1. Korinther 3,9-17
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Ich lese den Predigttext für den kommenden 12. Sonntag n. Trinitatis und damit für den heutigen Tag:
Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.
Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Liebe Geschwister,
das Leben ist eine Baustelle. Selbst wenn ich es möchte - ich kann da nicht allein arbeiten. Andere bauen mit. Manchmal hilfreich. Manchmal gut gemeint. Manchmal ungebeten und sogar schädlich.
Termine werden nicht eingehalten. Material wird nicht geliefert. Ich erlebe Stümperei. Für die tragenden Teile meiner Lebensbaustelle will ich selbst verantwortlich sein – selbst das gelingt nicht immer.
Auch unsere Kirche ist eine Baustelle. Wir bauen um. Wir bauen ab. Wir legen zusammen. Wir geben Gebäude auf und suchen neue Räume. Wir verändern Strukturen, Regionen, Arbeitsfelder und Zuständigkeiten. Wir sprechen über Transformation, über Ressourcen und Zukunftsfähigkeit.
Und mitten hinein in diese kirchliche Baustelle hören wir Paulus: „Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.“
Und dann: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“
Und schließlich: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“
Ihr seid es! Was für eine Entlastung! Lasst uns bei all unseren Diskussionen über Gebäude, Strukturen und Zukunftspläne nicht vergessen: Das Entscheidende sind nicht die Steine und nicht die Strukturen.
Auch wenn manches davon sinnvoll ist. Und wir Strukturen brauchen. Sie sind nicht das Entscheidende.
Ihr seid es! Menschen, in denen Gott wohnt. Menschen, die beten, zweifeln, hoffen und glauben. Menschen, die Kranke besuchen, Kinder taufen, Trauernde begleiten, Konflikte austragen und manchmal auch aushalten. Kreative Ideen haben und umsetzen.
Menschen, durch die jemand erfährt: Ich bin nicht allein. Da hört mir jemand zu. Da ist Vergebung möglich. Da darf ich neu anfangen. Da ist Gott.
Das ist Gottes Bau.
Paulus schreibt diese Sätze allerdings nicht an eine harmonische Gemeinde. Auch Korinth ist eine Baustelle. Es gibt Streit.
Wer hat den richtigen Glauben? Wer hat die bessere Theologie? Wer gehört zu Paulus? Wer zu Apollos? Man redet sich gegenseitig hinein. Man spricht sich gegenseitig den rechten Glauben ab.
Und Paulus sagt sinngemäß: Hört auf, euch darum zu streiten, wer der bessere Baumeister ist. Das ist alles nachrangig. Entscheidend ist das Fundament. Und das liegt schon: Christus.
Das sagt er den Korinthern – und das höre ich für uns heute – in einer Kirche in Unruhe.
Unterschiedliche Vorstellungen von Gemeinde und Kirche. Unterschiedliche Einschätzungen dessen, was bewahrt und was verändert werden muss. Manche in Aufbruchsstimmung, andere voller Verlustängste. Unsicherheit, was es braucht, um Menschen zu erreichen und in Kontakt zu kommen.
Diese unterschiedlichen Verortungen sind zunächst gar nicht schlimm. Eine Kirche, die sich verändert, braucht unterschiedliche Stimmen.
Problematisch wird es dort, wo aus Verschiedenheit Geringschätzung wird. Wo aus theologischen Fragen persönliche Verletzungen werden. Wo wir einander nicht mehr nur widersprechen, sondern einander die Legitimität absprechen. Wo Menschen resignieren.
Paulus erinnert uns: Wir bauen nicht unsere Kirche. Wir bauen miteinander an Gottes Kirche. Was für ein Unterschied!
Ich habe das vor vielen Jahren sehr konkret gelernt – am Anfang meines pastoralen Dienstes.
Ich hatte ein Krankengespräch vor mir. Und ich hatte Angst davor: Was würde ich sagen? Was wären die richtigen Worte? Ich wollte vorbereitet sein auf das, was da kommen würde.
