Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Er hat sich sein Leben anders vorgestellt. Er ist weit weg von Jerusalem. In Babylonien im Süden des heutigen Irak. Zusammen mit den anderen Verschleppten seines Volkes. 593 vor Christus.
Der Großkönig Nebukadnezar von Babylon hatte damals Jerusalem belagert und nach der Kapitulation der Stadt die Führungsschicht deportiert: Königshaus, Priester, reiche Kaufleute, Generäle, Gelehrte.
Der Mann, Ezechiel, gehört zu einer der großen Jerusalemer Priesterfamilien. Mehrere 1.000 Menschen mögen es gewesen sein, die ihre Heimat verlassen mussten und in der Fremde irgendwo zwischen Euphrat und Tigris wieder angesiedelt wurden.
Das Leben ging dort weiter. Es ging ihnen äußerlich, materiell nicht schlecht. Sie wurden nicht versklavt und unterdrückt, sie hatten ihre Häuser, sie hatten zu essen, Landwirtschaft, Handel, ihre eigene Verwaltung.
Und doch… Vieles, das über lange Zeit selbstverständlich war, Sicherheit gab, war weggebrochen: Die Regierung, die Religion, Kultur, Regeln und Institutionen. Also all das, was dem Leben Stabilität und Sicherheit und Verlässlichkeit gibt. Wie soll es weitergehen? Gibt es eine Perspektive?
An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten… On the rivers of Babylon… die Sicherung der materiellen Existenz ist eben nicht alles. Wenn ich versuche, mich in ihr Lebensgefühl hineinzuversetzen, dann vermute ich eine große Krise, eine Vertrauenskrise, eine Sinnkrise.
Verbindungen zu uns heute: Wir leben im Wohlstand. Ja, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf – aber dem Land geht es grundsätzlich gut. Eigentlich. Und doch werden populistisch Angst und Unzufriedenheit gesät. Weil eben nicht alles rund läuft.
Die Angst vor dem Fremden wird geschürt. Geflüchtete und Arme aus unserem Land gegeneinander ausgespielt. Verschwörungstheorien verbreitet. Antisemitismus erstarkt.
Regierung, Religion, Kultur, Regeln und Institutionen werden in Frage gestellt und angegriffen. Der Ruf nach einem starken Führer wird laut.
Dazu die Weltlage: Der Weg der USA von einer Demokratie in ein autokratisch beherrschtes Land. Der terroristische Angriffskrieg Putins auf die Ukraine. Die nicht unberechtigte Sorge, dass Putin auch das Baltikum, Polen und damit auch uns angreift.
Wie wird es weitergehen? Gibt es eine Perspektive?
Ezechiel will Priester sein. Will seinen Mitmenschen zu Gott helfen, ein Mittler sein zwischen Gott und ihnen. Da widerfährt ihm eine Vision: Der Himmel öffnet sich. Gott kommt zu ihm. Gott sitzt nicht auf seinem Thron über dem Tempel in Jerusalem. Gott sitzt auf einem Thron, der sich über die ganze Erde bewegt und jeden Winkel der Welt und des Herzens erreicht. Gott ist da. Gott redet. Auch hier. Du, Mensch, höre!
Und Ezechiel soll Gottes Prophet sein. Ich lese den Predigttext, aus Ezechiel 2 und 3:
1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Sie sind widerspenstig. Verhärtete Gesichter, harte Herzen. Sie und ihre Vorfahren haben mit Gott gebrochen und sich abgewandt von ihm. Damals wie heute.
Ein harter Weg für Ezechiel. „Gott macht stark“ heißt sein Name – er kann es brauchen. „Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen, Ezechiel! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Sag ihnen meine Worte!“
Die Worte, die er verkündet, erhält er von Gott. Keine alten Worte, die er zum Volk spricht. Die Worte Ezechiels sind die Worte für die Zeit, in der er lebt, und für den Ort, an dem er sich aufhält.
