29. April 2026, Gedenkstätte Lager Sandbostel
Liebe Gemeinde, liebe Gäste!
heute sind wir hier – in diesem Ort, der so viel Leid und so viel Hoffnung trägt. Ich frage mich: Was bedeutet es, in einer Welt voller Konflikte, voller Krieg und Hass, von Frieden zu sprechen?
Gerade jetzt, wo die Schlagzeilen uns täglich mit neuen Grausamkeiten konfrontieren. Wo Worte wie „Frieden“ und „Versöhnung“ manchmal hohl klingen.
Was bleibt da von unserer Hoffnung? Können wir überhaupt noch vollmundig vom Frieden sprechen? Und gibt es eine Verpflichtung der Religionen zum Frieden?
Der öffentliche Disput zwischen Papst Leo XIV. und der US-amerikanischen Regierung unter ihrem Präsidenten Donald Trump hat diese Frage ganz aktuell in die öffentliche Debatte gebracht:
Folgen aus der eigenen religiösen Überzeugung Haltungen, die sich auch im politischen Handeln auswirken? Die im Tun sichtbar werden?
„Selig sind, die Frieden stiften“?[1] Der Papst hat die biblische Botschaft bei einem Friedensgebet am Karsamstag in Rom so in unsere Zeit übersetzt:
„Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg! Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben“[2].
Wir wissen aus der deutschen Vergangenheit, dass Religion auch schrecklich missbraucht werden kann. Der Nationalsozialismus war so etwas wie eine berauschende „Religion des Todes“, der Vernichtung, der Verachtung menschlichen Lebens und menschlicher Würde. Abgründig! Und eine fürchterliche Lästerung Gottes.
Und ja, auch Christinnen und Christen haben damals weggesehen, mitgemacht, geschwiegen. Und die evangelische Kirche als Institution hat große Schuld auf sich geladen. – Was schenkt mir da Hoffnung?
Wir feiern diese Andacht in der nachösterlichen Zeit. Als Christin glaube ich: Gottes Macht ist stärker als jede Macht des Todes. Er hat den Tod ein für alle Mal überwunden – in der Auferstehung Jesu Christi. Gott will das Leben.
Das entdecke ich mitten in dieser Welt: wo die Natur explodiert und aus allen Poren das Leben durchbricht. Wo Menschen füreinander da sind, füreinander einstehen. Wo Brücken zueinander gebaut und Menschen aufgerichtet werden.
Angesichts von Kreuzigung und Tod Jesu am Karfreitag und seiner Auferstehung am Ostersonntag stellt sich dennoch die Frage: Wie passen Leid und Unrecht damals wie heute zusammen mit Gottes Gerechtigkeit? Mit seinem Handeln in der Welt? Mit seinem Willen zum Leben?
Mir kommt dabei der Satz von Elie Wiesel, dem Schriftsteller und Überlebenden der Shoah, in den Sinn. Er hat einmal gesagt: „Unheil und Leid in der Welt sind weder mit Gott zu denken, noch ohne Gott auszuhalten.“
Für mich sagt er damit zum einen: Für die Gräueltaten ist nicht Gott verantwortlich, sondern wir Menschen sind es.
Und zum anderen sagt er: Es ist wichtig, ein Gegenüber zu haben, dem all diese Gräuel zu klagen sind. Ohne Gott fehlt mir die Instanz, und als Christin sage ich: Ohne Jesus Christus fehlt mir das Antlitz, vor dem ich Unrecht, Unheil und Unglück aussprechen, ja, auch klagen kann. Damit das Böse nicht das letzte Wort behält. ---
Und dann braucht es Friedensstifter. Selig sind, die Frieden stiften! Eben, damit das Böse, nicht das letzte Wort behält.
Ein Symbol für den Frieden und damit gegen die momentan so um sich greifende Eskalation von Krieg, Gewalt und Hass ist in vielen Religionen die Taube.
Und selbst Menschen, die nicht-religiös sind, verbinden mit der Taube genau dies: den Wunsch nach Frieden, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die Vorstellung von einer Welt, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt.
