„Wir sind Handelnde mit eigenem Gewissen“

Nachricht Hannover/Stade, 18. Juni 2026

Eröffnungsgottesdienst der Landessynode thematisiert Schuld und Vergebung

Mit einem Gottesdienst im DIAKOVERE Henriettenstift, gestaltet von Synodalen aus dem Sprengel Stade, hat am Donnerstag in Hannover die II. Tagung der 27. Landessynode begonnen. Die Predigt, in der es um Schuld und Vergebung ging, hielt die Stader Regionalbischöfin Sabine Preuschoff. Grundlage ihrer Worte waren Verse aus dem Buch des Propheten Micha (Micha 7,18–20). Dort heißt es, dass Gott Sünde vergibt und Schuld erlässt, weil er „Gefallen an Gnade hat“ und an seinem Zorn nicht ewig festhält. 

Vergebung zu erfahren, sei einerseits entlastend, so Preuschoff, bei allem, was in einem Menschenleben misslinge. Aber werde wirklich alles vergeben? Sie denke dabei an unzählige Gewalterfahrungen, die Menschen zu erleiden hätten. Und wie sei es mit der Gewalt, die von Kriegstreibern täglich verübt würde: „Wird wirklich alles vergeben?“

Gott sei zwar ganz anders, als wir Menschen es uns manchmal wünschten, aber er sei durchaus auch zornig. „Unser Tun hat Konsequenzen. Wenn ich andere verletze, wenn ich die Wahrheit verschweige, wenn ich Böses tue – dann werde ich von Gott zur Verantwortung gezogen.“ Doch Gottes Zorn sei kein „launischer Wutanfall“, sondern sein entschiedenes „Nein“ zu allem, was Menschen zerstöre. 

Schuld, Versagen und Verstrickungen sollen ihre Macht verlieren, so die Predigerin, wenn Micha davon spricht, dass Gott Schuld „unter die Füße trete“ und in die „Tiefen des Meeres“ werfe. Vergebung heiße aber nicht vergessen, stellte Preuschoff klar. „Das wäre unerträglich angesichts der Gewalt, des Hasses und des Leides, das Menschen einander zufügen.“ Vergebung heiße vielmehr: „Über einen Abgrund hinweg streckt mir einer die Hand entgegen und sagt: Komm, wir wagen einen neuen Anfang. Ich sehe deine Schuld; aber sie soll nicht länger dein Leben bestimmen.“

Dabei spräche Gott uns aber in unserer Verantwortlichkeit an. „Wir sind keine Marionetten und vollziehen nicht einen vorgefertigten Plan Gottes, sondern wir sind Handelnde mit eigenem Gewissen.“ Was gut für uns sei, habe Micha so beschrieben: Gottes Wort halten, Liebe üben und Einsicht in die eigene Begrenztheit und Fehlbarkeit haben (Micha 6,8).

Im Gottesdienst wirkten neben Sabine Preuschoff die Synodalen Markus Stamme, Maren Rolink, Gabriele Furche, Hilke Ehlers, Martin Krarup und Aaltje-Linnea Lange aus dem Sprengel Stade mit. Die musikalische Gestaltung übernahmen Imke Marks am Klavier und bei der Leitung des Chores sowie Lennart Rübke als Leiter des Posaunenchores.

Sonja Domröse, Pressesprecherin Sprengel Stade

Die Predigt im Wortlaut

Micha 7, 18-20

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In der Einigungsnacht 1990 wurde mein Bruder in Osnabrück von einer Meute gewalttätiger Skinheads halb tot geprügelt. Mit Baseballschlägern schlugen sie ihn nieder und traten mit Springerstiefeln auf ihn ein, als er längst am Boden lag.

Ein Autofahrer hielt kurz an, ließ ihn aber in seinem Blut liegen – „Junge, du machst mir die Sitze schmutzig!“ Eine Zivilstreife der Polizei fand ihn und brachte ihn ins Krankenhaus. Ein Wunder, dass er überlebte. Einige der Täter wurden kurzfristig in Gewahrsam genommen. Vom Gericht wurde meinem Bruder empfohlen, keine Anzeige zu erstatten – die Skinheads würden sich später rächen.

Monate später, nachdem er körperlich wieder gesundet war, diskutierte mein Bruder mit unserem Vater über Vergebung. Was mein Vater machen würde, wenn ein Skinhead verfolgt und an der Pfarrhaustür klingeln würde, um sich zu retten. Ob unser Vater ihn einließe.

