Predigten und Andachten von Regionalbischöfin Sabine Preuschoff

Predigt beim Elbe-Kirchentag in Otterndorf, St. Severi-Kirche, 21. Juni 2026

Ezechiel 47,1-12

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

„Mee(h)r Blau-Töne“ – was für ein schönes Motto für diese drei Tage hier beim Elbekirchentag in Otterndorf.

Wenn ich am Strand oder auf dem Deich stehe und auf das Wasser schaue, sehe ich nie nur ein Blau. Mal ist es hell und freundlich. Mal dunkel und schwer. Manchmal glitzert es im Sonnenlicht. Manchmal wirkt es bedrohlich unter grauen Wolken. Das Meer kennt viele Blau-Töne.

Unser Leben kennt sie auch.

Tage voller Zuversicht und Leichtigkeit: Die Dankbarkeit für neugeschenktes Leben. Erlebte Gemeinschaft voller Vertrauen. Stolz und Freude über eine gelungene Aufgabe.

Und Zeiten, in denen Sorgen und Unsicherheit die Farben bestimmen: Kriege erschüttern die Welt. Demokratische Werte geraten unter Druck. Die gesellschaftlichen Gräben scheinen tiefer zu werden. Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, um die Zukunft ihrer Kinder, um den Zustand unserer Erde. Manchmal fühlt es sich an, als ob die Hoffnung knapper wird.

In diese Gedanken hinein höre ich die Vision des Propheten Ezechiel.

Ezechiel lebt nicht in einer Zeit des Aufbruchs. Er lebt mitten in einer Katastrophe. Jerusalem ist zerstört. Der Tempel liegt in Trümmern. Die Oberschicht des Landes ist deportiert und lebt im Exil. Alles, was Halt gegeben hatte, scheint verloren.

Und genau da schenkt Gott ihm ein Bild. Ein Bild vom Wasser. Zunächst ist es nur ein kleines Rinnsal. Es fließt aus dem Tempel heraus.

Nicht von außen kommt die Rettung. Nicht aus politischen Machtzentren. Nicht aus militärischer Stärke. Sondern aus Gottes Gegenwart.

Gott ist die Quelle des lebendigen Wassers. Von Gottes Zuwendung zu uns, von seiner Rückkehr und Einkehr in unser Leben, in unsere Gemeinden, in unsere Städte, von seiner Gegenwart geht das aus, was wir, was ich zum Leben brauche: nämlich Gnade und Vergebung, Liebe und Treue.

Ohne dieses JA Gottes zu mir, zu uns und zu unserer Welt, können wir nicht leben, gleicht unser Leben einem ausgetrockneten Bachbett.

Gott zieht ein in unser Leben. In unsere Geschichte, unsere Häuser, unsere Not und Schuld, in unsere Freude und Feste. Gott ist DA!

Das Wasser fließt. Und je weiter es kommt, desto größer wird es. Erst knöcheltief. Dann knietief. Dann hüfttief. Ein Strom voller Leben.

Mich berührt daran, dass Gott hier nicht mit einem fertigen Wunder beginnt. Nicht sofort ein gewaltiger Fluss. Sondern klein. Fast unscheinbar. Wie Hoffnung oft beginnt.

Mit einem Gespräch. Einer Begegnung. Einem Menschen, der zuhört. Mit einem Gebet. Einem ersten Schritt.

Vielleicht beschreibt dieses Wasser auch den Glaubensweg von Menschen.

Am Anfang ist da nur ein knöcheltiefer Kontakt: Vielleicht das Tischgebet bei der Freundin. Das Abendlied mit der Oma. Eine Konfirmandenfreizeit. Vielleicht Musik, die plötzlich etwas in mir berührt. Knöcheltief. Ich spüre etwas. Noch etwas unverbindlich.

Dann wird das Wasser knietief. Erste Fragen tauchen auf. Erste Gespräche über Gott und das Leben. Ich beginne zu ahnen, dass Glaube mehr sein könnte als eine Tradition. Bleibe stehen. Denke nach. Suche.

Später wird das Wasser hüfttief. Gemeinschaft entsteht. Menschen tragen einander. Ich erlebe, dass Kirche mehr sein kann als ein Gebäude. Sie wird zu einem Ort, an dem Hoffnung geteilt wird. Einem Ort, an dem ich nicht allein bleibe.

Knöcheltief. Knietief. Hüfttief.

Bei diesen Worten muss ich an ein ganz anderes Erlebnis denken.

Sommerurlaub an der Nordsee. Auf Langeoog. Meine Tochter war damals vier Jahre alt. Es war Ebbe. Gemeinsam gingen wir muschelsuchend hinaus ins Watt. Nach einiger Zeit entdeckten wir einen kleinen Wasserlauf. Knöcheltief war das Wasser. Meine Tochter begann zu spielen. Wir bauten kleine Dämme, ließen Muscheln schwimmen … und schlenderten weiter auf der Suche nach besonderen Fundstücken.

Irgendwann hob ich den Kopf und schaute nach dem Strand. Ich erschrak. Der Strand war weit weg. Viel weiter, als ich gedacht hatte. Und das Wasser lief bereits auf. Schnell – und mit möglichst sorgloser Miene – drängte ich meine Tochter zum Umkehren.

Als wir wieder an den Wasserlauf kamen, an dem sie gespielt hatte, war er kaum wiederzuerkennen. Aus dem kleinen Rinnsal war ein breiter Strom geworden. Ich nahm allen Mut zusammen und meine Tochter auf die Schultern und stieg hinein. Das Wasser reichte mir weit über die Hüfte. Der Boden war glitschig.

Mein Herz schlug bis zum Hals. Angst. Die Sorge, ob wir rechtzeitig hinüberkommen würden.

Endlich hatten wir die andere Seite erreicht. Als wir den Strand betraten, liefen mir Tränen der Erleichterung über das Gesicht.

So bedrohlich kann Wasser auch sein. Knöcheltief. Knietief. Hüfttief.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem unsere Erfahrungen und die Vision des Ezechiel sich berühren.

Denn der Strom Gottes ist nicht einfach ein romantisches Bild. Er ist größer als wir. Er entzieht sich unserer Kontrolle. Zeiten im Leben, da der Boden unter den Füßen schwankt. Wenn Lebenspläne zerbrechen. Wenn Abschiede unfassbar weh tun. Wenn die Zukunft ungewiss ist. So viele Fragen offen sind.

Und dann erzählt Ezechiel von dem Wasser, das so tief geworden ist, dass man nicht mehr stehen kann. Nur schwimmen. Aber: Man kann schwimmen! Der Strom verschlingt nicht, sondern schenkt Leben. Trägt. Wenn ich mich ihm anvertraue. Gott trägt. Trägt mich, trägt uns hindurch.

In der Vision geschieht etwas Erstaunliches. Der Strom fließt weiter. Er erreicht das Tote Meer. Den Ort, an dem eigentlich nichts leben kann. Salzig. Öde. Tot.

Doch überall, wo das Wasser hinkommt, entsteht Leben. Fische. Bäume. Früchte. Heilung.

Das ist für mich die stärkste Botschaft dieser Vision: Gottes Kraft bleibt nicht im Tempel. Sie sucht die Orte des Mangels. Der Hoffnungslosigkeit. Die Orte, die längst aufgegeben wurden. Dorthin fließt das Wasser.

In die Einsamkeit vieler alter Menschen. In die Verzweiflung junger Menschen, die nicht wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird. In die Sprachlosigkeit zwischen politischen Lagern. In die Angst vor Kriegen und Krisen. In die Müdigkeit vieler Menschen, die das Gefühl haben, nichts mehr verändern zu können.

Gottes Strom fließt gerade dorthin.

Und ich höre das Rauschen des lebendigen Wassers. Und den Auftrag an uns: Werdet, ja seid Teil dieses Stromes.

Denn die Vision endet nicht beim Empfangen. Sie endet beim Weitergeben. Dann fließt das Wasser weiter. Immer weiter.

Vielleicht ist das auch eine wichtige Botschaft dieses Elbekirchentages.

Drei Tage wurde hier gefeiert. Glauben. Singen. Beten. Einander begegnen. Gemeinschaft erfahren. Nach einer guten Zukunft und einem sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft fragen.

Aber all das soll nicht bei uns bleiben. Wie das Wasser aus dem Tempel hinausfließt, so soll auch die Hoffnung hinausfließen. In unsere Familien, Vereine, Schulen, Nachbarschaften. In politische Verantwortung. Gesellschaftliche Debatten. In den Alltag.

Denn unsere Welt braucht Menschen, die Hoffnung weitertragen. Sie braucht uns, die wir die Hand nach der Hoffnung ausstrecken. Brücken bauen statt Mauern. Zuhören statt nur urteilen. Menschen, die Menschlichkeit stärker machen als Angst.

Menschen, die an Gottes Zukunft glauben, auch wenn die Gegenwart manchmal düster erscheint.

„Mee(h)r Blau-Töne“ – das bedeutet auch: Unser Leben besteht aus vielen Farben und Schattierungen. Nicht jeder Tag ist hellblau. Nicht jede Erfahrung ist leicht.

Aber Gottes Strom fließt durch alle Farben hindurch. Durch die hellen und die dunklen. Durch Freude und Trauer. Durch Zweifel und Gewissheit.

Und am Ende bleibt die Zusage:

  • Wo Gottes Wasser fließt, wächst Leben.
  • Wo Gottes Liebe ankommt, entsteht Zukunft.
  • Wo Gottes Geist wirkt, wird selbst aus dürrem Land ein Garten.

Mit dieser Hoffnung und in diesem Vertrauen lasst uns weitergehen.

Knöcheltief. Knietief. Hüfttief. Und schließlich getragen von dem Strom Gottes, der Leben schenkt und niemals versiegt.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt zur Eröffnung der Juni-Tagung der Landessynode, Hannover, Henriettenstift, 18. Juni 2026

Micha 7, 18-20

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In der Einigungsnacht 1990 wurde mein Bruder in Osnabrück von einer Meute gewalttätiger Skinheads halb tot geprügelt. Mit Baseballschlägern schlugen sie ihn nieder und traten mit Springerstiefeln auf ihn ein, als er längst am Boden lag.

Ein Autofahrer hielt kurz an, ließ ihn aber in seinem Blut liegen – „Junge, du machst mir die Sitze schmutzig!“ Eine Zivilstreife der Polizei fand ihn und brachte ihn ins Krankenhaus. Ein Wunder, dass er überlebte. Einige der Täter wurden kurzfristig in Gewahrsam genommen. Vom Gericht wurde meinem Bruder empfohlen, keine Anzeige zu erstatten – die Skinheads würden sich später rächen.

Monate später, nachdem er körperlich wieder gesundet war, diskutierte mein Bruder mit unserem Vater über Vergebung. Was mein Vater machen würde, wenn ein Skinhead verfolgt und an der Pfarrhaustür klingeln würde, um sich zu retten. Ob unser Vater ihn einließe.

„Natürlich. Einem Menschen in Not muss man helfen.“ – „Du würdest es denen vergeben, was sie mir angetan haben?“ – „Ich würde diesem Menschen helfen. Vergeben kann allein Gott.“

Ich lese den Predigttext aus dem Buch des Propheten Micha (7, 18-20).[1]

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Unser Bild von Gott – nicht unser erstes Thema bei der Landessynode. Und dabei so wichtig, weil es in vielen anderen Fragen, die uns beschäftigen, Wegweisung gibt.

Gott ist unfassbar groß. Und Gott ist wahrscheinlich ganz anders, als wir denken. Gottes Größe besteht für mich besonders darin, dass er ein Gott ist, „der die Sünde vergibt.“ Einer, der hinter dem, das nicht sein sollte, einen Schlussstrich zieht. Gültig für gestern, für heute und morgen. Gültig für alle. So hat er es schon „unsren Vorfahren“ geschworen. Und so gilt es noch heute.

Wie entlastend – denke ich einerseits. Das ist ja gut zu wissen – bei all dem, was mir misslungen ist. Was schiefgelaufen ist. Wo ich Schuld auf mich geladen habe.

Wie beunruhigend – denke ich andererseits. Wirklich alles wird vergeben? Und ich denke an meinen Bruder und die Gewalterfahrung, die bis heute noch in ihm steckt. Und ich schaue heute in die große Welt.

Putin, der Raketen und Drohnen auf Zivilisten und zivile Infrastruktur schießt – weil er es kann. Trump, dem nichts heilig ist und dem es völlig egal zu sein scheint, dass infolge seines narzisstischen Handelns Menschen leiden, Kriege beginnen und eine Weltordnung ins Wanken gerät, die für Frieden sorgte.

Und bei uns eine Partei, die Menschen herabwürdigt, ausgrenzt und gegeneinander stellt. Die demokratische Institutionen verachtet und höhnisch mit der Grenze des Sagbaren und mit Verlustängsten spielt. Die sich auf ihrem Parteitag gegen die „Verewigung des Schuldkomplexes“ ausspricht. Und gewählt wird. –

Wird wirklich alles vergeben?

Gott ist ganz anders – und so groß, dass ich ihn nicht fassen kann. Und ich hoffe doch, dass er auch ein zorniger und ein gerechter Gott ist. Wie sollte er über Böses nicht zornig werden? Da wären Zorn und Strafe doch angebracht. Ich bekenne – manchmal wünschte ich mir das. Und erschrecke zugleich über meinen Wunsch. Und höre: Gott ist anders.

Ja, Gott kennt den Zorn. Unser Tun hat Konsequenzen. Wenn ich andere verletze, wenn ich die Wahrheit verschweige, wenn ich Böses tue – dann werde ich von Gott zur Verantwortung gezogen. Und muss mit seinem Zorn rechnen.