Hier in Sandbostel – früher in der Lagerkirche und jetzt in der großen historischen Lagerküche – wird regelmäßig unter dem Symbol der Taube ein Gottesdienst gefeiert. Ein Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen des Neuanfangs.
Wie nach der Sintflut, von der die hebräische Bibel erzählt. Da schickt Noah eine Taube aus, um Land zu suchen. Als die Taube mit dem Ölzweig zurückkehrt, ist das ein Zeichen: Es gibt wieder Land. Es gibt wieder Hoffnung.
Und Gott schließt mit Noah und damit mit allen Menschen einen Bund und verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. [3]
Als Zeichen dieses Friedens zwischen Gott und uns Menschen, als Zeichen der Treue Gottes setzt er den Regenbogen in den Himmel.
Was für ein wunderbares Symbol mit seinen leuchtenden, bunten Farben!
Gott schließt einen Bund mit Noah und er schließt am Berg Sinai einen Bund mit Mose und dem Volk Israel, indem er ihnen die Zehn Gebote gibt. Dieser Bund bleibt bestehen. Ist unzerbrechlich. Zeichen der Treue und der Liebe Gottes zu seinem Volk.
Die Taube begegnet uns an einer ganz entscheidenden Stelle des Neuen Testaments und damit der Geschichte und der Botschaft Jesu wieder: auch hier als Zeichen der Liebe Gottes.
Die Evangelien erzählen, dass bei der Taufe Jesu am Jordan durch Johannes den Täufer eine Taube vom Himmel herabstieg. Und es erklang Gottes Stimme, die sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ [4]
Genau das sagen wir heute jedem Menschen, der getauft wird: Du bist geliebt. Du bist ein Kind Gottes. Wenn wir das ernst nehmen, dann können wir nicht wegschauen, wenn die Würde eines Menschen mit Füßen getreten wird.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 des Grundgesetzes, dessen 77. Gründungstag wir im Mai feiern. Ein Satz, der uns alle verpflichtet.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den 23. Mai zu einem „Mitmachtag für die Demokratie“ ausgerufen. Und wir als Kirche sagen: Ja, wir machen mit. Weil die einem Menschen von Gott gegebene Würde in der Staatsform der Demokratie am ehesten geschützt und geachtet wird.
Und wir spüren: Diese Demokratie wird angegriffen. Die Wehrhaftigkeit unserer freiheitlichen Verfassung wird von vielen Seiten herausgefordert. Es ist nicht selbstverständlich, in Freiheit zu leben. Es ist ein Geschenk – und eine Aufgabe.
Es kommt darauf an, die eigene Haltung klar zu benennen und für sie einzustehen. Um Gottes Willen: gegen Hass, gegen Ausgrenzung, gegen Rassismus.
Deshalb werben wir als christliche Kirchen in Niedersachsen in den nächsten Wochen mit einem klaren Motto: „Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt.“ Wir werben dafür, sich an den Wahlen in den Kommunen zu beteiligen.
Wir werben für keine politische Partei. Wir werben aber für eine politische Haltung, Wir sagen: Steht ein für eine Welt, in der der die Würde eines jeden Menschen geachtet wird. In der wir uns umeinander kümmern. In der wir Brücken bauen – zwischen Religionen, zwischen Kulturen, zwischen Menschen.
Die Taube mahnt uns: Frieden ist möglich. Aber er braucht uns. Er braucht unser Engagement, unseren Mut, unsere Bereitschaft, hinzusehen und zu handeln.
Wir treten ein für den Frieden, weil es Gottes Auftrag an uns Menschen ist. Wir treten ein für Nächstenliebe, weil Gott sich uns in Jesus Christus in Liebe zugewandt hat. Wir treten ein für das Leben, weil Gott treu zu uns steht und mit uns Menschen einen Bund geschlossen hat, dessen Zeichen der Regenbogen ist.
Weil Gott Leben will.
Amen.