken. Viel weiter.

Beispiel von heute: „Ja, sind denn die Flüchtlinge, die in unser Land gekommen sind, etwa unsere Nächsten? Wie können die unsere Nächsten sein, die kommen doch von weit her, sind auch so ganz anders als wir und stellen uns vor große Herausforderungen!?“

Stimmt. Das sind Herausforderungen. Mitunter sogar unfassbar groß. Wie sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck 2015: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Das ist so. Und natürlich hat der Staat das Recht, über Asyl- und Leistungsgewährung zu entscheiden. Es mag sogar Schwierigkeiten und Missbrauch durch einzelne geben.

Aber das spielt keine Rolle bezogen auf mein persönliches Verhalten gegenüber einem vor mir stehenden Menschen, wenn er Hilfe braucht! Von mir sind Nächstenliebe und Barmherzigkeit gefordert, wenn einer der Unterstützung bedarf.

Ich erschrecke immer wieder, wie leicht bei diesem Thema aus sonst friedlichen Bürgern blanker Hass und pure Wut herausbrechen. Die zivilisierte Fassade ist oft sehr dünn.

Ein Video, das ich in den sogenannten sozialen Medien sah, malt das vor Augen: Urlauber schieben an einem Strand mit vereinten Kräften ein Schlauchboot mit Flüchtlingen wieder auf das Meer hinaus. Ist doch egal, was mit ihnen passiert. Hauptsache, wir können in Ruhe Urlaub machen.

Die Ertrinkenden im Mittelmeer, die Verhungernden in Somalia, die Opfer der Gräueltaten im Südsudan und andernorts – sie berühren uns kaum noch. Vielleicht weil es so viele solcher Meldungen gibt? ---

Wir richten uns gemütlich ein vor dem Fernseher und in unserem bürgerlichen Leben. Nehmen mit Entsetzen, Empörung und Mitleid das Geschehen in der Welt war. Und dann?

Oft erkenne ich, was zu tun wäre. Doch bevor ich zur Tat schreite, fällt mir ganz viel anderes ein, was noch wichtig wäre. Und so verglimmt der Docht der Tat schnell, still und leise.

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Wenn wir es mit der Nächstenliebe ernst meinen, dann bedeutet das: Weite dein Blickfeld. Überwinde deine eigenen Grenzen.

Frag‘ den Menschen, der Hilfe braucht, frag ihn ohne Ansehen der Person, der Religion, der Nationalität, des Aussehens oder des Geschlechts: Was brauchst du? Und dann versuche, entsprechend zu handeln.

In meiner eigenen Bubble mag mir das noch gelingen. Aber auch unter uns fällt es vielen schwer, genau hinzusehen und die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen.

Und über die Bubble hinaus, in der ich lebe? Die eigene Komfortzone zu verlassen wird zur echten Herausforderung.

Was ist beispielsweise mit dem, der politisch eine Auffassung vertritt, die ich nicht akzeptieren kann? Weil sie menschenverachtend ist und Minderheiten diskriminiert. Soll ich diesen Menschen auch „lieben wie mich selbst“?

Das fällt mir wirklich schwer.

Doch ich bleibe dabei – ich kann mir Gottes Gebot nicht schönreden. Ich höre allerdings noch einmal genau hin: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“

Ich muss nicht sein Tun und Reden lieben. Sondern ihn als Menschen – von Gott geschaffen wie ich auch. Mit derselben Würde vor Gott und den Menschen ausgestattet, die ihm niemand nehmen kann.

Vielleicht liegt darin eine Chance, wenn ich dem Kirchenvater Augustin (354-430) folge, der sagte: „Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.“

Nächstenliebe hat also nichts mit dem Gefühl persönlicher Zuneigung zu tun. Gar nichts. Vielmehr geht es um praktische Barmherzigkeit. Ein Mensch, der in Not geraten ist und für den ich da sein kann, der ist mein Nächster in Gottes Augen.

Eine Zumutung – aber wenn mir Gott etwas zumutet, dann schenkt er mir dazu auch die Kraft.

Und Paulus mahnt: „Macht jetzt Ernst damit – viel Zeit, das aufzuschieben, habt ihr nicht mehr.“

Nicht müde werden. Bleibt wach!

Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag, an dem man handeln kann, ist da. Los, steht auf vom Schlaf. Schüttelt die Trägheit ab. Lasst euch berühren. Bewegt euch. Fasst euch ein Herz. Und dann los!

Paulus wählt militärische Bilder: Ergreift die Waffen! Aber die Waffen des Lichts. Nicht Gewalt. Nicht das Schwert. Sondern Waffen des Lichts. An anderer Stelle zählt Paulus sie auf: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Damit ausgerüstet werdet ihr siegen über Trägheit, Abgebrühtheit, Gewalt. Möge die Macht mit euch sein!

Wagt es, steht auf! –Viel Zeit habt ihr nicht mehr. ---

Es ist Advent. Wir machen es uns gemütlich. Kuscheln uns ein bei Kerzenlicht, Glühweinwärme und Keksduft. Doch Paulus erinnert uns an unseren Auftrag:

Macht euch bereit für Gottes Ankunft in der Welt. Für seine Gegenwart. Seinen Schutz. Seine Liebe, die allen gilt.