Doch Gottes Zorn ist kein launischer Wutanfall. Er ist vielmehr Gottes leidenschaftliches Nein zu allem, was Menschen zerstört. Er ist der Weckruf, der sagt: „Wenn du so weitermachst, wirst du dich selbst und deine Gemeinschaft zerstören.“

Sein Zorn ist seine heimliche Güte. Paul Gerhardt hat im 17. Jahrhundert davon gesungen: „Du strafst uns Sünder – mit Geduld. … Ja, endlich nimmst du unsre Schuld und wirfst sie in das Meer.“ (EG 324,9)

„Gott wird alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Schuld soll nicht unser Leben bestimmen. Gott hält sie uns nicht ewig vor. Er schafft beiseite, was uns von ihm und voneinander trennt.

Der Prophet Micha sagt: Gott wird unsere Schuld „unter die Füße treten“. Ein starkes Bild. Das, was uns gefangen hält – Schuld, Versagen, Verstrickungen –, soll seine Macht verlieren.

Nicht die Erinnerung daran wird ausgelöscht. Denn Vergebung heißt nicht: vergessen. Das wäre unerträglich angesichts der Gewalt, des Hasses und des Leides, das Menschen einander zufügen.

Vergebung heißt: Über einen Abgrund hinweg streckt mir einer die Hand entgegen und sagt: Komm, wir wagen einen neuen Anfang. Ich sehe deine Schuld; aber sie soll nicht länger dein Leben bestimmen.

Das fällt uns oft schwer. Denn wir Menschen erkennen Schuld bei anderen meist schneller als bei uns selbst. Wir können genau benennen, worin andere versagt haben. Das eigene Versagen dagegen erklären wir gern, entschuldigen es oder verdrängen es.

Aber wer auf Gottes Erbarmen vertraut, muss sich nicht länger verteidigen. Wer weiß, dass er angenommen und geliebt ist, kann ehrlicher werden. Kann sagen: „Ja, da habe ich jemanden verletzt. Da habe ich geschwiegen, obwohl ich hätte reden sollen. Da habe ich falsch entschieden. Da bin ich schuldig geworden.“

Vielleicht hat es niemand sonst bemerkt. Und doch bedrängt es mich.

Und da gibt es Heilung – durch den, der uns sagt: er wird „unsere Schuld unter die Füße treten“. Gott legt uns nicht auf unsere Fehler fest. Gott nimmt Schuld ernst, aber er schreibt Menschen nicht ab. Gott sei Dank! Erbarmen!

Und ich will – so schwer es mir auch fällt – versuchen, es zumindest für möglich zu halten, dass Gottes Erbarmen und Vergebung auch denen gilt, denen ich selbst sie am liebsten absprechen möchte. ---

Und dann ist da noch das andere: Der unfassbare Gott öffnet mit seiner Barmherzigkeit Räume, in denen Menschen leben können – befreit und aufgerichtet.

Das ist Maßstab für unser Handeln. Auch während der Synode – wenn wir uns mit der Demokratie und ihrer Gefährdung befassen. Und der Frage: Was kann man tun? Was kann ich tun?

Der Prophet Micha würde uns heute wie vor 3000 Jahren sagen: Halt! Schau hin. Auf Gott und auch auf dich selbst. Denn Gott hat uns nicht als Zuschauer geschaffen. Er hat uns als Handelnde geschaffen und durch sein Erbarmen zum Handeln befreit:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ So heißt es auch bei Micha (6,8).

Gott spricht uns in unserer Verantwortlichkeit an. Wir sind keine Marionetten und vollziehen nicht einen vorgefertigten Plan Gottes, sondern wir sind Handelnde mit eigenem Gewissen. 

Das ist heute angesichts der Gefährdung unserer Demokratie und damit auch der Bedrohung von Minderheiten dringend angesagt.

Der Soziologe Steffen Mau wird in der ZEIT[2] zitiert: „Der Geist der Demokratiefeinde ist aus der Flasche. … Wählerinnen und Wähler schlagen sich gern auf die Seite derer, bei denen es aufwärts geht. … Wenn die Demokratie wankt, müssen wir alle ran – ermuntern, mobilisieren, miteinander sprechen, mutig sein.

Zu Hause, in der Nachbarschaft, im Verein, am Arbeitsplatz. Die demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich sichtbar machen, darf sich nicht ins Abseits drängen lassen, muss auch lustvoll miteinander streiten. Nur wenn sie sich Ihrer Vielheit und Stärke versichert, hat sie überhaupt eine Chance.“

Also los: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Wie das gehen kann? Drei Gedanken:

  1. An Gottes Wort halten. Wenn wir in der Synode, in der Gemeinde, im Alltag oder wo auch immer unterwegs sind: Halten wir uns an Gottes Wort und Gebot und suchen Orientierung darin. Denn ohne Gott verlieren wir den Maßstab für das, was richtig und falsch ist.
  2. Liebe üben, wie Gott gnädig ist. Wenn jemand einen Fehler macht, ihn nicht bloßstellen, sondern die Möglichkeit zur Korrektur suchen. Wenn jemand eine andere Meinung hat, zuhören, statt ihn zu verurteilen. Wenn wir Konflikte haben, nicht versuchen, den anderen zu vernichten, sondern den Weg zurück zur Gemeinschaft zu finden. Liebe üben heißt: Ich nehme den anderen so an, wie er ist, und gebe ihm Raum zu wachsen. So wie Gott es mit uns macht. Wir müssen die Türen offenhalten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen.
  3. Demütig sein, weil wir fehlbare Menschen sind. Angewiesen auf Schuldvergebung. Demut heißt nicht, sich klein zu machen. Es bedeutet: Einsicht in die eigene Begrenztheit. Heißt: Ich kann mich irren. Ich brauche die anderen. Ich brauche den Rat, die Kritik, die Korrektur. Wer demütig ist, der hört zu. Sucht das Wohl des Ganzen. Verlässt sich auf Gottes Treue.

Denn wo ist solch ein Gott, wie du bist? Nirgendwo sonst. Und er hat Gefallen an Gnade. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

[1] Er lebte im 8. Jh. vor Christi Geburt und er redet noch heute, zu den Juden, zu den Christen, zu uns.

[2] 28. Mai 2026, DIE ZEIT No. 24, S. 42

Predigt zur Wiedereröffnung der St. Georg-Kirche, Oberndorf, 31. Mai 2026

4. Mose 6,22-27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Komm, bau ein Haus, das uns beschützt“ – unter diesem Wort habt Ihr zu dem heutigen Fest eingeladen.

Was für einen Weg seid Ihr gegangen, um St. Georg in den Zustand zu versetzen, den wir heute feiern:

Anja Asendorf hat mir lebhaft geschildert, wie nötig die Sanierung war, wie mühsam der Weg – und wie viel Engagement darin lag und liegt:

2012 die Baubegehung und viele weitere Baubegehungen mit der Erkenntnis: Die Fensterbänke bogen sich hoch. Der Putz bröckelte und bröckelte. Yvonne Sieb als Küsterin saugte und saugte. Gefühlt die Hälfte des Putzes verschwand im Staubsauger. Das Erscheinungsbild der Kirche „war nicht mehr so sexy“, sagten Sie.

Dann die Anmeldung als AO-Maßnahme (also außerordentliche Maßnahme, die stark von der Landeskirche finanziert wird) – und Warten. Warteliste mit all den anderen AO-Maßnahmen der Landeskirche. 4. Stelle. Dritte. Dann wieder 5. Stelle. Zweite. Ernüchterung.

Und dann endlich 2025 die Genehmigung. Die Freude hier war riesig! Und mit der Sanierung habt Ihr dann auch noch erfolgreich um eine neue Beleuchtung gekämpft, die es nun auch zulässt, dass man etwas sehen kann. 😉

Herzlichen Glückwunsch – und herzlichen Dank denen, die jahrelang gekämpft und geackert haben, dass das möglich wurde. Und es heute feiern können.

Und an diesem Tag als Predigttext ein Segenswort. Worte, die den meisten in der Gemeinde vertraut sind. (4. Mose 6,22-27)

Und der HERR redete mit Mose und sprach: 

Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 

Der HERR segne dich und behüte dich; 

der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 

der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. 

Mit diesen Worten werden wir am Ende eines Gottesdienstes in unseren Alltag entlassen. Ein Gottesdienst ohne den Schlusssegen? Kaum vorstellbar.

Dieser Segen ist schon über 3.000 Jahre alt. Mit ihm wurde schon das Volk Israel von seinen Priestern im Frieden aus dem Gottesdienst an der Stiftshütte entlassen.

Der religiöse Brauch, von Gott Lebenskraft zu erbitten und sie einem anderen Menschen im Namen Gottes zuzusprechen, reicht weit in die vorbiblische Zeit zurück.

Die Menschen glaubten, dass Gottes Segensmacht bis in das Reich des Todes hinein wirksam ist und wohl auch darüber hinaus.

Dass im 4. Buch Mose die besonders Geweihten diesen Segen sprechen sollen, zeigt: Segen kann man sich nicht eigenmächtig selbst zusprechen; er muss zugesprochen werden.

Der HERR segne dich und behüte dich: er lasse dir all seine Schöpfer- und Lebenskraft zukommen.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig: Im alten Jerusalem war es der Sonnengott, der die Finsternis vertrieb und Wahrheit und Gerechtigkeit ans Licht brachte. Diese Funktion übernimmt jetzt der Gott Israels. Er ist Herr über Gerechtigkeit, Wahrheit und Licht. Wenn Er sein Angesicht verbergen würde, gäbe er die Welt dem Tode preis.

Das formuliert der Segensspruch aber gar nicht. Er spricht allein vom zugewandten Angesicht Gottes und von Gottes Gnade.

Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden: Gott wendet sich dem Menschen zu und gewährt so alles, was zum Leben genügt. Und er hält alle vernichtende Gewalt vom Menschen fern.

Gott spricht den einzelnen Menschen an. Sagt „Du“ zu ihm. Der Mensch erlebt sich so als besonders und einzigartig – etwas, was Menschen in der heutigen Gesellschaft der Singularitäten stark anstreben: gesehen werden.

Wenn in Gottesdienstordnungen angesichts der versammelten Gemeinde alternativ die 2. Person Plural („segne euch…“) verwendet wird, entspricht das nicht dem ursprünglichen Gedanken.

Hier geht es nicht um die Gemeinschaft – es geht um mich als Individuum. Der Herr segne dich!

Wie viele Menschen haben in diesen Mauern – ob frisch erbaut oder bröckelig – diesen Segen empfangen!?

Kinder, deren Kopf dreimal mit Wasser benetzt und denen unter dem Segen gesagt wurde: Gott ist mit dir. Aufgeregte Konfis bei ihrer Konfirmation. Hochzeitspaare, die hier vor Gott „Ja“ zueinander sagten. Trauernde, die nach dem Abschied von einem Menschen hier Trost suchten und den Segen dieses Raumes erfuhren.

Segen zu unterschiedlichen Anlässen, und in unterschiedlichen Zeiten. In Krieg und Frieden. In Weihnachtsfreude und Osterjubel. Und immer war da die Zusage: Der Herr segne dich und behüte dich.

Dabei wurde der aaronitische Segen in der christlichen Kirche nicht von Beginn an gebraucht. Es waren erst Martin Luther und die anderen Reformatoren, die sich an dieses biblische Segenswort erinnert und es in den evangelischen Kirchen wieder zum gottesdienstlichen Gebrauch erweckt haben.

Wenn wir als Christinnen und Christen diese Worte aufnehmen und sprechen, tun wir das, weil wir in Christus in die Tradition des Segens Israels mit hineingenommen sind.

Zugleich ist ein respektvoller Umgang mit der Würde des Textes als einem „der heiligsten Texte der Tora“ geboten.

Es sind ewige, ewiggültige, ewigwahre und ewigmächtige Worte. Menschen kommen manchmal nur wegen dieser Worte in den Gottesdienst. Weil ich zugesagt bekomme: „Gott segne dich!“ Ich bin persönlich gemeint.

Der Segen gibt mir die Kraft aufzustehen gegen die Mächte des Todes, der Vernichtung, des Lebensfeindlichen. So wie St. Georg, der Drachentöter und Namenspatron dieser Kirche, die Kraft fand, sich zu wehren gegen Todes- und Vernichtungsmächte.

Dieser Segen ist Segen in Fülle. Da ist Gott in einer solchen Fülle bei mir, dass sie für mich nicht zu fassen und nicht zu ergänzen ist. So wie die alttestamentliche Lesung diesen unfassbar großen Gott beschrieb.

Dieser Segen spielt noch in weiteren Situationen eine große Rolle – Situationen, für die wir die Mauern der Kirche verlassen und nah wie sonst nie bei den Menschen sind: am Kranken- und Sterbebett und bei Trauerfeiern.

In kaum einer anderen Situation ist der Glaube an die Kraft Gottes, die Leben schafft, mehr gefordert. In kaum einer anderen Situation ist der Mensch mehr angewiesen auf eine Hoffnung, dass Gott Wahrheit spricht und Licht in die Dunkelheit bringt.

In kaum einer anderen Situation braucht es so sehr die Hoffnung, dass Jesus Christus Sterben und Tod erlitten, das Licht des göttlichen Angesichtes erfahren und den Tod überwunden hat. Die Segensgestik erinnert nicht umsonst an das Kreuz.

In kaum einer anderen Situation ist die Sehnsucht nach Frieden, innerem Frieden wie Frieden und Versöhnung mit Nahestehenden wichtiger.

Und gerade hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass dieser Segen der einzelnen Person zugesprochen ist: Der Herr segne dich. Sterben kann zwar massenhaft geschehen, aber Gott erweckt den einzelnen Menschen zu neuem Leben.

Spürt einmal dem Gedanken nach, was der Segen Euch schon bedeutet hat. Wie viel Segen hier in St. Georg Menschen erfüllt und gestärkt hat. ---

Der Segen markiert nicht nur das Ende des Gottesdienstes, sondern auch den Übergang in die Woche und die Alltagswelt mit ihren Herausforderungen. Er entfaltet seine Kraft in dem, was nach dem Gottesdienst kommt.