Und Gott stellt ihn auf die Füße. Auf den Boden der Tatsachen. Auf diese Erde. Dass das Wort Gottes nicht über den Menschen schwebt, sondern sie in ihrem Alltag trifft. Und dort für sie relevant ist.
Gottes Worte gegen unseren Widerspruch. Trotz unserer harten Herzen. Gott sagt sein Wort, damals zu seinem Volk, und heute ebenfalls zu Menschen, deren Worte zum Fürchten sind.
Wir erleben eine Verrohung der Sprache. Beleidigungen, Hassmails, Shitstorms müssen viele Personen insbesondere des öffentlichen Lebens ertragen. Es gehört zum Konzept rechtsextremer Kreise: dass sie Tabus brechen, sagen, was andere verletzt, menschenverachtende Sprache. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ So versuchen sie ihre Haltung hoffähig zu machen.
Und es funktioniert. Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Was gestern undenkbar war, findet heute bei vielen Menschen Akzeptanz. Ich werde diese Worte hier nicht wiederholen – aber wenn ich Reden der AfD höre, dreht sich mir der Magen um. Und wenn Menschen diese Partei wählen, „weil man es „denen da oben“ einmal zeigen müsse“, dann fehlt mir dafür jegliches Verständnis.
Wer die Lust an der Lüge und die Freude an der Zerstörung in den Reden und Schriften dieser Partei wahrnimmt und mit Verstand zur Kenntnis nimmt, der kann diese Partei nicht wählen oder muss sich dann dafür verantworten, wenn Menschenverachtung und Hass das Land regieren. „Ich hab das nicht gewusst“ – das kann dann nicht gelten.
Gott klagt: sein Volk wende sich von ihm ab – sie wollen nicht hören. Enttäuscht und traurig ist Gott über sein Volk.
Warum muss Ezechiel diesen üblen Job machen, wenn Gott doch schon überzeugt ist, dass sie nicht hören?
Weil die Wahrheit trotz allem gesagt werden muss. Weil Gott nicht resigniert und immer noch und vielleicht umso mehr an seinen Menschen hängt und um sie ringt. Weil er zu seinen Menschen hingeht.
Ezechiel darf nicht schweigen. Der Prophet ist legitimiert durch die Schrift. Er soll sich das Wort Gottes einverleiben – und wird so zum Sprachrohr Gottes.
Das Wort Gottes – es wird nicht immer schmecken. Und wie schmecken schon Klage, Ach und Weh? Und Ezechiel soll das alles schlucken. Und dann zu gegebener Zeit ausspucken.
Spuck´s aus. Sag´s schon! Die Wahrheit muss gesagt werden. Sie bleibt wahr, selbst wenn sie nicht gehört wird.
Und ich höre die Frage: Woher weiß ich in der lauten Welt voller Lügen und Falschheit, was Gottes Wort ist?
In Amerika wird Trump, der Menschen von ICE verfolgen lässt und Tote in Kauf nimmt, von evangelikalen Christen hofiert und unterstützt. In Russland wird Putin, der täglich die Zivilbevölkerung in Ukraine mit Terror überzieht, von orthodoxen Patriarchen hofiert und unterstützt.
Hierzulande gibt es Evangelikale, die Seit an Seit mit Parteigrößen der AfD stehen und deren menschenverachtende Propaganda als christlich deklarieren.
Und ich frage mich: Lesen wir tatsächlich die gleiche Schrift?
Woher weiß ich, was Gottes Wort ist? Gerade zum Evangelischen Glauben gehört es, immer wieder zu überprüfen, was Menschenwort und was Wort Gottes ist. Das Fundament dafür ist die Heilige Schrift.
Natürlich: da kommen dann die Fundamentalisten, suchen Bibelstellen heraus und argumentieren damit für das Patriarchat, gegen Homosexualität, für das Recht des Menschen, sich die Erde zu unterwerfen etc. Weil sie diese Wortfetzen wörtlich nehmen.