„Natürlich. Einem Menschen in Not muss man helfen.“ – „Du würdest es denen vergeben, was sie mir angetan haben?“ – „Ich würde diesem Menschen helfen. Vergeben kann allein Gott.“

Ich lese den Predigttext aus dem Buch des Propheten Micha (7, 18-20).[1]

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Unser Bild von Gott – nicht unser erstes Thema bei der Landessynode. Und dabei so wichtig, weil es in vielen anderen Fragen, die uns beschäftigen, Wegweisung gibt.

Gott ist unfassbar groß. Und Gott ist wahrscheinlich ganz anders, als wir denken. Gottes Größe besteht für mich besonders darin, dass er ein Gott ist, „der die Sünde vergibt.“ Einer, der hinter dem, das nicht sein sollte, einen Schlussstrich zieht. Gültig für gestern, für heute und morgen. Gültig für alle. So hat er es schon „unsren Vorfahren“ geschworen. Und so gilt es noch heute.

Wie entlastend – denke ich einerseits. Das ist ja gut zu wissen – bei all dem, was mir misslungen ist. Was schiefgelaufen ist. Wo ich Schuld auf mich geladen habe.

Wie beunruhigend – denke ich andererseits. Wirklich alles wird vergeben? Und ich denke an meinen Bruder und die Gewalterfahrung, die bis heute noch in ihm steckt. Und ich schaue heute in die große Welt.

Putin, der Raketen und Drohnen auf Zivilisten und zivile Infrastruktur schießt – weil er es kann. Trump, dem nichts heilig ist und dem es völlig egal zu sein scheint, dass infolge seines narzisstischen Handelns Menschen leiden, Kriege beginnen und eine Weltordnung ins Wanken gerät, die für Frieden sorgte.

Und bei uns eine Partei, die Menschen herabwürdigt, ausgrenzt und gegeneinander stellt. Die demokratische Institutionen verachtet und höhnisch mit der Grenze des Sagbaren und mit Verlustängsten spielt. Die sich auf ihrem Parteitag gegen die „Verewigung des Schuldkomplexes“ ausspricht. Und gewählt wird. –

Wird wirklich alles vergeben?

Gott ist ganz anders – und so groß, dass ich ihn nicht fassen kann. Und ich hoffe doch, dass er auch ein zorniger und ein gerechter Gott ist. Wie sollte er über Böses nicht zornig werden? Da wären Zorn und Strafe doch angebracht. Ich bekenne – manchmal wünschte ich mir das. Und erschrecke zugleich über meinen Wunsch. Und höre: Gott ist anders.

Ja, Gott kennt den Zorn. Unser Tun hat Konsequenzen. Wenn ich andere verletze, wenn ich die Wahrheit verschweige, wenn ich Böses tue – dann werde ich von Gott zur Verantwortung gezogen. Und muss mit seinem Zorn rechnen.

Doch Gottes Zorn ist kein launischer Wutanfall. Er ist vielmehr Gottes leidenschaftliches Nein zu allem, was Menschen zerstört. Er ist der Weckruf, der sagt: „Wenn du so weitermachst, wirst du dich selbst und deine Gemeinschaft zerstören.“

Sein Zorn ist seine heimliche Güte. Paul Gerhardt hat im 17. Jahrhundert davon gesungen: „Du strafst uns Sünder – mit Geduld. … Ja, endlich nimmst du unsre Schuld und wirfst sie in das Meer.“ (EG 324,9)

„Gott wird alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Schuld soll nicht unser Leben bestimmen. Gott hält sie uns nicht ewig vor. Er schafft beiseite, was uns von ihm und voneinander trennt.

Der Prophet Micha sagt: Gott wird unsere Schuld „unter die Füße treten“. Ein starkes Bild. Das, was uns gefangen hält – Schuld, Versagen, Verstrickungen –, soll seine Macht verlieren.

Nicht die Erinnerung daran wird ausgelöscht. Denn Vergebung heißt nicht: vergessen. Das wäre unerträglich angesichts der Gewalt, des Hasses und des Leides, das Menschen einander zufügen.

Vergebung heißt: Über einen Abgrund hinweg streckt mir einer die Hand entgegen und sagt: Komm, wir wagen einen neuen Anfang. Ich sehe deine Schuld; aber sie soll nicht länger dein Leben bestimmen.

Das fällt uns oft schwer. Denn wir Menschen erkennen Schuld bei anderen meist schneller als bei uns selbst. Wir können genau benennen, worin andere versagt haben. Das eigene Versagen dagegen erklären wir gern, entschuldigen es oder verdrängen es.