Trag das, was Du hier empfangen hast, hinaus in die Welt, in den Alltag: übe Nächstenliebe und wende Dich anderen zu. Sei barmherzig. Setz Dich ein für Gerechtigkeit und Frieden. Werde als gesegnete Person zur segnenden Person.

Und das ist notwendig, wenn wir uns umschauen: Krieg, Gewalt, Hunger und Vertreibung in der Welt. Hass und Hetze in unserem Land. Eine Partei, die Ängste schürt, die Gesellschaft spaltet, die der Komplexität der Welt mit Vereinfachung und Lügen begegnet und die Würde von Menschen mit Füßen tritt.

Es ist not-wendig, dass wir Gottes Segen und den Frieden, den wir hier in diesen Mauern empfangen haben, hinaustragen und der Welt damit ein menschenfreundliches Gesicht geben.

Und wenn Ihr dann nachher aus der Kirche geht, schaut auch nach oben: Mit ihrem besonders geformten Turm – stabil im Fundament und im Dach spitz nach oben zulaufend – weist St. Georg auf etwas, das größer ist als wir. Wie ein Zeigefinger ragt der Turm in den Himmel. Erinnert uns: Es gibt eine Perspektive, die über unseren Alltag hinausgeht.

Es gibt eine Hoffnung, die nicht von uns gemacht ist, sondern die uns trägt. Die Kirche ist nicht nur ein schönes Bauwerk, sie ist ein Zeichen: Gott ist da. Auch hier. Auch heute.

Dafür sind wir Zeugen. Das ist unsere Aufgabe. Nicht alles wissen und alles richtig machen, sondern sagen: Ich habe erlebt, dass Gott trägt. Dass er mich nicht im Stich lässt. Dass er zusammenführt. Gott schafft Gemeinschaft, wo andere Grenzen sehen.

Die Botschaft Jesu lebt nicht allein davon, dass Berufs-Christen wie ich davon erzählen, wie Gottes Segen unter uns wirkt.

Es braucht jeden Christen und jede Christin, die in ihrem Alltag, in ihren Kontexten Zeuge ist und anderen davon erzählt, dass und wie Gott sie trägt.

Schaut auf, seht die Zeichen der Hoffnung. Sie sind da. Wo Menschen in dieser Kirche Gott erfahren und segensreich von ihm berührt werden.

Wo Menschen durch das Wort, das an diesem Ort verkündigt wird, angestiftet werden, sich für andere einzusetzen, Nächstenliebe zu leben und so den Segen weiterzugeben.

So, wie Ihr der Kirche hier Halt gegeben habt durch die Sanierung der bröckelnden Wände, damit hier weiterhin das Evangelium gelebt und verkündigt werden kann, so gebt auch der Gemeinschaft „Kirche“ Halt in neuen Strukturen. Ohne Angst, mutig, voller Liebe und Besonnenheit. Damit wir hier in Oberndorf und den Orten drumherum gemeinsam das tun können, was unser Auftrag ist: Zu den Menschen gehen und den Gottes Segen weitergeben.

Gott traut uns das zu. Und gibt uns dazu seinen Segen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt am Pfingstsonntag, 24. Mai 2026, St. Wilhadi-Kirche, Stade

Apostelgeschichte 2,1-21

Regionalbischöfin Sabine Preuschoff nach einer Idee von Lars Hillebold“

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Viele Menschen. Viele Stimmen. Viele Sprachen und Gedanken. Hier im Raum. In der Stadt. Im Umland – und darüber hinaus.

Muttersprache. Alltagssprache. Die Sprache, in der Menschen träumen. Die Sprache von Kleinkindern mit ihren Eltern. Ein Brabbeln, was keiner sonst versteht. Die Sprache der älteren Kinder und Jugendlichen in der Schule, die die Erwachsenen oft nicht verstehen. „Checkst Du? Das crazy.“

Und dann, wenn aus Eltern Alte werden. Wenn die verstehbare Sprache uns verlässt; und die Vergesslichkeit oder gar die Demenz alles verändert.

Viele Menschen. Viele Stimmen. Viele Sprachen. Und mittendrin: ein Moment, in dem plötzlich etwas kippt. Nicht, weil alle gleich werden. Sondern, weil alle einander verstehen.

Pfingsten beginnt nicht mit Einigkeit. Sondern mit Vielfalt. ---

Ein besonderes Wochenende. Geburtstag der Kirche. Geburtstag des Grundgesetzes. In diesem Jahr beides an einem Wochenende: gestern am 23.5. das Grundgesetz und heute Pfingsten. Zwei Gründe zum Feiern.

Lässt sich auch ein gemeinsames Fest daraus machen? Oder sollten wir uns lieber auf das Geistliche besinnen und das Geschehen in unserem Land aus interessierter Distanz beobachten?

Eine Frage, die ich immer wieder höre: Ist es Aufgabe der Kirche, sich für die Demokratie einzusetzen?

Als evangelische Kirche haben wir eine ganze Zeit gebraucht, um uns mit der Demokratie in unserem Lande anzufreunden. Wir waren nicht vorne dabei, als sich die Einsicht durchsetzte, dass die Demokratie für uns die beste Staatsform sei.

Erst 1985 erklang ein ganz klares „Ja“ der EKD zum demokratischen Staat. So hieß es in der sogenannten Demokratiedenkschrift:

„Für Christen ist es wichtig zu erkennen, dass die Grundgedanken, aus denen heraus ein demokratischer Staat seinen Auftrag wahrnimmt, eine Nähe zum christlichen Menschenbild aufweisen. Nur eine demokratische Verfassung kann heute der Menschenwürde entsprechen […].“[1]

Nach den entsetzlichen Verbrechen des Nationalsozialismus, die auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit beruhten, definierten die Mütter und Väter des Grundgesetzes das Volk als (griech.) „demos“, also als Staatsvolk, in dem alle Staatsbürger:innen die gleichen Rechte haben – unabhängig von ihren ethnischen Wurzeln. Einheit in Vielfalt.

Kerneinsicht des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ganz unabhängig davon, wo ein Mensch herkommt, was er glaubt oder wen er liebt – die Würde gilt uns allen.

In vielen niedersächsischen Kirchengemeinden und weit darüber hinaus hängen bald wieder Banner mit den Worten „Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt“.

Der Bezug zur Menschenwürde kann durchaus auch als kirchliches Bekenntnis zu unserem Grundgesetz verstanden werden.

Und mit Blick auf die Nächstenliebe als explizit christliche Kategorie sage ich klar: sie kennt keine Unterscheidung danach, wer der oder die Nächste ist.  

Nächstenliebe hat keine Abstufungen und meint nicht nur geographisch nahe Menschen.[2] Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt sind für alle da! ---

Doch wie passt all das zu Pfingsten? Nach Christi Himmelfahrt gibt es erneut einen Zwischenraum, eine Phase des Wartens und der Unsicherheit – ähnlich wie am Karsamstag:

Jesus ist nicht mehr da. Die, die ihm nachfolgten, sitzen alle zusammen. Hinter Türen. Zwischen Hoffnung und Angst. Dann ein Geräusch wie Sturm. Nicht draußen. Sondern im Haus. Gottes Geist kommt. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Sondern wie Wind, der Fenster aufreißt. Feuerflammen über den Köpfen.

Ein Brausen wie ein Sturm. Gastgeber und Gastnehmer werden plötzlich eins. Gäste des Geistes Gottes. Ein Feuer über Köpfe – und doch nicht über sie hinweg. Ein Feuer, das seinen Weg findet. Entzündet. Entfacht.

Und dann Worte. Viele Sprachen. Stimmen. Parther. Meder. Elamiter. Menschen aus aller Welt. Und alle hören dieselbe Botschaft. Ihre Sprache trennt sie nicht. Der Geist verbindet sie. Die Angst vergeht. Die Türen öffnen sich.

Gottes Geist tut, was Menschen allein nicht schaffen:

Pfingsten ist ein Beteiligungsereignis mit einer klaren, wenn auch weiten Zielgruppe: „Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch.“

Nicht auf einige. Nicht auf die Richtigen an den funktionierenden Schaltstellen. Nicht auf die Lauten und Mächtigen, die vorne in der ersten Reihe stehen. Sondern auf alle.

Menschen aus unterschiedlichen Völkern und mit unterschiedlichen Sprachen können einander plötzlich verstehen – ohne dass ihre Unterschiede aufgegeben werden, was Herkunft, sozialer und geographischer Kontext, was ihre Sprache angeht. Sie verstehen einander trotz und in ihrer Verschiedenheit.[3]

Gott macht Verschiedenheit verständlich. Damit beginnt die Kirche. Wo das geschieht, weht Gottes Geist

Wir leben in einer Zeit multipler Krisen. Stapelkrisen: wachsendes Misstrauen in unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, ein Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte – weltweit und auch in Deutschland – sowie eine anhaltende Wirtschaftskrise, die zunehmend spürbar wird.

Und gerade in solchen Krisenzeiten werden Schuldige gesucht und Menschengruppen ausgegrenzt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Einsicht zu verteidigen, gilt heute mehr denn je.

Und Gottes Geist schafft eindrucksvoll Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit und sieht zugleich den Einzelnen. ---

In unserem Land und in der Kirche feiern wir an diesem Wochenende also, dass Verständigung und Zusammenhalt trotz Unterschiedlichkeit und Vielfalt möglich sind.

Kirche und Demokratie sind kein Zustand. Sie funktionieren nicht von selbst. Sie laufen nicht einfach weiter – wie eine Maschine. Sie geben ihren Geist auf, wenn sie nicht gepflegt werden.

Das Onlinemedium „Perspective Daily“ hat im vergangenen Jahr in einer Reportage vier Pastorinnen aus Brandenburg porträtiert, denen es gelingt, im stark säkularisierten Umfeld und in Regionen, in denen die AfD teils über 30 % Zustimmung erhält, neues Vertrauen aufzubauen und Räume der Verständigung zu schaffen.[4] Ein Beispiel:

Simone Lippmann-Marsch fällt auf. Tattoos, Piercings, Motorradstiefel: Die 42-jährige entspricht nicht dem Bild, das viele von einer evangelischen Pfarrerin haben. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Für sie bedeutet Kirche: „Raus aus den Mauern, rein ins Leben.“

„Ich predige nicht, um Wohlfühlstimmung zu verbreiten. Ich predige, weil ich an eine Hoffnung glaube, die sich nicht in Sonntagsfloskeln versteckt.“

Sie engagiert sich gegen Rassismus, für queere Sichtbarkeit, gegen rechte Hetze. Das empfinden manche als ›zu politisch‹. „Für mich ist das eine geistliche Haltung.“ Sagt sie. „Wenn ich mir anschaue, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, dann sehe ich keine Kirche mit Einlasskontrolle. Ich sehe Begegnung, Neugier, Provokation.“

In ihren Predigten meidet sie Floskeln, stellt Fragen, benennt Missstände. Und Menschen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, kommen zurück. Aus Interesse, weil sie gesellschaftliche Themen direkt anspricht. Es entstehen Räume zum Gespräch. Perspektivwechsel.

Nachfolge Jesu bedeutet für die Pastorin: Kirche ist da, wo Menschen sind. Und es braucht ein Hören darauf, wo Gottes Geist weht.

Das Entscheidende passiert also beim Hören. Parther, Meder, Elamiter und die Menschen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Phrygien, Pamphylien, Ägypten, der Gegend von Kyrene in Libyen etc. Die ganze Welt damals.

Heute müssten wir 195[5] Staaten aufzählen. Viele Menschen. Stimmen. Sprachen. Und mittendrin: Ein Moment, in dem plötzlich etwas kippt. Nicht, weil alle gleich werden. Sondern, weil alle einander verstehen und zuhören. Wissen, woher sie kommen, und ahnen, wozu sie da sind.

Pfingsten beginnt nicht mit Einigkeit. Sondern mit Vielfalt. Und in der Vielfalt den anderen zu hören.

Demokratie und Kirche – beide haben die Aufgabe, immer neu zu lernen, die richtigen Töne und Worte zu treffen. Gottesbilder sind vielfältig. Stadtbilder auch. Sie sind komplex. Sie haben ihre Gründe, und sie haben ihre Abgründe. Nur eines sind sie nicht: Orte für plumpe Propaganda und Schwarz-Weiß-Malereien von Gottes Angesicht und der Menschen Alltag.

Wenn deine und meine Stimme Gewicht und Respekt bekommen, so verschieden sie sind, dann entstehen daraus Verständigungsorte. ---

Wenn Menschen sich verstehen, dann gefällt das nicht allen. Weil es die Macht anderer gefährdet. Die Macht der Populisten. Die Macht derer, die spalten wollen.

Sie spotten und verhöhnen – schon damals: „Sie sind voll von süßem Wein.“

Die Gemeinschaft der Kirche und der Demokrat:innen ist fragil. Sowohl in ihren Häusern als auch vor den Häusern; auf den Straßen; in den Winkeln und Ecken und Hintergedanken bei denen, die die Demokratie nutzen, um undemokratisch zu sein.

Das bringt die, die an der Einheit und am Miteinander arbeiten, an Grenzen. Führt Ängste zu Tage. Und ich erkenne:

Pfingsten bleibt Gabe. Demokratie bleibt Aufgabe. Beide gehören zusammen. Was Gott ermöglicht, wird der Mensch gestalten. Systeme wie Kirchen und Demokratien werden lebendig, weil Menschen Verantwortung übernehmen.

Pfingsten öffnet mir eine Tür. Nicht in eine fertige Welt. Sondern in meine Mündigkeit: dass Menschen einander verstehen können.

Mein Weg mit dieser Kirche und mein Weg in dieser Demokratie ist der Versuch, durch diese Tür hindurchzugehen.

Hinhören – Mitdenken – Mittragen. So singen, feiern, beten wir Gottesdienste. Und manchmal muss es auch das sein: Aufstehen – Widersprechen – Aushalten. So ist Gottesdienst im Alltag und auf der Straße. 

