„Wie konnte das geschehen?“, das ist, sehr geehrte Damen und Herren, wohl eine der Fragen an diesem Tag,
81 Jahre nach der Befreiung des Kriegsgefangenlagers Sandbostel.
Wie konnte es gelingen, ein ganzes Volk, das vorher nicht überdurchschnittlich kriminell war, in die Menschheitsverbrechen des NS-Regimes hineinzuziehen?
Heute ist es möglich, sich per Recherche über Internet-Portale wie das US-National Archiv[1] oder auch die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT[2] ganz konkret mit einer anderen Frage aus der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen:[3]
Wie war das eigentlich bei meinen Großeltern und anderen Verwandten? Waren sie Parteimitglieder? Wenn ja, seit wann? Und stimmen die Geschichten, die in unserer Familie erzählt werden?
Plötzlich kommt es mir ganz nah und die Erkenntnis ist da: Auch mir eng verbundene Menschen waren davor nicht gefeit, sich an den Menschheitsverbrechen zu beteiligen.
Es ist daher auch heute wichtig, sich mit der deutschen Geschichte unter der Nazi-Herrschaft auseinanderzusetzen und dem nachzugehen, was damals dazu führte, dass Millionen von Deutschen bereitwillig mitmachten und sich einer mörderischen Ideologie unterwarfen.
Der Historiker und Journalist Götz Aly benennt in seinem Buch „Wie konnte das geschehen?“ Herrschaftsmechanismen, die auch heute noch oder schon wieder in Gebrauch sind. Die aktuellen Bezüge sind schnell zu erkennen. Er schreibt:
„Die Manipulation von Informationen, die Zerstörung öffentlicher Räume, […] soziale Geschenke an die Massen bei zunehmend autoritärer Staatsführung, das Entfachen von Vorurteilen und Hass gegen geeignete und klar erkennbare Minderheiten“, das seien Mechanismen, die heute erneut im Weltgeschehen zu finden seien.
Ich spreche als Vertreterin der evangelischen Kirche zu Ihnen. Wir haben seit dem Ende der Nazi-Diktatur in der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Verstrickung in das totalitäre Regime des „Dritten Reiches“ einen langen und oft beschämenden Weg des Lernens hinter uns.
Denn: „Die NSDAP erzielte ihre Wahlerfolge zwischen 1930 und 1933 ganz überwiegend in evangelischen Gebieten. Protestanten, die rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachten, waren mehr als doppelt so anfällig, diese Partei zu wählen, wie Katholiken.“[4]
Als hannoversche Landeskirche stellen wir uns dieser Vergangenheit. In unserer Verfassung bekennen wir uns ausdrücklich zu einem „auf der Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte gründenden freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat.“ (Artikel 6,1)
Und als Regionalbischöfin und Vertreterin der Landeskirche Hannovers bin ich dankbar für die friedenspädagogische Arbeit, die hier mit Menschen aller Generationen geschieht – ein wichtiger Beitrag für einen freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat.
Denn der Wert des Friedens, aber auch die Schrecken und Folgen des Krieges müssen in jeder Generation neu vermittelt werden. Das ist unsere Verantwortung.
Wie Religion und Glaube neben mancherlei Missbrauch auch helfen, unter Repressalien zu überleben und widerstandsfähig zu sein, das zeigt aktuell die Sonderausstellung hier an diesem Ort des Schreckens.[5]
Eine Erkenntnis: Gemeinsame Gottesdienste, Gebete und improvisierte Altäre gaben Halt und halfen vielen Gefangenen, die Hoffnung zu bewahren.
Verantwortung und Hoffnung säen – Auftrag für uns in dieser Welt.
[3] Beide Portale stellen Millionen Akten zur Mitgliederdatei der NSDAP zur Online-Suche zur Verfügung. Mit neun Millionen Menschen, die dieser Partei angehörten, hatte sie bei Kriegsende ihre maximale Größe erreicht.
[4] So die grundlegenden Untersuchungen von Jürgen Falter, Politikwissenschaftler und Professor u.a. an der Bundeswehrhochschule in München; Götz Aly, Wie konnte das geschehen, 112.
[5] „Was trägt, wenn alles fehlt? Hoffnung durch religiöse Praxis im Kriegsgefangenenlager Stalag X B Sandbostel“ von Selina Kaufmann