Mit dieser Argumentation müssten dann aber mit der Bibel übrigens auch Ehebrecherinnen getötet werden. (s. 3. Mose 20,10).
Und sollte Dich Dein Auge zur Sünde verleiten, z.B. weil Du die Nachbarin begehrst oder Übles im Internet anschaust, dann musst Du es ausreißen. (s. Mt 5,29-30)
Die Bibel ist nicht wörtlich zu nehmen; sie ist zu interpretieren. Nicht schönzureden, sondern auszulegen. Weil sie von Menschen geschrieben ist. In ihrer Zeit.
Dazu untersuche ich den geschichtlichen Kontext. Frage nach der Tradition und der Theologie, die hinter den Worten steht. Und ja, bewerte auch, was heute in welcher Weise relevant sein kann.
Luther legte folgenden Maßstab an: Er fragte nach der Mitte der Schrift – was Christum treibet. Und mit Jesus Christus als Maßstab lese ich den Text. Bei Widersprüchen ist Jesus Christus für mich der Maßstab.
Ethik, Theologie, kirchliche Lehre müssen sich an Jesus messen lassen. An seiner Zuwendung, die Menschen aufgerichtet hat. An seiner Liebe, die Menschen angenommen hat. An seinem Zuspruch, der Menschen befreit hat. An seinem Wort, dass Menschen ermächtigt hat.
Wir sind nicht Ezechiel. Aber vielleicht ist die Zeit gekommen, dass wir viel lauter die Wahrheit sagen müssen.
Wie politisch darf Kirche sein? Ich glaube, es gibt Zeiten, da müssen wir politisch sein und werden. Um des Wortes Gottes willen.
Es gibt Zeiten und Situationen, da muss man aufhören zu taktieren. Da muss man aufhören, nach dem Ansehen zu schauen. Da gilt: Das sage ich jetzt. Das tue ich jetzt. Oder auch: Das sage ich nicht. Das tue ich nicht. Das ist unverhandelbar.
Auch wenn der Ausgang ungewiss ist. Wenn ungewiss ist, ob das Wort gehört wird. Es ist wichtig für mich, für mein Gewissen, für die innere Geradlinigkeit. Und um der Wahrheit eine Chance zu geben.
In einer solchen Zeit befinden wir uns m.E. derzeit.
Und das sollen wir uns auch als Kirche ins Stammbuch schreiben lassen. Dass es nicht nur die vielen Bereiche gibt, wo wir unterstützen und fördern und bestätigen. Sondern auch jene, wo wir aufstehen und kämpfen.
So wie es jetzt die Geistlichen verschiedenster Kirchen in Minnesota und in den gesamten USA getan haben.
Wir müssen uns diese Frage stellen: Wo ist es wichtig und richtig, die Wahrheit zu sagen, auch wenn die Menschen sie nicht hören wollen, auch wenn das auf Widerspruch stößt, auf Kritik und Spott, und die Gefahr besteht, dass es nichts verändert. Oder wir bedroht werden. ---
Sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen war. Das ist eine gute Botschaft. Denn wo ein wahrer Prophet ist, da redet Gott. Gott spricht zu ihnen, auch in der Verbannung, im fremden Land, auch in der Krise, auch in der Verzweiflung. Gott ist da.
Egal ob Menschen hören oder nicht. Gott spricht zu uns, auch in unserer Verunsicherung, auch wenn wir die Wahrheit nicht wissen wollen. Sein Wort lebt und ist klar und unkaputtbar.
Und wenn Gott redet, dann geht es um Zuspruch und Anspruch. Um Auftrag und Zurüstung dafür.
„Gott macht stark“ bedeutet der Name „Ezechiel“. Gott nimmt ihm die Furcht. Ezechiel wird den Menschen die Wahrheit in ihre harten Gesichter sagen.
Und später, ist dann hoffentlich wieder Raum für die Rede von den neuen Chancen, die Gott schenkt.
Gott sagt uns sein Wort. Dass wir es weiter sagen an die Welt:
„Fürchte dich nicht! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.