Am Ende hat weder die Kirche noch die Demokratie ewige Garantie. Das ist eine Absage an die menschliche Macht. Sicher sind wir nicht, wer wen richtig anruft. Das bleibt Gottes Sache. Und wir haben den Auftrag, die Zukunft jetzt zu gestalten.

Wie Bischof Heiner Wilmer beim Katholikentag in seiner Predigt sagte: Wartet nicht, zögert nicht, schaut hin, packt an, geht los, hab Mut, steh auf!

Und dann geschieht es: Wir beieinander. Begeistert. Beteiligt. Wir verstehen. Wir hören zu. Es ist Pfingsten. Wir sprechen mit einer Stimme: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Da beginnt das, was ich, Mensch, brauche: beteiligt begeistert beieinander sein. Für die Kirche. Für die Demokratie. Es sind zwei. Und vielleicht wirkt doch ein Geist…

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

[1] „…Das ist bei aller Unsicherheit in der Auslegung von Verfassungsprinzipien und bei allem Streit um deren politische Gestaltung festzuhalten.“ Vgl. Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und

Aufgabe, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/evangelische_kirche_und_freiheitliche_demokratie_1985.pdf, 14.

[2] Sie ist im Kontext des sogenannten christlichen Nationalismus entstanden und wird etwa vom US‑amerikanischen Politiker J. D. Vance vertreten.

[3] Frank Thomas Brinkmann / Hans Martin Gutmann, Ad io Jada, in: Predigtstudien, Perikopenreihe II, Zweiter Halbband, hrsg. von Birgit Weyel, Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann u. a., Freiburg 2026, 48.

[4] Vgl. Ulrike Butmaloiu, Mit Techno, Punk und Bier: Wie 4 Pfarrerinnen in der »Problemzone« Brandenburg das Vertrauen zurückgewinnen, https://perspective-daily.de/article/3985-mit-techno-punk-und-bier-wie-4-pfarrerinnen-in-der-problemzone-brandenburg-das-vertrauen-zurueckgewinnen/probiere

[5] Inkl. Vatikan und Palästina; ohne sie 193

Andacht zum 81. Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel

29. April 2026, Gedenkstätte Lager Sandbostel

Liebe Gemeinde, liebe Gäste!

heute sind wir hier – in diesem Ort, der so viel Leid und so viel Hoffnung trägt. Ich frage mich: Was bedeutet es, in einer Welt voller Konflikte, voller Krieg und Hass, von Frieden zu sprechen?

Gerade jetzt, wo die Schlagzeilen uns täglich mit neuen Grausamkeiten konfrontieren. Wo Worte wie „Frieden“ und „Versöhnung“ manchmal hohl klingen.

Was bleibt da von unserer Hoffnung? Können wir überhaupt noch vollmundig vom Frieden sprechen? Und gibt es eine Verpflichtung der Religionen zum Frieden?

Der öffentliche Disput zwischen Papst Leo XIV. und der US-amerikanischen Regierung unter ihrem Präsidenten Donald Trump hat diese Frage ganz aktuell in die öffentliche Debatte gebracht:

Folgen aus der eigenen religiösen Überzeugung Haltungen, die sich auch im politischen Handeln auswirken? Die im Tun sichtbar werden?

„Selig sind, die Frieden stiften“?[1] Der Papst hat die biblische Botschaft bei einem Friedensgebet am Karsamstag in Rom so in unsere Zeit übersetzt:

„Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg! Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben“[2].

Wir wissen aus der deutschen Vergangenheit, dass Religion auch schrecklich missbraucht werden kann. Der Nationalsozialismus war so etwas wie eine berauschende „Religion des Todes“, der Vernichtung, der Verachtung menschlichen Lebens und menschlicher Würde. Abgründig! Und eine fürchterliche Lästerung Gottes.

Und ja, auch Christinnen und Christen haben damals weggesehen, mitgemacht, geschwiegen. Und die evangelische Kirche als Institution hat große Schuld auf sich geladen. – Was schenkt mir da Hoffnung?

Wir feiern diese Andacht in der nachösterlichen Zeit. Als Christin glaube ich: Gottes Macht ist stärker als jede Macht des Todes. Er hat den Tod ein für alle Mal überwunden – in der Auferstehung Jesu Christi. Gott will das Leben.

Das entdecke ich mitten in dieser Welt: wo die Natur explodiert und aus allen Poren das Leben durchbricht. Wo Menschen füreinander da sind, füreinander einstehen. Wo Brücken zueinander gebaut und Menschen aufgerichtet werden.

Angesichts von Kreuzigung und Tod Jesu am Karfreitag und seiner Auferstehung am Ostersonntag stellt sich dennoch die Frage: Wie passen Leid und Unrecht damals wie heute zusammen mit Gottes Gerechtigkeit? Mit seinem Handeln in der Welt? Mit seinem Willen zum Leben?

Mir kommt dabei der Satz von Elie Wiesel, dem Schriftsteller und Überlebenden der Shoah, in den Sinn. Er hat einmal gesagt: „Unheil und Leid in der Welt sind weder mit Gott zu denken, noch ohne Gott auszuhalten.“

Für mich sagt er damit zum einen: Für die Gräueltaten ist nicht Gott verantwortlich, sondern wir Menschen sind es.

Und zum anderen sagt er: Es ist wichtig, ein Gegenüber zu haben, dem all diese Gräuel zu klagen sind. Ohne Gott fehlt mir die Instanz, und als Christin sage ich: Ohne Jesus Christus fehlt mir das Antlitz, vor dem ich Unrecht, Unheil und Unglück aussprechen, ja, auch klagen kann. Damit das Böse nicht das letzte Wort behält. ---

Und dann braucht es Friedensstifter. Selig sind, die Frieden stiften! Eben, damit das Böse, nicht das letzte Wort behält.

Ein Symbol für den Frieden und damit gegen die momentan so um sich greifende Eskalation von Krieg, Gewalt und Hass ist in vielen Religionen die Taube.

Und selbst Menschen, die nicht-religiös sind, verbinden mit der Taube genau dies: den Wunsch nach Frieden, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die Vorstellung von einer Welt, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt.

Hier in Sandbostel – früher in der Lagerkirche und jetzt in der großen historischen Lagerküche – wird regelmäßig unter dem Symbol der Taube ein Gottesdienst gefeiert. Ein Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen des Neuanfangs.

Wie nach der Sintflut, von der die hebräische Bibel erzählt. Da schickt Noah eine Taube aus, um Land zu suchen. Als die Taube mit dem Ölzweig zurückkehrt, ist das ein Zeichen: Es gibt wieder Land. Es gibt wieder Hoffnung.

Und Gott schließt mit Noah und damit mit allen Menschen einen Bund und verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. [3]

Als Zeichen dieses Friedens zwischen Gott und uns Menschen, als Zeichen der Treue Gottes setzt er den Regenbogen in den Himmel.

Was für ein wunderbares Symbol mit seinen leuchtenden, bunten Farben!

Gott schließt einen Bund mit Noah und er schließt am Berg Sinai einen Bund mit Mose und dem Volk Israel, indem er ihnen die Zehn Gebote gibt. Dieser Bund bleibt bestehen. Ist unzerbrechlich. Zeichen der Treue und der Liebe Gottes zu seinem Volk.

Die Taube begegnet uns an einer ganz entscheidenden Stelle des Neuen Testaments und damit der Geschichte und der Botschaft Jesu wieder: auch hier als Zeichen der Liebe Gottes.

Die Evangelien erzählen, dass bei der Taufe Jesu am Jordan durch Johannes den Täufer eine Taube vom Himmel herabstieg. Und es erklang Gottes Stimme, die sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ [4]

Genau das sagen wir heute jedem Menschen, der getauft wird: Du bist geliebt. Du bist ein Kind Gottes. Wenn wir das ernst nehmen, dann können wir nicht wegschauen, wenn die Würde eines Menschen mit Füßen getreten wird.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 des Grundgesetzes, dessen 77. Gründungstag wir im Mai feiern. Ein Satz, der uns alle verpflichtet.  

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den 23. Mai zu einem „Mitmachtag für die Demokratie“ ausgerufen. Und wir als Kirche sagen: Ja, wir machen mit. Weil die einem Menschen von Gott gegebene Würde in der Staatsform der Demokratie am ehesten geschützt und geachtet wird.

Und wir spüren: Diese Demokratie wird angegriffen. Die Wehrhaftigkeit unserer freiheitlichen Verfassung wird von vielen Seiten herausgefordert. Es ist nicht selbstverständlich, in Freiheit zu leben. Es ist ein Geschenk – und eine Aufgabe.

Es kommt darauf an, die eigene Haltung klar zu benennen und für sie einzustehen. Um Gottes Willen: gegen Hass, gegen Ausgrenzung, gegen Rassismus.

Deshalb werben wir als christliche Kirchen in Niedersachsen in den nächsten Wochen mit einem klaren Motto: „Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt.“ Wir werben dafür, sich an den Wahlen in den Kommunen zu beteiligen.

Wir werben für keine politische Partei. Wir werben aber für eine politische Haltung, Wir sagen: Steht ein für eine Welt, in der der die Würde eines jeden Menschen geachtet wird. In der wir uns umeinander kümmern. In der wir Brücken bauen – zwischen Religionen, zwischen Kulturen, zwischen Menschen.

Die Taube mahnt uns: Frieden ist möglich. Aber er braucht uns. Er braucht unser Engagement, unseren Mut, unsere Bereitschaft, hinzusehen und zu handeln.

Wir treten ein für den Frieden, weil es Gottes Auftrag an uns Menschen ist. Wir treten ein für Nächstenliebe, weil Gott sich uns in Jesus Christus in Liebe zugewandt hat. Wir treten ein für das Leben, weil Gott treu zu uns steht und mit uns Menschen einen Bund geschlossen hat, dessen Zeichen der Regenbogen ist.

Weil Gott Leben will.

Amen.

 

[1] Matthäus 5,9

[2] Zitiert nach https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-04/leo-xiv-betrachtung-gebetsvigil-frieden-welt-appell-petersdom.html

[3] 1. Mose, 8,22

[4] Matthäus 3,17

Predigt zur Einführung von Kirchenmusikdirektorin Tina Röber-Burzeya

St. Martini-Kirche Nienburg, 26. April 2026

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht! 
Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! 
Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen! 
Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen! 
Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln! 
Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja! 

Das große Halleluja – so ist Psalm 150 in der Lutherbibel überschrieben. Und dieses große Halleluja ist heute auch Überschrift Deiner Einführung, liebe Tina.

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Halleluja!

Alles! Nicht nur die Sänger und Sängerinnen im Chor, nicht nur die Organisten, die ihre Finger wie Akrobaten über die Tasten fliegen lassen. Es geht um alles, was atmet.

Um den alten Mann, der kaum noch singen kann, weil seine Lunge schwach ist. Um das Kind, das noch kein Wort formen kann, aber schon lacht. Um uns alle, mit gebrochenen Stimmen, müden Herzen und manchmal sehr lauten, manchmal sehr leisen Seelen.

Musik in der Kirche ist oft missverstanden worden. Man dachte, sie sei das „Schmuckwerk“, das wir über das Wort legen, damit es schöner klingt. Oder sie war die „Kulisse“, die die Stille füllen sollte, wenn wir nichts mehr zu sagen wussten.

Aber Tina Röber-Burzeya ist nicht dazu da, um eine schöne Kulisse zu schaffen. Sie ist da, um „Odem“ zu wecken.

Geschenkt wurde der Odem uns einst von Gott: Bei der Schöpfung wird der Atem Gottes dem Menschen eingehaucht. Dieser Atem lässt den Menschen leben.

Gottes Atem ist uns nicht nur gegeben, dass wir ein paar Jahre Lebenszeit haben, in denen wir uns abmühen, bis wir ins Hecheln kommen und uns irgendwann die Luft ausgeht.

Wir haben den Lebensatem Gottes, um zu leben. Frei und aufgerichtet. Und auch, um damit Gott zu loben. „Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja.“

Eine Chorprobe beginnt oft nicht mit dem Singen, sondern mit dem Atmen: Einatmen. Ausatmen. Das richtige Atmen ist Stütze beim Singen.

Ich finde den Gedanken ganz wunderbar, dass so, wie beim Singen das richtige Atmen das Singen stützt, dass so Gottes Atem mir Leben schenkt und Stütze und Halt im Leben ist.

Der Atem, der von Gott kommt, geht im Lob zu ihm zurück. Und wenn Gott uns den Atem gegeben hat, damit wir leben, dann lobt im Grunde jeder Atemzug Gott.

Liebe Tina, mit Musik Gott zu loben und bei anderen den „Odem“ zu wecken, dass auch sie in das Lob mit einstimmen, das ist Dein Beruf. Deine Berufung. Großartig!

Wie es dazu kam? In der fünften oder sechsten Klasse war für dich klar: Du wolltest Musik- und Englischlehrerin werden. … Dieser Wunsch wurde schnell ad acta gelegt.

Plan B: Musikschullehrerin mit Klavier und Oboe. Bei näherem Nachdenken die Zweifel. Wie ist das dann mit diesen hochmotivierten Schülern, die in einer Musikschule zum Unterricht kommen??

Dein Orgel-Lehrer sagte: „Studiere Kirchenmusik. Orgel, Klavier, Gesang.“ Gesagt, getan. Studiert hast du in Düsseldorf. Inklusive A-Examen.

Danach hast du in der Singschule von Rolf Schweizer in Pforzheim bei Kord Michaelis alles gelernt, was du für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen brauchtest, sagtest du. Didaktik, Methodik, hast Fortbildungen gegeben. „Es war sehr erfüllend.“

Und schließlich Burgdorf. Auch hier dein Herzens-Anliegen: Singen mit Kindern und Jugendlichen. Und das bedeutet auch Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Als du anfingst, war viel neu aufzubauen. Auch ein Jugendchor. Wie großartig war das, als du das erste Mal ein richtiges Weihnachtskonzert und dann Chorreisen mit Jugendlichen machen konntest.