Jesus wartete auf diese Zeit und er sprach immer wieder davon. In seiner Art zu leben war die erwartete Zukunft schon da. Aber sie sollte und soll für alle Menschen gelten. Darauf wartet die Welt bis heute.

Und wir? Warten wir noch auf diese Zukunft? Oder leben wir in den Tag oder die Nacht hinein, als hätten wir alle Zeit der Welt? Oder resignieren wir, weil uns die Welt ohnehin verloren scheint?

Es ist Advent. Ich habe Sehnsucht nach der Sehnsucht in uns, dass das Leben anders sein soll! Sein kann!

Diese Sehnsucht, die hörbar ist in unseren Adventsliedern: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ… ach, zieh mit deiner Gnade ein“. „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?“ „O komm, o komm, du Morgenstern, vertreib das Dunkel unserer Nacht“…

Mit Jesus hat diese Lebensmöglichkeit neu angefangen! Mit ihm hat Gott seine Beziehung zu uns Menschen neu geregelt. Leben, wie er es sich vorstellt, leuchtete auf. Wird immer neu zum Leuchten kommen.

Seit damals und bis zu Jesu endgültiger Wiederkunft sind wir nun dran. Als Christinnen und Christen.

Den Nächsten, die Nächste lieben bedeutet dabei nicht, dass ich mich selbst überfordern muss. Und auf die Frage: wo soll man anfangen, wo soll man aufhören mit solcher Liebe und mit helfendem Tun? ist nüchtern zu antworten:

Weder kann ich jedem in der Welt alles geben, was er braucht, noch kann es mir gelingen, alles Böse abzuwenden von den Unzähligen, die in der weiten Welt auf Hilfe warten. Ich bleibe immer Liebe schuldig.

Aber genau darum kann ich auch einfach anfangen! Lasst uns das tun, was dran ist und was möglich ist – als einzelne und als Gesellschaft:

Ich kann aufmerksam durch meinen Ort gehen und bewusst wahrnehmen und prüfen, was ich beitragen kann zu einem besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dazu, dass Menschen aufgerichtet werden zum Leben.

Ich kann Projekte von Brot für die Welt unterstützen: Denn wir haben eine weltweite Verantwortung, weil wir oft auf Kosten der Menschen auf anderen Teilen der Erde leben. Unsere Spenden helfen Menschen, sich selbst helfen zu können.

Ich kann meine Stimme erheben, wenn die Würde von Menschen missachtet und Hass und Hetze das Wort geredet wird.

So wie die Schülerinnen der Jobelmann-Schule zum Volkstrauertag in Stade. Es hat mich tief berührt, wie intensiv sie sich mit den Folgen von Krieg und Hass auf Familien beschäftigt haben. Auch auf ihre eigene Familie. Und so forderten sie „Für eine Zukunft voller Menschlichkeit – statt Hass!“ … Wir wünschen uns, dass ihr mutig seid, Dinge zu verändern!“

Ich kann mich gegen den erstarkenden Antisemitismus engagieren. Man kann die Politik der gegenwärtigen Regierung in Israel kritisieren und dann hoffentlich auch die Terroraktivitäten palästinensischer Attentäter verurteilen. Für Antisemitismus gibt es allerdings keine Entschuldigung. Er ist erbärmlich und antidemokratisch.

Darum möge es uns gehen: Um Menschlichkeit nach Jesu Art. Heute. Und das passiert ja auch – Gott sei Dank!

Diese Menschlichkeit zeigt ihr Gesicht zum Beispiel in der Diakonie, in sozialen Diensten und Krankenhäusern. In der Seemannsmission. Sie geschieht durch Seelsorge und Bildung. Durch Friedens- und Gedenkstättenarbeit
wie in der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Durch Hilfe für Menschen in besonderen Notlagen, durch Beratung und Begleitung.

In unseren Gemeinden geschieht die Arbeit für den Nächsten, wo wir Kindern und Eltern eine gute Umgebung zum Großwerden bereiten: in der Kita, in Kirche mit Kindern, Evangelischer Jugend, Pfadfindern, Kinderchor oder bei den Jungbläsern.

Als Kirche bauen wir mit an einer Umgebung, in der Menschen eine Heimat finden. Wo sie sich treffen können. Wo sie miteinander spielen oder etwas zusammen unternehmen. An den Orten, wo sie leben und arbeiten.

Als Menschen der Kirche sind wir Hoffnungsträger. Damit Menschen Orientierung bekommen durch Predigten. Berührt werden von Musik, von Segen und von Kirchräumen, die den Blick nach oben ziehen, von der Dunkelheit ins Licht, vom Gebeugten ins Aufgerichtete, von der Trägheit zum Aufbruch.

So stelle ich mir Kirche vor: Sie ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.[1] Darum:

Sei nicht träge, sondern voll gespannter Erwartung.

Steh auf vom Schlaf, denn die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

Glaube der Hoffnung und gib sie weiter.

So sei es. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft sei mit euch allen.

Amen.