Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Erster Advent. Das Dunkel wird durchbrochen vom Licht der ersten Kerze am Adventskranz. Die anderen Kerzen werden nach und nach folgen. Langsam, stetig sich steigernd weicht die Nacht. Die Erwartung kommt wartend. Gott kommt nicht laut zur Welt, sondern leise.
Wir haben im Evangelium vom besonderen Einzug Jesu gehört. Er demonstriert nicht Macht – wie Monarchen mit pompösen Reiterstatuen. Wie Putin an seinem langen Tisch. Wie Trump, der niedertrampelt, was ihm entgegensteht.
Jesus zieht auf einem Esel ein.
Funfact: Die Mitglieder der dänischen Regierung fuhren vor Jahren mit Fahrrädern zum Amtsantritt – auf einem Drahtesel. Um zu zeigen: Die demokratisch gewählte Regierung versteht sich nicht als Herrscherin, sondern als Dienerin des Volkes.
Jesus zieht also auf einem Esel ein. Nicht machtvoll. Sondern dienend. Für alle Menschen. Für euch. Für mich.
Und ich frage mich: Wie soll ich dich empfangen? Was ist meine Aufgabe, wenn ich dir angemessen begegnen will, Jesus?
Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 13, 8-12
8Bleibt niemandem etwas schuldig,
außer einander zu lieben!
Denn wer seinen Mitmenschen liebt,
hat das Gesetz schon erfüllt.
9Dort steht:
»Du sollst nicht ehebrechen!
Du sollst nicht töten!
Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht begehren!«
Diese und all die anderen Gebote
sind in dem einen Satz zusammengefasst
»Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
10Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
11Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!
Es ist höchste Zeit für euch,
aus dem Schlaf aufzuwachen.
Denn unsere Rettung ist näher als damals,
als wir zum Glauben kamen.
12Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Lasst uns alles ablegen,
was die Finsternis mit sich bringt.
Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen,
die das Licht uns verleiht.
Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst. Oder in der Lutherübersetzung: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.
Was bedeutet das konkret?
Das wollte schon einmal ein Schriftgelehrter von Jesus wissen. Und fragte: „Wer ist denn mein Nächster?“ Wer steht mir denn so nahe, dass ich ihm gegenüber zur Liebe verpflichtet bin? Wer gehört zum Kreis meiner Nächsten? Meine Familie? Meine Kollegen? Jeder, der meinen Glauben teilt?
Mein Nächster, das kann doch nicht jeder sein, sonst hieße es ja schließlich nicht „mein Nächster“, sondern „Jeder“. Ich kann doch nicht jedem zur Liebe verpflichtet sein, das wäre ja überhaupt nicht machbar!
Wer also ist mein Nächster? Meine Nächste? Und da wird es unbequem.
Jesus hatte auf die Frage keine komplizierte Antwort gegeben. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt.
Fazit: Ich kann mir nicht aussuchen, wer mein Nächster ist. Kann mir nicht aussuchen, wem ich mit Liebe begegnen soll. Kann mir die Gebote Gottes nicht einfach so zurechtlegen, dass sie noch zumutbar und im Alltag auch „machbar sind“. Dann beschneide ich Gottes Gebot.
Es gilt, weiter zu denken. Viel weiter.
Beispiel von heute: „Ja, sind denn die Flüchtlinge, die in unser Land gekommen sind, etwa unsere Nächsten? Wie können die unsere Nächsten sein, die kommen doch von weit her, sind auch so ganz anders als wir und stellen uns vor große Herausforderungen!?“
Stimmt. Das sind Herausforderungen. Mitunter sogar unfassbar groß. Wie sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck 2015: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“
Das ist so. Und natürlich hat der Staat das Recht, über Asyl- und Leistungsgewährung zu entscheiden. Es mag sogar Schwierigkeiten und Missbrauch durch einzelne geben.
Aber das spielt keine Rolle bezogen auf mein persönliches Verhalten gegenüber einem vor mir stehenden Menschen, wenn er Hilfe braucht! Von mir sind Nächstenliebe und Barmherzigkeit gefordert, wenn einer der Unterstützung bedarf.
Ich erschrecke immer wieder, wie leicht bei diesem Thema aus sonst friedlichen Bürgern blanker Hass und pure Wut herausbrechen. Die zivilisierte Fassade ist oft sehr dünn.