„Wenn die mit 4 Jahren anfangen bei dir zu singen, dann entwickelt sich eine besondere Beziehung. Das ist toll, diese Entwicklung mitzuerleben.“ Sagst du.

Und ich ergänze: Nicht allein sie mitzuerleben, sondern auch, sie mitzugestalten. Denn was für einen großartigen Beitrag hast du in der Entwicklung von jungen Menschen geleistet?!

Die Musik. Die Erfahrung. Das Miteinander. Den Bezug zur Kirche. Das alles und vieles mehr tragen diese Menschen nun in sich. Das hat sie geprägt, begleitet sie. Und dein Beitrag daran ist enorm.

Ein Highlight für dich auch: das Ehemaligen-Singen. So viele von denen wiederzusehen, die unter dir herangewachsen, gereift sind. Dann sind sie wieder da. Und sie wachsen zu einem großen Chor zusammen, in dem die Stimmen sich mischen. Zusammenklingen. Eine Einheit werden. Da waren sie an verschiedenen Orten und sind alle wieder da. Und bilden ein großes Gesamtkunstwerk.

Musik machen mit den Menschen – dein Herzensanliegen. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.

Das war und ist mir immer wichtig: Dass wir, wenn wir in Gottesdiensten musizieren, dies nicht in erster Linie machen, weil wir dann so toll sind und Applaus bekommen, sondern zum Lob Gottes. Soli Deo Gloria.

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Das hast du als Kanon schon in Pforzheim kennengelernt und dort mit Kindern und Jugendlichen gesungen. Und es auch deshalb als Wort für diesen Tag ausgewählt. Warum? Du erklärtest: „Weil ich ein positiv gestimmter Mensch bin. Das passt zu mir. Eher als „Aus der Tiefe rufe ich zu dir.““

Was gibt es Schöneres, als wenn alle Generationen das Lob Gottes miteinander singen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene!? Was für ein Geschenk ist es, dabei zu erleben, wie Menschen zusammenklingen, eine Einheit werden, miteinander wachsen – wenn Gottes Atem sie erfüllt und belebt!?

Lasst uns sehen und darauf achten, wo Gott in dieser Welt ist, seinen Atem einhaucht und damit dieser Welt Leben schenkt.

Lasst uns so auf das Leben, auf die Welt, auf unsere Gesellschaft schauen … und auch auf die Kirche: Nicht immer nur das sehen, was vergeht oder vergangen ist. Was schrumpft oder was früher einmal schön war.

Sondern den Blick wenden auf das, was Gott Neues schafft. Was Gott aufbaut. Lasst uns das nicht aus dem Blick verlieren, denn dann werden wir nicht im Klagen und Lamentieren der Welt hängen bleiben, sondern zum Lob Gottes kommen.

Mit Posaunen, Psalter, Harfen, Pauken, Flöten, Zimbeln. Mit Sax, E-Bass, Klavier, Orgel. Und sicherlich auch mit dem Zimbelstern zu Weihnachten. 😊

Wenn uns der 150. Psalm auffordert, all diese Instrumente zum Lob Gottes einzusetzen, dann fordert er uns auf: Lobt Gott auf vielfältige Weise, mit verschiedenen Instrumenten und mit dem, was euch im Leben gegeben ist! Im Gottesdienst, aber auch im Alltag. In der Gemeinschaft der Glaubenden, aber auch im alltäglichen Leben.

Lobt Gott, indem ihr von ihm erzählt. Indem ihr Menschen tröstet. Indem ihr anderen zum Leben helft. Indem ihr zu einer lebenswerten Welt beitragt. Indem ihr wahrhaftig seid.

So vielfältig und unterschiedlich klingend, wie das Orchester von Psalm 150 besetzt ist, so vielfältig sind die Gelegenheiten, Gott zu loben. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.

Und, liebe Tina, (fragt sich manch einer) was machst du jetzt als Kirchenmusikdirektorin im Fachaufsichtsbezirk Nienburg noch so? Ganz konkret?

Gesetze lesen. Prüfungsordnungen. Und so… Du sagtest selbst mit einem Grinsen: „Wer mich kennt, der sagt sich jetzt wahrscheinlich: Das passt ja richtig gut. Bei meiner großen und starken Strukturiertheit.“ 😊

Ja, das alles gehört auch dazu und ist wichtig. Du freust dich dann aber auch auf das Mozart-Requiem im November. Bist im Aufbau einer Kinderchorarbeit unterwegs. Und mit der Musi-Biene in Kitas. Du sagtest: „Ich muss mit Kindern arbeiten, sonst dreh ich durch. Kinder zeigen direkt, wie Sie eine Probe finden.“

Ich bat Dich, den Satz zu vollenden: „Musik ist für mich…“

„Musik - da fließt alles zusammen. Gemeinschaft. Verkündigung. Inhalte. Ausdruck. Wort und Glaube. Es öffnen sich Räume. Musik ist ganzheitlich. Fängt alle Sinne ein. Musik macht Glauben spürbar. Für die, die sie machen und hören und fühlen und miterleben.“ So ist es.

Und wenn wir singen, hören wir nicht nur Worte, wir werden zu einem Instrument, auf dem der Heilige Geist spielt. Denn wenn wir singen, geben wir unseren Atem hin, damit er mit dem Hauch der anderen verschmilzt und etwas Neues entsteht, das größer ist als die Summe unserer Einzelstimmen.

Und auch das ist etwas, was du, Tina, mitbringst: Die Fähigkeit, diesen Atem sichtbar und hörbar zu machen.

Musik machen und hören. Mit der Orgel, die ja auch atmet. Und auf der du nicht allein die alten Meister, sondern gerne auch Filmmusik erklingen lässt. Mit Singen – miteinander und vor Gott. Ein großer und wichtiger Teil der Verkündigung.

Das funktioniert schon seit der Reformation so: Die befreiende Erkenntnis, dass der Mensch nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben vor Gott gerecht werde, verbreitete sich ja nicht primär durch Thesen und Disputationen der Gelehrten.

Auch nicht durch deutsch verfasste Schriften (die verstand nur, wer lesen und schreiben konnte), sondern durch Lieder, die die Menschen mitsingen konnten und die das Evangelium zum Klingen brachten und bringen.

Wo zu Zeiten der Reformation eine Gemeinde die Lieder im Gottesdienst anstimmte, war bereits die Reformation im Gang. Denn da baute sich Gemeinde gegenseitig im Singen auf.

Der Stadtschreiber von Lemgo berichtet, er sei von seinem Bürgermeister, der noch dem alten Glauben anhing, in die Stadtkirche geschickt worden. Er sollte schauen, was sich dort mit dem neuen Glauben tue. Er kam zurück und meldete dem Bürgermeister: „Nun, sie singen schon alle.“

Da soll der Bürgermeister geantwortet haben: „Ei, dann ist alles verloren!“ Die Gemeinde, die sich im Singen äußerte, war offenbar das hörbare Merkmal der Reformation. Denn in der römischen Messe war die Gemeinde bisher stumm anwesend.

Das Singen der Christen versteht Martin Luther als freudige, dankbare Antwort des befreiten Menschen auf das Evangelium. Mit seinem Gesang lobt er den Namen Gottes, der ihn zum Leben befreit hat. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.

Das tust du, liebe Tina selbst. Und du leitest Menschen jeder Generation an, es ebenso zu tun.

Es wird nicht immer perfekt klingen. Es wird Momente geben, in denen die Intonation nicht stimmt oder in denen der Takt verrutscht. Aber der Psalm sagt ja auch nicht: „Alles, was perfekt ist, lobe den Herrn.“ Er sagt: „Alles, was Odem hat.“

Unsere Unvollkommenheit ist kein Hindernis für das Lob. Sie ist der Ort, an dem das Lob echt wird. Denn wenn wir perfekt wären, bräuchten wir keine Gnade. Wir brauchen Musik für unser zerbrechliches Leben. Wir brauchen einen Klang, der unsere Brüche überbrückt, bis wir wieder ganz sind.

Liebe Tina, dir wird heute ein Dienst übertragen, den Atem der dir anvertrauten Menschen zu hüten und ihm Raum zu geben, dass er sich entfaltet. Du trägst das Deine dazu bei, dass Gottes lebendiger Atem sich in den Menschen entfaltet – um zu leben und um Gott zu loben.

Soli Deo Gloria. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt am 8. Februar 2026 in der Stader St. Cosmae-Kirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Er hat sich sein Leben anders vorgestellt. Er ist weit weg von Jerusalem. In Babylonien im Süden des heutigen Irak. Zusammen mit den anderen Verschleppten seines Volkes. 593 vor Christus.

Der Großkönig Nebukadnezar von Babylon hatte damals Jerusalem belagert und nach der Kapitulation der Stadt die Führungsschicht deportiert: Königshaus, Priester, reiche Kaufleute, Generäle, Gelehrte.

Der Mann, Ezechiel, gehört zu einer der großen Jerusalemer Priesterfamilien. Mehrere 1.000 Menschen mögen es gewesen sein, die ihre Heimat verlassen mussten und in der Fremde irgendwo zwischen Euphrat und Tigris wieder angesiedelt wurden.

Das Leben ging dort weiter. Es ging ihnen äußerlich, materiell nicht schlecht. Sie wurden nicht versklavt und unterdrückt, sie hatten ihre Häuser, sie hatten zu essen, Landwirtschaft, Handel, ihre eigene Verwaltung.

Und doch… Vieles, das über lange Zeit selbstverständlich war, Sicherheit gab, war weggebrochen: Die Regierung, die Religion, Kultur, Regeln und Institutionen. Also all das, was dem Leben Stabilität und Sicherheit und Verlässlichkeit gibt. Wie soll es weitergehen? Gibt es eine Perspektive?

An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten… On the rivers of Babylon… die Sicherung der materiellen Existenz ist eben nicht alles. Wenn ich versuche, mich in ihr Lebensgefühl hineinzuversetzen, dann vermute ich eine große Krise, eine Vertrauenskrise, eine Sinnkrise.

Verbindungen zu uns heute: Wir leben im Wohlstand. Ja, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf – aber dem Land geht es grundsätzlich gut.  Eigentlich. Und doch werden populistisch Angst und Unzufriedenheit gesät. Weil eben nicht alles rund läuft.

Die Angst vor dem Fremden wird geschürt. Geflüchtete und Arme aus unserem Land gegeneinander ausgespielt. Verschwörungstheorien verbreitet. Antisemitismus erstarkt.

Regierung, Religion, Kultur, Regeln und Institutionen werden in Frage gestellt und angegriffen. Der Ruf nach einem starken Führer wird laut.

Dazu die Weltlage: Der Weg der USA von einer Demokratie in ein autokratisch beherrschtes Land. Der terroristische Angriffskrieg Putins auf die Ukraine. Die nicht unberechtigte Sorge, dass Putin auch das Baltikum, Polen und damit auch uns angreift.

Wie wird es weitergehen? Gibt es eine Perspektive?

Ezechiel will Priester sein. Will seinen Mitmenschen zu Gott helfen, ein Mittler sein zwischen Gott und ihnen. Da widerfährt ihm eine Vision: Der Himmel öffnet sich. Gott kommt zu ihm. Gott sitzt nicht auf seinem Thron über dem Tempel in Jerusalem. Gott sitzt auf einem Thron, der sich über die ganze Erde bewegt und jeden Winkel der Welt und des Herzens erreicht. Gott ist da. Gott redet. Auch hier. Du, Mensch, höre!

Und Ezechiel soll Gottes Prophet sein. Ich lese den Predigttext, aus Ezechiel 2 und 3:

1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. 

1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. 

Sie sind widerspenstig. Verhärtete Gesichter, harte Herzen. Sie und ihre Vorfahren haben mit Gott gebrochen und sich abgewandt von ihm. Damals wie heute.

Ein harter Weg für Ezechiel. „Gott macht stark“ heißt sein Name – er kann es brauchen. „Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen, Ezechiel! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Sag ihnen meine Worte!“

Die Worte, die er verkündet, erhält er von Gott. Keine alten Worte, die er zum Volk spricht. Die Worte Ezechiels sind die Worte für die Zeit, in der er lebt, und für den Ort, an dem er sich aufhält.

Und Gott stellt ihn auf die Füße. Auf den Boden der Tatsachen. Auf diese Erde. Dass das Wort Gottes nicht über den Menschen schwebt, sondern sie in ihrem Alltag trifft. Und dort für sie relevant ist.

Gottes Worte gegen unseren Widerspruch. Trotz unserer harten Herzen. Gott sagt sein Wort, damals zu seinem Volk, und heute ebenfalls zu Menschen, deren Worte zum Fürchten sind.

Wir erleben eine Verrohung der Sprache. Beleidigungen, Hassmails, Shitstorms müssen viele Personen insbesondere des öffentlichen Lebens ertragen. Es gehört zum Konzept rechtsextremer Kreise: dass sie Tabus brechen, sagen, was andere verletzt, menschenverachtende Sprache. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ So versuchen sie ihre Haltung hoffähig zu machen.

Und es funktioniert. Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Was gestern undenkbar war, findet heute bei vielen Menschen Akzeptanz. Ich werde diese Worte hier nicht wiederholen – aber wenn ich Reden der AfD höre, dreht sich mir der Magen um. Und wenn Menschen diese Partei wählen, „weil man es „denen da oben“ einmal zeigen müsse“, dann fehlt mir dafür jegliches Verständnis.

Wer die Lust an der Lüge und die Freude an der Zerstörung in den Reden und Schriften dieser Partei wahrnimmt und mit Verstand zur Kenntnis nimmt, der kann diese Partei nicht wählen oder muss sich dann dafür verantworten, wenn Menschenverachtung und Hass das Land regieren. „Ich hab das nicht gewusst“ – das kann dann nicht gelten.

Gott klagt: sein Volk wende sich von ihm ab – sie wollen nicht hören. Enttäuscht und traurig ist Gott über sein Volk.