Ich habe meinen Supervisor gefragt. Und er sagte zu mir: „Gehen Sie einfach hin. Seien Sie da. Planen Sie das Gespräch nicht vorher, damit sie ganz da sein können. Der Grund ist längst gelegt. Christus ist da. Vertrauen Sie ihm.“
Das hat mich damals entlastet: Du musst nicht alles können. Du musst nicht alles machen. Du musst nicht einmal wissen, wie es ausgeht. Geh hin und sei da. Und vertraue darauf: Christus ist schon da.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten geistlichen Einsichten für unseren pastoralen Dienst. Nicht wir sind das Fundament.
Wir bauen aber miteinander an Christi Kirche mit. Und so entlässt uns Paulus nicht aus der Verantwortung. Im Gegenteil. Er sagt: Baut!
Wenn ihr Gottes Bau seid, dann habt ihr Verantwortung. Ihr seid nicht Zuschauer auf dieser Baustelle. Ihr seid Mitarbeitende.
Sprecht von dem, was euch lieb und teuer ist. Nicht nur von Strukturen. Nicht nur von Kirchenentwicklung. Nicht nur von Mitgliederzahlen.
Sprecht davon, was euch trägt. Davon, warum ihr selbst noch glaubt. Davon, was euch in der Seelsorge berührt. Davon, wo ihr erlebt habt, dass ein Mensch aufgerichtet wurde. Dass Vergebung möglich wurde. Dass ein Leben neu anfangen konnte.
Und er spricht von verschiedenen Materialien: Gold, Silber, Edelsteine – aber auch Holz, Heu und Stroh. Paulus tut nicht so, als wäre alles, was wir tun, gleich gut.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was trägt, und dem, was irgendwann in sich zusammenfällt.
Auch in unserer kirchlichen Arbeit. Wir tun sehr viel: Wir feiern Gottesdienste und Events, bieten große und kleine Veranstaltungen an, beraten in Sitzungen, moderieren Prozesse, schreiben Konzepte, verändern Strukturen, entwickeln neue Formate u.v.m.
Und am Ende wird trotzdem für uns als Kirche die Frage stehen: Was davon hat Menschen geholfen, Christus zu begegnen? Was davon hat getragen? Was davon hat Leben verändert? Was davon bleibt?
Denn nicht alles, was neu ist, ist deshalb gut. Und nicht alles, was bewährt ist, wird in Zukunft tragen. Tradition und Innovation sind nicht allein Maßstäbe für das, was kommen wird.
Paulus schreibt: „Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.“ Da wird es für mich schwierig. Denn ich frage mich natürlich auch in Bezug auf meine Arbeit:
Was wird von meinem Dienst Bestand haben? Welche Predigt? Welches Gespräch? Welche Entscheidung? Was war wirklich wichtig? Und was war vielleicht nur sehr viel Arbeit? – Was wird der Feuerprobe standhalten?
Aber vielleicht steckt darin auch eine große Verheißung:
Ich muss nicht selbst darüber entscheiden, was von meinem Leben und meinem Dienst Bestand haben wird. Ich muss nicht meine eigene Arbeit ständig bewerten.
Gott wird ans Licht bringen, was trägt. Ich tue meinen Teil. Und lasse dann los.
Das finde ich gerade in unserer gegenwärtigen Transformation wichtig.
Es braucht Veränderung. Umgestaltung. Kirche neu denken. Keine Frage. Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher.
Aber das sollten wir nicht voller Angst tun. Sondern im Vertrauen darauf, dass das Fundament Christus ist. Und sein wird.
Die Frage ist also nicht zuerst: Was wollen wir behalten? Und auch nicht: Was wollen wir verändern? Die erste Frage lautet: Was hilft Menschen, in dieser Welt Christus zu begegnen?
Was hilft Menschen, glauben zu können? Was hilft ihnen, wenn sie krank sind? Wenn eine Beziehung zerbricht? Wenn ein Kind stirbt? Wenn sie Angst vor der Zukunft haben? Wenn sie einsam sind? Wenn sie Schuld tragen? Wenn sie nicht mehr wissen, was sie glauben sollen?
Das ist die Baustelle, auf der wir arbeiten.