Ein Video, das ich in den sogenannten sozialen Medien sah, malt das vor Augen: Urlauber schieben an einem Strand mit vereinten Kräften ein Schlauchboot mit Flüchtlingen wieder auf das Meer hinaus. Ist doch egal, was mit ihnen passiert. Hauptsache, wir können in Ruhe Urlaub machen.
Die Ertrinkenden im Mittelmeer, die Verhungernden in Somalia, die Opfer der Gräueltaten im Südsudan und andernorts – sie berühren uns kaum noch. Vielleicht weil es so viele solcher Meldungen gibt? ---
Wir richten uns gemütlich ein vor dem Fernseher und in unserem bürgerlichen Leben. Nehmen mit Entsetzen, Empörung und Mitleid das Geschehen in der Welt war. Und dann?
Oft erkenne ich, was zu tun wäre. Doch bevor ich zur Tat schreite, fällt mir ganz viel anderes ein, was noch wichtig wäre. Und so verglimmt der Docht der Tat schnell, still und leise.
Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.
Wenn wir es mit der Nächstenliebe ernst meinen, dann bedeutet das: Weite dein Blickfeld. Überwinde deine eigenen Grenzen.
Frag‘ den Menschen, der Hilfe braucht, frag ihn ohne Ansehen der Person, der Religion, der Nationalität, des Aussehens oder des Geschlechts: Was brauchst du? Und dann versuche, entsprechend zu handeln.
In meiner eigenen Bubble mag mir das noch gelingen. Aber auch unter uns fällt es vielen schwer, genau hinzusehen und die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen.
Und über die Bubble hinaus, in der ich lebe? Die eigene Komfortzone zu verlassen wird zur echten Herausforderung.
Was ist beispielsweise mit dem, der politisch eine Auffassung vertritt, die ich nicht akzeptieren kann? Weil sie menschenverachtend ist und Minderheiten diskriminiert. Soll ich diesen Menschen auch „lieben wie mich selbst“?
Das fällt mir wirklich schwer.
Doch ich bleibe dabei – ich kann mir Gottes Gebot nicht schönreden. Ich höre allerdings noch einmal genau hin: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“
Ich muss nicht sein Tun und Reden lieben. Sondern ihn als Menschen – von Gott geschaffen wie ich auch. Mit derselben Würde vor Gott und den Menschen ausgestattet, die ihm niemand nehmen kann.
Vielleicht liegt darin eine Chance, wenn ich dem Kirchenvater Augustin (354-430) folge, der sagte: „Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.“
Nächstenliebe hat also nichts mit dem Gefühl persönlicher Zuneigung zu tun. Gar nichts. Vielmehr geht es um praktische Barmherzigkeit. Ein Mensch, der in Not geraten ist und für den ich da sein kann, der ist mein Nächster in Gottes Augen.
Eine Zumutung – aber wenn mir Gott etwas zumutet, dann schenkt er mir dazu auch die Kraft.
Und Paulus mahnt: „Macht jetzt Ernst damit – viel Zeit, das aufzuschieben, habt ihr nicht mehr.“
Nicht müde werden. Bleibt wach!
Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag, an dem man handeln kann, ist da. Los, steht auf vom Schlaf. Schüttelt die Trägheit ab. Lasst euch berühren. Bewegt euch. Fasst euch ein Herz. Und dann los!
Paulus wählt militärische Bilder: Ergreift die Waffen! Aber die Waffen des Lichts. Nicht Gewalt. Nicht das Schwert. Sondern Waffen des Lichts. An anderer Stelle zählt Paulus sie auf: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Damit ausgerüstet werdet ihr siegen über Trägheit, Abgebrühtheit, Gewalt. Möge die Macht mit euch sein!
Wagt es, steht auf! –Viel Zeit habt ihr nicht mehr. ---
Es ist Advent. Wir machen es uns gemütlich. Kuscheln uns ein bei Kerzenlicht, Glühweinwärme und Keksduft. Doch Paulus erinnert uns an unseren Auftrag:
Macht euch bereit für Gottes Ankunft in der Welt. Für seine Gegenwart. Seinen Schutz. Seine Liebe, die allen gilt.
Jesus wartete auf diese Zeit und er sprach immer wieder davon. In seiner Art zu leben war die erwartete Zukunft schon da. Aber sie sollte und soll für alle Menschen gelten. Darauf wartet die Welt bis heute.
Und wir? Warten wir noch auf diese Zukunft? Oder leben wir in den Tag oder die Nacht hinein, als hätten wir alle Zeit der Welt? Oder resignieren wir, weil uns die Welt ohnehin verloren scheint?