Warum muss Ezechiel diesen üblen Job machen, wenn Gott doch schon überzeugt ist, dass sie nicht hören?

Weil die Wahrheit trotz allem gesagt werden muss. Weil Gott nicht resigniert und immer noch und vielleicht umso mehr an seinen Menschen hängt und um sie ringt. Weil er zu seinen Menschen hingeht.

Ezechiel darf nicht schweigen. Der Prophet ist legitimiert durch die Schrift. Er soll sich das Wort Gottes einverleiben – und wird so zum Sprachrohr Gottes.

Das Wort Gottes – es wird nicht immer schmecken. Und wie schmecken schon Klage, Ach und Weh? Und Ezechiel soll das alles schlucken. Und dann zu gegebener Zeit ausspucken.

Spuck´s aus. Sag´s schon! Die Wahrheit muss gesagt werden. Sie bleibt wahr, selbst wenn sie nicht gehört wird.

Und ich höre die Frage: Woher weiß ich in der lauten Welt voller Lügen und Falschheit, was Gottes Wort ist?

In Amerika wird Trump, der Menschen von ICE verfolgen lässt und Tote in Kauf nimmt, von evangelikalen Christen hofiert und unterstützt. In Russland wird Putin, der täglich die Zivilbevölkerung in Ukraine mit Terror überzieht, von orthodoxen Patriarchen hofiert und unterstützt.

Hierzulande gibt es Evangelikale, die Seit an Seit mit Parteigrößen der AfD stehen und deren menschenverachtende Propaganda als christlich deklarieren.

Und ich frage mich: Lesen wir tatsächlich die gleiche Schrift?

Woher weiß ich, was Gottes Wort ist? Gerade zum Evangelischen Glauben gehört es, immer wieder zu überprüfen, was Menschenwort und was Wort Gottes ist. Das Fundament dafür ist die Heilige Schrift.

Natürlich: da kommen dann die Fundamentalisten, suchen Bibelstellen heraus und argumentieren damit für das Patriarchat, gegen Homosexualität, für das Recht des Menschen, sich die Erde zu unterwerfen etc. Weil sie diese Wortfetzen wörtlich nehmen.

Mit dieser Argumentation müssten dann aber mit der Bibel übrigens auch Ehebrecherinnen getötet werden. (s. 3. Mose 20,10).

Und sollte Dich Dein Auge zur Sünde verleiten, z.B. weil Du die Nachbarin begehrst oder Übles im Internet anschaust, dann musst Du es ausreißen. (s. Mt 5,29-30)

Die Bibel ist nicht wörtlich zu nehmen; sie ist zu interpretieren. Nicht schönzureden, sondern auszulegen. Weil sie von Menschen geschrieben ist. In ihrer Zeit.

Dazu untersuche ich den geschichtlichen Kontext. Frage nach der Tradition und der Theologie, die hinter den Worten steht. Und ja, bewerte auch, was heute in welcher Weise relevant sein kann.

Luther legte folgenden Maßstab an: Er fragte nach der Mitte der Schrift – was Christum treibet. Und mit Jesus Christus als Maßstab lese ich den Text. Bei Widersprüchen ist Jesus Christus für mich der Maßstab.

Ethik, Theologie, kirchliche Lehre müssen sich an Jesus messen lassen. An seiner Zuwendung, die Menschen aufgerichtet hat. An seiner Liebe, die Menschen angenommen hat. An seinem Zuspruch, der Menschen befreit hat. An seinem Wort, dass Menschen ermächtigt hat.

Wir sind nicht Ezechiel. Aber vielleicht ist die Zeit gekommen, dass wir viel lauter die Wahrheit sagen müssen.

Wie politisch darf Kirche sein? Ich glaube, es gibt Zeiten, da müssen wir politisch sein und werden. Um des Wortes Gottes willen.

Es gibt Zeiten und Situationen, da muss man aufhören zu taktieren. Da muss man aufhören, nach dem Ansehen zu schauen. Da gilt: Das sage ich jetzt. Das tue ich jetzt. Oder auch: Das sage ich nicht. Das tue ich nicht. Das ist unverhandelbar.

Auch wenn der Ausgang ungewiss ist. Wenn ungewiss ist, ob das Wort gehört wird. Es ist wichtig für mich, für mein Gewissen, für die innere Geradlinigkeit. Und um der Wahrheit eine Chance zu geben.

In einer solchen Zeit befinden wir uns m.E. derzeit.

Und das sollen wir uns auch als Kirche ins Stammbuch schreiben lassen. Dass es nicht nur die vielen Bereiche gibt, wo wir unterstützen und fördern und bestätigen. Sondern auch jene, wo wir aufstehen und kämpfen.

So wie es jetzt die Geistlichen verschiedenster Kirchen in Minnesota und in den gesamten USA getan haben.

Wir müssen uns diese Frage stellen: Wo ist es wichtig und richtig, die Wahrheit zu sagen, auch wenn die Menschen sie nicht hören wollen, auch wenn das auf Widerspruch stößt, auf Kritik und Spott, und die Gefahr besteht, dass es nichts verändert. Oder wir bedroht werden. ---

Sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen war. Das ist eine gute Botschaft. Denn wo ein wahrer Prophet ist, da redet Gott. Gott spricht zu ihnen, auch in der Verbannung, im fremden Land, auch in der Krise, auch in der Verzweiflung. Gott ist da.

Egal ob Menschen hören oder nicht. Gott spricht zu uns, auch in unserer Verunsicherung, auch wenn wir die Wahrheit nicht wissen wollen. Sein Wort lebt und ist klar und unkaputtbar.

Und wenn Gott redet, dann geht es um Zuspruch und Anspruch. Um Auftrag und Zurüstung dafür.

„Gott macht stark“ bedeutet der Name „Ezechiel“. Gott nimmt ihm die Furcht. Ezechiel wird den Menschen die Wahrheit in ihre harten Gesichter sagen.

Und später, ist dann hoffentlich wieder Raum für die Rede von den neuen Chancen, die Gott schenkt.

Gott sagt uns sein Wort. Dass wir es weiter sagen an die Welt:

„Fürchte dich nicht! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“

Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Andacht zur Jahreslosung 2026

„Was mein Leben reicher macht.“ Eine großartige Rubrik einer Zeitung, die ich gerne lese. Es geht dort um alltägliche Schilderungen von Menschen, die ihnen einen bereichernden Blick auf ihr Leben geschenkt haben: Der glitzernde Tau auf dem morgendlichen Gras, der Duft von Kaffee, das ansteckende Lachen eines Kindes. Es geht um das aufmerksame Wahrnehmen: Sehen, Hören, Schmecken.

Ums Wahrnehmen geht es auch in der Losung für das neue Jahr: Der Seher Johannes hat uns in seiner Offenbarung aufgeschrieben, was er sieht. Auf der griechischen Insel Patmos, wohl in einer Situation von Gefangenschaft und Verbannung durch die römische Besatzungsmacht, öffnet sich ihm der Himmel. Der Horizont bricht auf, eine Tür öffnet sich, eine neue Erde und ein neuer Himmel kommen in Sicht. „Siehe, ich mache alles neu!“ Das sind die Worte Gottes, die Johannes in seinen Visionen hört. Sie machen ihm Mut und geben ihm Hoffnung auf die zukünftige Welt.

Wie schauen Sie persönlich am Anfang des neuen Jahres in die Zukunft? Mich hat erschreckt zu lesen, dass in Deutschland laut einer aktuellen Unicef-Umfrage zwei Drittel aller Jugendlichen pessimistisch in die Zukunft blicken und eine Mehrzahl der Erwachsenen ebenso. Die Zukunft als ein mieser Ort?

Nicht nur für das eigene Leben hat es Auswirkungen, wenn wir die Zukunft so düster sehen. Auch für unsere Demokratie wird es problematisch, denn sie funktioniert nur, wenn Menschen daran glauben, dass mit ihr eine gute Zukunft möglich ist.

„Siehe, ich mache alles neu!“ Johannes sieht die Zukunft nicht rosarot, denn er schreibt aus einer Situation der Bedrängnis, der Gewalt, der Unterdrückung und Verfolgung heraus. Aber er sieht die Welt im Lichte Gottes, der am Anfang alles geschaffen hat. „Und siehe, es war sehr gut“, heißt es im 1. Buch Mose (1.Mose 1, 31). Auch am Ende steht eine neue Schöpfung, in der Gott alle Tränen abwischen wird, denn der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid oder Schmerz.

Die Jahreslosung ist durchzogen von Hoffnung und weckt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und einem Leben jenseits von Gewalt und Tod. „Hoffnungslosigkeit ist keine Option“, so kurz und bündig hat die US-amerikanische Bischöfin Mariann Edgar Budde es auf dem Kirchentag in Hannover gesagt.

Wer noch hofft, wird aktiv. Denn das Morgen ist etwas, was wir gestalten können und das sich gestalten lässt. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig Hoffnungsgeschichten erzählen von gelingendem Leben. Es gilt durchaus, die Krisen und Probleme unserer Zeit zu sehen und wahrzunehmen, aber sich mit Hoffnungstrotz nicht von ihnen lähmen zu lassen.

Der Seher Johannes nimmt gerade in seiner Situation der Bedrängnis eine andere Welt wahr. Die Tür zum Reich Gottes ist für ihn aufgestoßen. Durch Jesus ist dies geschehen. Er hat die Tür zum Reich Gottes nicht nur aufgestoßen, sondern er ist selbst die Tür zu diesem Reich. Einer Welt ohne Unrecht und Machtmissbrauch. So wie er sie uns in seinen Gleichnissen, in seinem Handeln, in seinen Worten offenbart hat.

Mein Wunsch für das neue Jahr? Genau hinsehen, wahrnehmen, wo die neue Schöpfung Gottes schon Gestalt annimmt. In unserem je eigenen Leben, in unseren Gemeinden, in unserem Dorf und unserer Stadt. Einen Blick zu haben für das, was unser Leben reicher macht. Und davon anderen zu erzählen und solche guten Nachrichten zu teilen. Damit wir daraus Kraft, Hoffnung und Glauben schöpfen, um unsere Zukunft zu gestalten.

Als neue Regionalbischöfin zwischen Elbe und Weser freue ich mich auf gute Begegnungen mit vielen von Ihnen und wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2026!

Ihre
Sabine Preuschoff

Predigt am 2. Weihnachtstag, 26. Dezember 2025, St. Wilhadi-Kirche Stade

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

„Es ist mir schon wichtig, mit den Kindern Weihnachten in die Kirche zu gehen,“ sagte mir die Frau im Taufgespräch. „Die sollen ja doch das Weihnachtsmärchen mit Maria und Josef erleben – das ist immer so nett.“

Was soll man da noch sagen? War es das, was die Kinder und Jugendlichen Heiligabend in der Christvesper aufgeführt haben? Ein nettes Märchen?

Mag sein, dass es für viele Menschen so ist. Weihnachten wird diese Geschichte wieder herausgeholt, abgestaubt und vorgespielt:

Die Geschichte von Maria und Josef, die nach Bethlehem ziehen und dort nur in einem Stall Unterschlupf finden. Von den Hirten und Sterndeutern, die von dem neu­geborenen König hören und zum Stall eilen, um das Kind zu sehen und zu begrüßen.

So kennen viele die Geschichte. Und für manche ist sie nach vielem Hören wohl bloß noch ein Märchen.

Die Weihnachtsbotschaft nach den Worten des Lukasevangeliums. Sie hat sich in den Köpfen und Herzen verselbstständigt. Sie ist angerei­chert durch unzählige Geschichten, Legenden und Bilder, die wir einmal gehört oder gesehen haben.

Sie ist auch ein Spiegel eigener Wünsche: nach einer heilen Familie, nach einem guten Stern, der uns leitet, nach dem Glauben der Hirten, nach Kindheit und Heimat und einer besseren Welt.

Unsere eigenen Sehnsüchte lassen uns die Ge­schichte vom Kind, vom Gotteskind anders hö­ren, als die Bibel sie erzählt. Aber unsere Sehnsucht ist das eine. Gottes Ankunft in der Welt ist das andere, das ganz an­dere.

Der Evangelist Matthäus braucht dazu nur weni­ge Worte. Er erzählt die Weihnachtsgeschichte ohne Dekoration. Und aus etwas anderer Per­spektive.

Ich lese das Evangelium – wie es bei Matthäus im 1. Kapitel (Mt 1,18-21.24) steht. Wir haben es als Lesung gehört. Ich lese es jetzt nach einer Übersetzung von Jörg Zink:

Die Umstände, unter denen Jesus zur Welt kam, waren ungewöhnlich. Seine Mutter Maria war einem Mann namens Joseph verlobt, und als Joseph sie heimholte, stellte sich, bevor die Ehe geschlossen war, heraus, dass sie schwanger war durch den heiligen Geist,

Joseph, ihr Mann, der ihr kein Leid zufügen wollte, mochte sie nicht vor Gericht ziehen (wie es damals Sitte war), gedachte aber, sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Während er mit diesem Gedanken umging, erschien ihm im Traum ein Bote Gottes und sprach ihn an: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Denke daran, Gott hat es schon durch einen Propheten ankündigen lassen: „Ein Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, dessen Name wird „Immanuel“ sein, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Als Joseph er­wachte, tat er, was ihm Gottes Bote befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er wohnte ihr aber nicht bei bis zur Ge­burt ihres Sohnes, dem Joseph den Namen „Jesus“ gab.

Matthäus berichtet aus der Perspektive des Jo­sef. Josef – oft eine Randfigur im Weihnachtsge­schehen.

Entweder steht er hinter Maria oder auf der anderen Seite der Krippe, bei den Hirten. Josef ist fast nur Sta­tist. Der Mann im Schatten, der große Schweiger. Unauffällig wie Ochs und Esel. Alles konzentriert sich auf Maria und das Kind.