Die ehemalige Lüneburger Stadtbaurätin Heike Gundermann hat bei einer Führung durch die Stadt über Veränderungsprozesse gesagt: „Veränderungen gelingen dann, wenn man mit den Mitarbeitenden die Ideale teilt.“ Und: „Veränderungen sind dann gelungen, wenn sie gar nicht auffallen.“
Darin steckt auch eine geistliche Wahrheit.
Vielleicht ist eine gelungene Transformation nicht die, über die wir am meisten reden.
Vielleicht ist es die, bei der Menschen irgendwann sagen: Ich finde es gar nicht so wichtig, dass und was sich verändert hat. Wichtig ist: Ich finde hier wieder einen Ort.
Ich kann hier wieder beten. Hier kann ich mit meiner Freude und meiner Angst auftauchen. Hier darf ich zweifeln. Hier wird mir zugehört. Hier erfahre ich etwas von Gott.
Und deshalb braucht unsere Kirche in dieser Zeit nicht allein gute Strategien. Sie braucht Menschen, die wissen, warum sie bauen.
Menschen, die ihre Ideale miteinander teilen. Menschen, die ihre Unterschiede aushalten. Menschen, die Konflikte konstruktiv gestalten. Menschen, die sich gegenseitig zuhören.
Und Menschen, die sich daran erinnern: Es geht nicht um meine Geltung. Nicht darum, dass meine Idee gewinnt. Nicht darum, dass mein Konzept umgesetzt wird.
Es geht um etwas Größeres. Um etwas Heiliges. Es geht darum, dass Gott in seiner Kirche wohnt.
Zurück zum Anfang: Das Leben ist eine Baustelle. Unsere Kirche ist eine Baustelle.
Aber das Bild ist nicht ganz richtig. Denn bei einer gewöhnlichen Baustelle geht es darum, dass irgendwann das Gebäude fertig ist. Dann wird das Gerüst abgebaut. Die Handwerker gehen. Der Bauherr nimmt den Schlüssel entgegen. Fertig.
Aber Gottes Bau ist anders. Er wird nie fertig, denn wir sind immer auf dem Weg zum Reich Gottes. Und die Kirche bleibt immer eine Baustelle.
Symbol dafür ist für mich die Basilika Sagrada Familia in Barcelona: Sie wurde bewusst nicht von einem einzigen Bauherren gebaut, sondern von vielen. Antonio Gaudi wollte sich nicht anmaßen, dass er das allein könne. Das liege in Gottes Hand.
Auch wir selbst sind und bleiben immer Baustelle. Mit Martin Luther: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“
Wir sind unfertige Menschen. Wir arbeiten in unfertigen Gemeinden. Wir leben in einer Kirche mitten im Umbau.
Und das ist gar kein Mangel. Denn Paulus sagt nicht: „Ihr seid Gottes fertiger Tempel.“ Er sagt: „Ihr seid Gottes Tempel.“ Jetzt.
Und wenn ihr euch fragt: Bin ich gut genug? Hat meine Predigt etwas bewirkt? Habe ich diese Gemeinde gut geführt? Wird von meiner Arbeit etwas bleiben?
Dann erinnert euch an Paulus: „Ich habe den Grund gelegt. Ein anderer baut darauf.“
Ihr müsst nicht alles fertig bauen. Ihr müsst nicht die ganze Kirche retten. Ihr dürft und sollt euren Teil tun. Und dann loslassen. Denn der Grund ist schon gelegt. Christus.
Und Ihr seid Gottes Tempel. Nicht fertig. Nicht vollkommen. Noch mitten im Umbau. Aber bewohnt. Von Gottes Geist.
Und deshalb lasst uns arbeiten. Mutig. Verantwortlich. Mit unseren unterschiedlichen Gaben.
Altes loslassen. Neues wagen. Fehler machen. Nachjustieren. Versöhnung leben. Weiterbauen.
Und darauf vertrauen: Wir bauen nicht für Gott, damit er kommt. Wir bauen mit Gott, weil er schon da ist.
Das ist Entlastung und Anspruch. Denn es geht es bei allem, was wir tun, nicht darum, ob unsere Kirche am Ende noch aussieht wie früher.
Es geht darum, ob Menschen in ihr auch morgen noch etwas von dem finden, der allein unser Fundament ist: Jesus Christus.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.