Es ist Advent. Ich habe Sehnsucht nach der Sehnsucht in uns, dass das Leben anders sein soll! Sein kann!
Diese Sehnsucht, die hörbar ist in unseren Adventsliedern: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ… ach, zieh mit deiner Gnade ein“. „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?“ „O komm, o komm, du Morgenstern, vertreib das Dunkel unserer Nacht“…
Mit Jesus hat diese Lebensmöglichkeit neu angefangen! Mit ihm hat Gott seine Beziehung zu uns Menschen neu geregelt. Leben, wie er es sich vorstellt, leuchtete auf. Wird immer neu zum Leuchten kommen.
Seit damals und bis zu Jesu endgültiger Wiederkunft sind wir nun dran. Als Christinnen und Christen.
Den Nächsten, die Nächste lieben bedeutet dabei nicht, dass ich mich selbst überfordern muss. Und auf die Frage: wo soll man anfangen, wo soll man aufhören mit solcher Liebe und mit helfendem Tun? ist nüchtern zu antworten:
Weder kann ich jedem in der Welt alles geben, was er braucht, noch kann es mir gelingen, alles Böse abzuwenden von den Unzähligen, die in der weiten Welt auf Hilfe warten. Ich bleibe immer Liebe schuldig.
Aber genau darum kann ich auch einfach anfangen! Lasst uns das tun, was dran ist und was möglich ist – als einzelne und als Gesellschaft:
Ich kann aufmerksam durch meinen Ort gehen und bewusst wahrnehmen und prüfen, was ich beitragen kann zu einem besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dazu, dass Menschen aufgerichtet werden zum Leben.
Ich kann Projekte von Brot für die Welt unterstützen: Denn wir haben eine weltweite Verantwortung, weil wir oft auf Kosten der Menschen auf anderen Teilen der Erde leben. Unsere Spenden helfen Menschen, sich selbst helfen zu können.
Ich kann meine Stimme erheben, wenn die Würde von Menschen missachtet und Hass und Hetze das Wort geredet wird.
So wie die Schülerinnen der Jobelmann-Schule zum Volkstrauertag in Stade. Es hat mich tief berührt, wie intensiv sie sich mit den Folgen von Krieg und Hass auf Familien beschäftigt haben. Auch auf ihre eigene Familie. Und so forderten sie „Für eine Zukunft voller Menschlichkeit – statt Hass!“ … Wir wünschen uns, dass ihr mutig seid, Dinge zu verändern!“
Ich kann mich gegen den erstarkenden Antisemitismus engagieren. Man kann die Politik der gegenwärtigen Regierung in Israel kritisieren und dann hoffentlich auch die Terroraktivitäten palästinensischer Attentäter verurteilen. Für Antisemitismus gibt es allerdings keine Entschuldigung. Er ist erbärmlich und antidemokratisch.
Darum möge es uns gehen: Um Menschlichkeit nach Jesu Art. Heute. Und das passiert ja auch – Gott sei Dank!
Diese Menschlichkeit zeigt ihr Gesicht zum Beispiel in der Diakonie, in sozialen Diensten und Krankenhäusern. In der Seemannsmission. Sie geschieht durch Seelsorge und Bildung. Durch Friedens- und Gedenkstättenarbeit
wie in der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Durch Hilfe für Menschen in besonderen Notlagen, durch Beratung und Begleitung.
In unseren Gemeinden geschieht die Arbeit für den Nächsten, wo wir Kindern und Eltern eine gute Umgebung zum Großwerden bereiten: in der Kita, in Kirche mit Kindern, Evangelischer Jugend, Pfadfindern, Kinderchor oder bei den Jungbläsern.
Als Kirche bauen wir mit an einer Umgebung, in der Menschen eine Heimat finden. Wo sie sich treffen können. Wo sie miteinander spielen oder etwas zusammen unternehmen. An den Orten, wo sie leben und arbeiten.
Als Menschen der Kirche sind wir Hoffnungsträger. Damit Menschen Orientierung bekommen durch Predigten. Berührt werden von Musik, von Segen und von Kirchräumen, die den Blick nach oben ziehen, von der Dunkelheit ins Licht, vom Gebeugten ins Aufgerichtete, von der Trägheit zum Aufbruch.
So stelle ich mir Kirche vor: Sie ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.[1] Darum:
Sei nicht träge, sondern voll gespannter Erwartung.
Steh auf vom Schlaf, denn die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
Glaube der Hoffnung und gib sie weiter.
So sei es. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft sei mit euch allen.
Amen.