Ein Erlebnis beim Aufstellen der Krippe in einer Kirche spiegelt das wieder:

„Hat einer von euch Josef gesehn? In der Weih­nachtskiste bei den Figuren ist er nicht.“ – „War der nicht letztes Jahr kaputt gegangen?“ – „Den hatten wir doch aussortiert. Astrid wollte ihn repa­rieren.“ -

„Aber die ist nicht da, - so was Blödes“ – „Macht doch nichts. Hauptsache, Maria ist da. Und das Kind natürlich. Nimm doch einfach einen Hirten. Dass Josef nicht da ist, fällt eh keinem auf.“

Bei Matthäus ist das anders. Bei ihm spielt Josef eine Hauptrolle.

Ein Kind wird geboren. Ein besonderes Kind. In ihm ist Gott bei uns. In diesem Kind ist Gott mit uns. Sein Name ist Programm: Jesus, hebräisch je­schua - Gott rettet. Das ist die uralte, immer wie­der neue Botschaft von Weihnachten.

Matthäus geht als Evangelist weit zurück an den Anfang: er berichtet zunächst von einem langen Stammbaum über drei mal vierzehn Generatio­nen (das habe ich nicht verlesen), Vorfahren, Väter und Mütter, die das Kind einbinden in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.

Auf Abraham und David führt Matthäus Josefs Abstammung zurück, auf den Urvater Israels, mit dem Gott Besonderes vorhat. Und auf den von Gott erwählten und durch seinen Propheten ge­salbten König.

Das Gotteskind hat auch eine Mutter, erzählt Matthäus, eine junge Frau: Maria. Aber weil es ein besonderes, eben ein Gotteskind ist, darum liegt über seiner Geburt ein Geheimnis.

Maria war schwanger von dem heiligen Geist, so heißt es. Wie soll das gehen – fragt sich der aufgeklärte Mensch von heute?

Ein Blick in die Geschichte Gottes mit den Men­schen zeigt: Wenn Gott ein neues Kapitel auf­schlägt, dann haben Frauen in Israels Geschich­te – gegen alle Wahrscheinlichkeit von Biologie oder Moral – Söhne zur Welt gebracht:

Sarah gebiert in hohem Alter Isaak, eine namen­lose unfruchtbare Frau den Richter Simson, Hannah, die so verzweifelt auf ein Kind wartete, bringt Samuel zur Welt und die altgewordene Eli­sabeth jubelt über Johannes, den späteren Täufer.

Besondere Umstände, besondere Kinder, beson­dere Gestalten in der Geschichte des Gottesvol­kes. Für den, der bereit ist, sich für Geheimnisse zu öffnen, ist die Botschaft eindeutig:

Da ist Gott selbst am Werk, der Schöpfer, der aus dem Nichts und sogar aus dem Tod neues Leben rufen kann.

„Schwanger vom Heiligen Geist“. Für unsere neuzeitlichen Ohren klingt das irri­tierend. Für Matthäus ist es aber eine Möglich­keit, ein unbegreifliches, unfassbares Wunder auszudrücken:

Hier ist wirklich Gott selbst im Spiel. Was das heißt, ist keine Frage der Biologie, sondern der Theologie. Es wird deutlich: In diesem Kind ist Gott prä­sent, der Schöpfer, der Retter und Bewahrer.

Maria, seine Mutter, erlebt das eigentlich Unmög­liche am eigenen Leib. Sie spürt die Veränderun­gen, die Bewegungen des in ihr wachsenden Le­bens.

Und macht uns damit Mut: Bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn ich keine Möglichkeiten, keine Perspektiven mehr sehe für mein Leben, dann kann Gott an mir handeln und mich neu aufstellen. Ja, er kann Wunder an mir tun.

Aber was ist mit Josef? Er versteht nicht, er kann auch nicht verstehen, was da passiert:

Schande, Vertrauensbruch. Seine Frau ist schwanger – aber nicht von ihm. Was da geschehen ist, ist verletzend und tut weh. Und schreit in der damaligen Welt förmlich nach Rache und öffentlicher Blo­ßstellung.

Man stelle sich das einmal vor: die Verlobte ist plötzlich schwanger, ohne dass Mann sich selbst erklären könnte, von wem. Ein Kuckuckskind. „Für das bin ich nicht verantwortlich.“ Und so will sich Josef aus der Verantwortung stehlen.

Wie oft erleben wir so etwas: Da bin ich plötzlich vor eine Aufgabe gestellt, von der ich glaube, sie nicht lösen zu können:

Eine schwierige, scheinbar unlösbare Situation im Berufsleben. Ein Konflikt im Freundeskreis. Eine schwere Krankheit, die alle Zukunftspläne zunichte zu machen scheint.

Ich stehe davor und würde am liebsten davonlaufen; mich aus der Verantwortung stehlen. So wie Josef.

Aber das ist nicht Gottes Weg. Und darum greift Er wieder ein. Im Schlaf zeigt er Josef, was der tun soll. Ein Bote Gottes erscheint ihm im Traum. Er hat den Auftrag, Josef über Gottes Willen aufzuklären.

Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Das also ist Gottes Weg in die Welt: ein Kind, sein Kind. Das Gotteskind soll nicht heimlich ge­boren werden, sondern eine Familie haben, ei­nen Stammbaum mit Wurzeln, die weit in die Ge­schichte reichen bis zu David, bis zu Abraham. Gott verbindet sich so mit seinem Volk.

Und auch sein Name knüpft an das an, was schon vor ihm war: Jesus, Gott rettet, soll das Kind heißen.

Damit ist alles Entscheiden­de gesagt. In diesem Kind, im Gotteskind hat Gott wahr gemacht, was er versprochen hat. Er überlässt die Welt nicht sich selbst, sondern mischt sich ein, so wie er sich immer schon in die Geschichte seines Volkes eingemischt hat und für sein Volk da war.

Da braucht es weder Stall noch Krippe, weder den Jubel der Engel noch das Staunen der Hir­ten. Ein Kind wird geboren, das verkündet: Gott rettet. Das ist Weihnachten pur, in nüchternen Worten beschrieben.

Und was ist mit uns? Wo bleiben wir in dieser Geschichte, wir mit unserer Sehnsucht, unseren Wünschen, unserem manchmal schwankenden, oft matten Glauben? Wir mit unseren Zweifeln und unserer Hoffnung?

Matthäus macht es uns nicht leicht. Weihnachten pur – ohne Engelschor, ohne Stall und Hirten: Jesus, Gott rettet, wird gebo­ren und ist so mitten unter uns.

Wir können das glauben oder ablehnen, bestau­nen oder belächeln. Wir können das für Unsinn halten oder zur Basis unseres Lebens machen. Wir können das ignorieren oder uns davon be­rühren lassen.

Was also tun wir? Von Josef können wir lernen, mit „Weihnachten pur“ umzugehen. Als Josef hört, was geschehen ist, denkt er zunächst einmal ganz menschlich: Das Kind ist nicht von mir; ich wurde betrogen, also werde ich diese Frau verlassen.

Aber dann lässt er sich doch an­sprechen, lässt sich berühren. Er hört auf einen Traum, er ist offen für eine an­dere Wirklichkeit als die, die nur sein Verstand ihm erschließt. Er ist bereit, die Wirklichkeit – gegen allen Augenschein – im Licht Gottes zu sehen. Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.

Am Ende lässt er sich vertrauensvoll und gehor­sam ein auf das, was Gott von ihm will: „Er tat, wie ihm der Bote des Herrn befohlen hatte“. Josef ist damit nicht mehr der Schattenmann, sondern Lichtgestalt.

Am Heiligabend ertönten die Stimmen der Engel: Friede auf Erden! Und in manchen Ohren klingt es auch heute wie­der wie Hohn. Vielen würde ja schon mal Friede in der Familie reichen.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Israel und Gaza, in Afghanistan, in Somalia. „Wo ist der Friede?“ fragen die Men­schen in den vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Deutschland, die auf der Straße leben, weil sie keiner haben will. „Wo ist denn der Friede?“ fragen die Menschen, die unter Einsamkeit leiden, die Gewalt erfahren – in der Schule, in der Ehe, durch die Eltern.

Gott sagt uns: Der Friede kommt auf die Welt wie ein Kind, und dann müsst ihr ihn großziehen.

Du. Der du dich immer gerne raushältst. Du hast ab heute die Hauptrolle. Dich braucht Gott, damit Frieden auf der Welt werden kann.

Deinen Mut braucht er und deinen Glauben. Durch dich versucht Gott, der Welt zu helfen. Durch dich soll der Frieden kommen. In deine Familie und in dein Land und in deine Welt.

Der Frieden kommt nicht einfach wie Regen vom Himmel. Er muss erst noch geboren werden. Du brauchst ihn nicht zu machen. - Das konnte Josef auch nicht. Du brauchst nur die Rolle an­zunehmen, die Gott dir geben will:

Ganz einfach im richtigen Moment nicht auf die anderen hören, sondern das tun, was dir die Lie­be ins Ohr flüstert. Was Gott dir sagt. Denken, Hören, sich berühren lassen und dann: sich auf Gott einlassen und gegebenenfalls die vertrauten Pfade verlassen.

Und Gottes Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Sabine Preuschoff, Regionalbischöfin für den Sprengel Stade

Andacht zum Bild "Menschwerdung" von Michael Triegel

Ein Weihnachtsbild mit den gewohnten Beteiligten. Maria und das Kind, Josef und einer der Heiligen Drei Könige. Dazu einige Tiere. Auf den ersten Blick scheint dieses Bild der Geburt Christi, dieses Weihnachtsbild vertraut. Aber auf den zweiten Blick ist da doch eine gehörige Irritation. Was hat der Leipziger Künstler Michael Triegel da gemalt? Schwebt da wirklich eine Krone aus Tier- und Menschenschädeln über dieser Geburtsszene?

Im Auftrag des Würzburger Bistums ist dieses Altarbild vor gut zehn Jahren entstanden. Moderne Kunst im Stil eines Altmeisters wie Lucas Cranach oder Albrecht Dürer gemalt. Auch dies vielleicht irritierend. Aber genau das möchte Michael Triegel. Sein Weihnachtsbild lädt zum genauen Hinsehen ein:

Mein Blick bleibt beim Kind hängen. Schutzlos und bloß liegt es dort. Wie jedes Neugeborene hat es einen großen Kopf, dünne Ärmchen und einen gewölbten Bauch. Es ist ganz Mensch. Aber da ist dieses fast schon erwachsen wirkende Gesicht, der wache Blick und die rechte Hand, zum Segen erhoben. Segen für mich. Segen für diese Welt.

Auf einem weißen Tuch liegt das Kind. Eine Windel? Oder doch schon ein Hinweis auf ein Leichentuch? Denn das Tuch hängt am Kranz der Schädel. Leben und Tod – in diesem Kind so eng miteinander verbunden. Gottes Versprechen wird greifbar: „Siehe, ich mache alles neu! Gott wird abwischen alle Tränen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 5.4)

Für mich hat Triegel das große Geheimnis unseres christlichen Glaubens hier ins Bild gebracht: Jesus, ganz Mensch. Christus, Gottessohn. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott.

Das ganze Bild strahlt Klarheit und Geheimnis, Realität und Traum, Hell und Dunkel zugleich aus. „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. So beginnt das Johannes-Evangelium und so lesen wir es an Weihnachten in unseren Gottesdiensten. Hell und Dunkel. Klarheit und Geheimnis.

Für mich ist gerade dies der Zauber von Weihnachten. Klarheit und Licht bricht in unsere manchmal so dunkel scheinende Welt. Der allmächtige Gott kommt zu uns als ein Kind, zart und verletzlich.

Ich sehe Maria an. Das Blau ihres Mantels leuchtet und strahlt. Ihr Unterkleid ist weiß wie das Tuch, auf dem das Kind liegt. Ihre bloßen Füße ruhen auf dem rauen Holz des Stalls. Das Holz erinnert daran, dass diese Szene kein Traum ist, keine Illusion. Sondern dass sie sich dort abspielt, wo Menschen leben, leiden und hoffen.

Mit ihren Händen scheint Maria den knienden König einzuladen, sich ganz dem Neugeborenen zuzuwenden. Als wollte sie sagen: Öffne dein Herz. Lass dich finden und berühren vom Geheimnis dieser Geburt.

Gesammelt und in sich ruhend wirkt sie. Michael Triegel erzählt darüber, wie wichtig es ihm war, eine ganz normale Frau darzustellen. So wie er auf den ersten Blick einen normalen Säugling gemalt hat. Das Neugeborene seines Friseurs war ihm Modell. Als Maria saß ihm seine Tochter Elisabeth vor der Leinwand.

Maria und Elisabeth. Welch eigentümliche Paarung in diesem Bild. Die Begegnung der biblischen Maria mit ihrer Cousine Elisabeth, die ebenfalls schwanger ist und Johannes den Täufer zur Welt bringen wird, ist eine so sinnliche und zarte Geschichte der Verbundenheit zweier Frauen. Marias Lobgesang, den sie bei ihrem Besuch Elisabeths anstimmt, ist eines der zugleich revolutionärsten und sprachlich schönsten Lieder unserer Tradition: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1, 46-48.51-53)

Diese Kraft strahlt Maria aus – voller Gewissheit, dass dieses Kind gegen Unrecht und Gewalt angehen und die Welt verändern wird.

Mein Blick fällt auf Josef. Und sein Blick fällt auf mich. Er schaut direkt aus dem Bild heraus, mir in die Augen. Seine linke Hand stützt sich ein wenig auf Maria, seine Rechte ist ausgestreckt und weist auf das Geschehen über dem Kind: den eigentümlichen Schädel-Kranz. Josefs Blick scheint zu sagen: „Schau genau hin! Da ist dieser Kranz voller Tod. Aber inmitten des Kreises wächst ein Embryo. Das Leben bricht sich Bahn.“

Josefs Blick und sein Fingerzeig, sie enthalten eine Weihnachtsbotschaft: Unsere kranke Welt, in der so oft die Mächte des Todes regieren, braucht Heilung. In diesem Kind kommt Gott mitten in die Schrecken unseres Lebens. Das Dunkle löst sich nicht einfach auf, aber da ist eine andere Kraft am Werk, die stärker ist als die Finsternis.

Das feiern wir an Weinachten: Gott zeigt sich uns in diesem Neugeborenen mit seinem menschlichen Antlitz. So nah kommt Gott, dass unsere eigene Geschichte sich mit der Geschichte Gottes verbindet. In allem Schrecken, in aller Dunkelheit scheint Gottes Licht.

Ihnen und den Menschen, die Sie lieben, ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Ihre

Sabine Preuschoff
Regionalbischöfin für den Sprengel Stade

Predigt am 1. Advent, 30. November 2025, St. Wilhadi-Kirche, Stade

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Erster Advent. Das Dunkel wird durchbrochen vom Licht der ersten Kerze am Adventskranz. Die anderen Kerzen werden nach und nach folgen. Langsam, stetig sich steigernd weicht die Nacht. Die Erwartung kommt wartend. Gott kommt nicht laut zur Welt, sondern leise.

Wir haben im Evangelium vom besonderen Einzug Jesu gehört. Er demonstriert nicht Macht – wie Monarchen mit pompösen Reiterstatuen. Wie Putin an seinem langen Tisch. Wie Trump, der niedertrampelt, was ihm entgegensteht.

Jesus zieht auf einem Esel ein.

Funfact: Die Mitglieder der dänischen Regierung fuhren vor Jahren mit Fahrrädern zum Amtsantritt – auf einem Drahtesel. Um zu zeigen: Die demokratisch gewählte Regierung versteht sich nicht als Herrscherin, sondern als Dienerin des Volkes.

Jesus zieht also auf einem Esel ein. Nicht machtvoll. Sondern dienend. Für alle Menschen. Für euch. Für mich.

Und ich frage mich: Wie soll ich dich empfangen? Was ist meine Aufgabe, wenn ich dir angemessen begegnen will, Jesus?

Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 13, 8-12

8Bleibt niemandem etwas schuldig,

außer einander zu lieben!

Denn wer seinen Mitmenschen liebt,

hat das Gesetz schon erfüllt.

9Dort steht:

»Du sollst nicht ehebrechen!

Du sollst nicht töten!

Du sollst nicht stehlen!

Du sollst nicht begehren!«

Diese und all die anderen Gebote

sind in dem einen Satz zusammengefasst

»Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«

10Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.

11Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!

Es ist höchste Zeit für euch,

aus dem Schlaf aufzuwachen.

Denn unsere Rettung ist näher als damals,

als wir zum Glauben kamen.

12Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.

Lasst uns alles ablegen,

was die Finsternis mit sich bringt.

Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen,

die das Licht uns verleiht.

Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst. Oder in der Lutherübersetzung: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Was bedeutet das konkret?

Das wollte schon einmal ein Schriftgelehrter von Jesus wissen. Und fragte: „Wer ist denn mein Nächster?“ Wer steht mir denn so nahe, dass ich ihm gegenüber zur Liebe verpflichtet bin? Wer gehört zum Kreis meiner Nächsten? Meine Familie? Meine Kollegen? Jeder, der meinen Glauben teilt?

Mein Nächster, das kann doch nicht jeder sein, sonst hieße es ja schließlich nicht „mein Nächster“, sondern „Jeder“. Ich kann doch nicht jedem zur Liebe verpflichtet sein, das wäre ja überhaupt nicht machbar!

Wer also ist mein Nächster? Meine Nächste? Und da wird es unbequem.

Jesus hatte auf die Frage keine komplizierte Antwort gegeben. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt.

Fazit: Ich kann mir nicht aussuchen, wer mein Nächster ist. Kann mir nicht aussuchen, wem ich mit Liebe begegnen soll. Kann mir die Gebote Gottes nicht einfach so zurechtlegen, dass sie noch zumutbar und im Alltag auch „machbar sind“. Dann beschneide ich Gottes Gebot.

Es gilt, weiter zu denken. Viel weiter.

Beispiel von heute: „Ja, sind denn die Flüchtlinge, die in unser Land gekommen sind, etwa unsere Nächsten? Wie können die unsere Nächsten sein, die kommen doch von weit her, sind auch so ganz anders als wir und stellen uns vor große Herausforderungen!?“

Stimmt. Das sind Herausforderungen. Mitunter sogar unfassbar groß. Wie sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck 2015: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Das ist so. Und natürlich hat der Staat das Recht, über Asyl- und Leistungsgewährung zu entscheiden. Es mag sogar Schwierigkeiten und Missbrauch durch einzelne geben.

Aber das spielt keine Rolle bezogen auf mein persönliches Verhalten gegenüber einem vor mir stehenden Menschen, wenn er Hilfe braucht! Von mir sind Nächstenliebe und Barmherzigkeit gefordert, wenn einer der Unterstützung bedarf.

Ich erschrecke immer wieder, wie leicht bei diesem Thema aus sonst friedlichen Bürgern blanker Hass und pure Wut herausbrechen. Die zivilisierte Fassade ist oft sehr dünn.

Ein Video, das ich in den sogenannten sozialen Medien sah, malt das vor Augen: Urlauber schieben an einem Strand mit vereinten Kräften ein Schlauchboot mit Flüchtlingen wieder auf das Meer hinaus. Ist doch egal, was mit ihnen passiert. Hauptsache, wir können in Ruhe Urlaub machen.

Die Ertrinkenden im Mittelmeer, die Verhungernden in Somalia, die Opfer der Gräueltaten im Südsudan und andernorts – sie berühren uns kaum noch. Vielleicht weil es so viele solcher Meldungen gibt? ---

Wir richten uns gemütlich ein vor dem Fernseher und in unserem bürgerlichen Leben. Nehmen mit Entsetzen, Empörung und Mitleid das Geschehen in der Welt war. Und dann?

Oft erkenne ich, was zu tun wäre. Doch bevor ich zur Tat schreite, fällt mir ganz viel anderes ein, was noch wichtig wäre. Und so verglimmt der Docht der Tat schnell, still und leise.

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Wenn wir es mit der Nächstenliebe ernst meinen, dann bedeutet das: Weite dein Blickfeld. Überwinde deine eigenen Grenzen.

Frag‘ den Menschen, der Hilfe braucht, frag ihn ohne Ansehen der Person, der Religion, der Nationalität, des Aussehens oder des Geschlechts: Was brauchst du? Und dann versuche, entsprechend zu handeln.

In meiner eigenen Bubble mag mir das noch gelingen. Aber auch unter uns fällt es vielen schwer, genau hinzusehen und die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen.

Und über die Bubble hinaus, in der ich lebe? Die eigene Komfortzone zu verlassen wird zur echten Herausforderung.

Was ist beispielsweise mit dem, der politisch eine Auffassung vertritt, die ich nicht akzeptieren kann? Weil sie menschenverachtend ist und Minderheiten diskriminiert. Soll ich diesen Menschen auch „lieben wie mich selbst“?

Das fällt mir wirklich schwer.

Doch ich bleibe dabei – ich kann mir Gottes Gebot nicht schönreden. Ich höre allerdings noch einmal genau hin: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“

Ich muss nicht sein Tun und Reden lieben. Sondern ihn als Menschen – von Gott geschaffen wie ich auch. Mit derselben Würde vor Gott und den Menschen ausgestattet, die ihm niemand nehmen kann.

Vielleicht liegt darin eine Chance, wenn ich dem Kirchenvater Augustin (354-430) folge, der sagte: „Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.“

Nächstenliebe hat also nichts mit dem Gefühl persönlicher Zuneigung zu tun. Gar nichts. Vielmehr geht es um praktische Barmherzigkeit. Ein Mensch, der in Not geraten ist und für den ich da sein kann, der ist mein Nächster in Gottes Augen.

Eine Zumutung – aber wenn mir Gott etwas zumutet, dann schenkt er mir dazu auch die Kraft.

Und Paulus mahnt: „Macht jetzt Ernst damit – viel Zeit, das aufzuschieben, habt ihr nicht mehr.“

Nicht müde werden. Bleibt wach!

Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag, an dem man handeln kann, ist da. Los, steht auf vom Schlaf. Schüttelt die Trägheit ab. Lasst euch berühren. Bewegt euch. Fasst euch ein Herz. Und dann los!

Paulus wählt militärische Bilder: Ergreift die Waffen! Aber die Waffen des Lichts. Nicht Gewalt. Nicht das Schwert. Sondern Waffen des Lichts. An anderer Stelle zählt Paulus sie auf: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Damit ausgerüstet werdet ihr siegen über Trägheit, Abgebrühtheit, Gewalt. Möge die Macht mit euch sein!

Wagt es, steht auf! –Viel Zeit habt ihr nicht mehr. ---

Es ist Advent. Wir machen es uns gemütlich. Kuscheln uns ein bei Kerzenlicht, Glühweinwärme und Keksduft. Doch Paulus erinnert uns an unseren Auftrag:

Macht euch bereit für Gottes Ankunft in der Welt. Für seine Gegenwart. Seinen Schutz. Seine Liebe, die allen gilt.

Jesus wartete auf diese Zeit und er sprach immer wieder davon. In seiner Art zu leben war die erwartete Zukunft schon da. Aber sie sollte und soll für alle Menschen gelten. Darauf wartet die Welt bis heute.

Und wir? Warten wir noch auf diese Zukunft? Oder leben wir in den Tag oder die Nacht hinein, als hätten wir alle Zeit der Welt? Oder resignieren wir, weil uns die Welt ohnehin verloren scheint?

Es ist Advent. Ich habe Sehnsucht nach der Sehnsucht in uns, dass das Leben anders sein soll! Sein kann!

Diese Sehnsucht, die hörbar ist in unseren Adventsliedern: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ… ach, zieh mit deiner Gnade ein“. „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?“ „O komm, o komm, du Morgenstern, vertreib das Dunkel unserer Nacht“…

Mit Jesus hat diese Lebensmöglichkeit neu angefangen! Mit ihm hat Gott seine Beziehung zu uns Menschen neu geregelt. Leben, wie er es sich vorstellt, leuchtete auf. Wird immer neu zum Leuchten kommen.

Seit damals und bis zu Jesu endgültiger Wiederkunft sind wir nun dran. Als Christinnen und Christen.

Den Nächsten, die Nächste lieben bedeutet dabei nicht, dass ich mich selbst überfordern muss. Und auf die Frage: wo soll man anfangen, wo soll man aufhören mit solcher Liebe und mit helfendem Tun? ist nüchtern zu antworten:

Weder kann ich jedem in der Welt alles geben, was er braucht, noch kann es mir gelingen, alles Böse abzuwenden von den Unzähligen, die in der weiten Welt auf Hilfe warten. Ich bleibe immer Liebe schuldig.

Aber genau darum kann ich auch einfach anfangen! Lasst uns das tun, was dran ist und was möglich ist – als einzelne und als Gesellschaft:

Ich kann aufmerksam durch meinen Ort gehen und bewusst wahrnehmen und prüfen, was ich beitragen kann zu einem besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dazu, dass Menschen aufgerichtet werden zum Leben.

Ich kann Projekte von Brot für die Welt unterstützen: Denn wir haben eine weltweite Verantwortung, weil wir oft auf Kosten der Menschen auf anderen Teilen der Erde leben. Unsere Spenden helfen Menschen, sich selbst helfen zu können.

Ich kann meine Stimme erheben, wenn die Würde von Menschen missachtet und Hass und Hetze das Wort geredet wird.

So wie die Schülerinnen der Jobelmann-Schule zum Volkstrauertag in Stade. Es hat mich tief berührt, wie intensiv sie sich mit den Folgen von Krieg und Hass auf Familien beschäftigt haben. Auch auf ihre eigene Familie. Und so forderten sie „Für eine Zukunft voller Menschlichkeit – statt Hass!“ … Wir wünschen uns, dass ihr mutig seid, Dinge zu verändern!“

Ich kann mich gegen den erstarkenden Antisemitismus engagieren. Man kann die Politik der gegenwärtigen Regierung in Israel kritisieren und dann hoffentlich auch die Terroraktivitäten palästinensischer Attentäter verurteilen. Für Antisemitismus gibt es allerdings keine Entschuldigung. Er ist erbärmlich und antidemokratisch.

Darum möge es uns gehen: Um Menschlichkeit nach Jesu Art. Heute. Und das passiert ja auch – Gott sei Dank!

Diese Menschlichkeit zeigt ihr Gesicht zum Beispiel in der Diakonie, in sozialen Diensten und Krankenhäusern. In der Seemannsmission. Sie geschieht durch Seelsorge und Bildung. Durch Friedens- und Gedenkstättenarbeit
wie in der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Durch Hilfe für Menschen in besonderen Notlagen, durch Beratung und Begleitung.

In unseren Gemeinden geschieht die Arbeit für den Nächsten, wo wir Kindern und Eltern eine gute Umgebung zum Großwerden bereiten: in der Kita, in Kirche mit Kindern, Evangelischer Jugend, Pfadfindern, Kinderchor oder bei den Jungbläsern.

Als Kirche bauen wir mit an einer Umgebung, in der Menschen eine Heimat finden. Wo sie sich treffen können. Wo sie miteinander spielen oder etwas zusammen unternehmen. An den Orten, wo sie leben und arbeiten.

Als Menschen der Kirche sind wir Hoffnungsträger. Damit Menschen Orientierung bekommen durch Predigten. Berührt werden von Musik, von Segen und von Kirchräumen, die den Blick nach oben ziehen, von der Dunkelheit ins Licht, vom Gebeugten ins Aufgerichtete, von der Trägheit zum Aufbruch.

So stelle ich mir Kirche vor: Sie ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.[1] Darum:

Sei nicht träge, sondern voll gespannter Erwartung.

Steh auf vom Schlaf, denn die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

Glaube der Hoffnung und gib sie weiter.

So sei es. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft sei mit euch allen.

Amen.