Aber wer auf Gottes Erbarmen vertraut, muss sich nicht länger verteidigen. Wer weiß, dass er angenommen und geliebt ist, kann ehrlicher werden. Kann sagen: „Ja, da habe ich jemanden verletzt. Da habe ich geschwiegen, obwohl ich hätte reden sollen. Da habe ich falsch entschieden. Da bin ich schuldig geworden.“

Vielleicht hat es niemand sonst bemerkt. Und doch bedrängt es mich.

Und da gibt es Heilung – durch den, der uns sagt: er wird „unsere Schuld unter die Füße treten“. Gott legt uns nicht auf unsere Fehler fest. Gott nimmt Schuld ernst, aber er schreibt Menschen nicht ab. Gott sei Dank! Erbarmen!

Und ich will – so schwer es mir auch fällt – versuchen, es zumindest für möglich zu halten, dass Gottes Erbarmen und Vergebung auch denen gilt, denen ich selbst sie am liebsten absprechen möchte. ---

Und dann ist da noch das andere: Der unfassbare Gott öffnet mit seiner Barmherzigkeit Räume, in denen Menschen leben können – befreit und aufgerichtet.

Das ist Maßstab für unser Handeln. Auch während der Synode – wenn wir uns mit der Demokratie und ihrer Gefährdung befassen. Und der Frage: Was kann man tun? Was kann ich tun?

Der Prophet Micha würde uns heute wie vor 3000 Jahren sagen: Halt! Schau hin. Auf Gott und auch auf dich selbst. Denn Gott hat uns nicht als Zuschauer geschaffen. Er hat uns als Handelnde geschaffen und durch sein Erbarmen zum Handeln befreit:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ So heißt es auch bei Micha (6,8).

Gott spricht uns in unserer Verantwortlichkeit an. Wir sind keine Marionetten und vollziehen nicht einen vorgefertigten Plan Gottes, sondern wir sind Handelnde mit eigenem Gewissen. 

Das ist heute angesichts der Gefährdung unserer Demokratie und damit auch der Bedrohung von Minderheiten dringend angesagt.

Der Soziologe Steffen Mau wird in der ZEIT[2] zitiert: „Der Geist der Demokratiefeinde ist aus der Flasche. … Wählerinnen und Wähler schlagen sich gern auf die Seite derer, bei denen es aufwärts geht. … Wenn die Demokratie wankt, müssen wir alle ran – ermuntern, mobilisieren, miteinander sprechen, mutig sein.

Zu Hause, in der Nachbarschaft, im Verein, am Arbeitsplatz. Die demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich sichtbar machen, darf sich nicht ins Abseits drängen lassen, muss auch lustvoll miteinander streiten. Nur wenn sie sich Ihrer Vielheit und Stärke versichert, hat sie überhaupt eine Chance.“

Also los: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Wie das gehen kann? Drei Gedanken:

  1. An Gottes Wort halten. Wenn wir in der Synode, in der Gemeinde, im Alltag oder wo auch immer unterwegs sind: Halten wir uns an Gottes Wort und Gebot und suchen Orientierung darin. Denn ohne Gott verlieren wir den Maßstab für das, was richtig und falsch ist.
  2. Liebe üben, wie Gott gnädig ist. Wenn jemand einen Fehler macht, ihn nicht bloßstellen, sondern die Möglichkeit zur Korrektur suchen. Wenn jemand eine andere Meinung hat, zuhören, statt ihn zu verurteilen. Wenn wir Konflikte haben, nicht versuchen, den anderen zu vernichten, sondern den Weg zurück zur Gemeinschaft zu finden. Liebe üben heißt: Ich nehme den anderen so an, wie er ist, und gebe ihm Raum zu wachsen. So wie Gott es mit uns macht. Wir müssen die Türen offenhalten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen.
  3. Demütig sein, weil wir fehlbare Menschen sind. Angewiesen auf Schuldvergebung. Demut heißt nicht, sich klein zu machen. Es bedeutet: Einsicht in die eigene Begrenztheit. Heißt: Ich kann mich irren. Ich brauche die anderen. Ich brauche den Rat, die Kritik, die Korrektur. Wer demütig ist, der hört zu. Sucht das Wohl des Ganzen. Verlässt sich auf Gottes Treue.

Denn wo ist solch ein Gott, wie du bist? Nirgendwo sonst. Und er hat Gefallen an Gnade. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

[1] Er lebte im 8. Jh. vor Christi Geburt und er redet noch heute, zu den Juden, zu den Christen, zu uns.

[2] 28. Mai 2026, DIE ZEIT No. 24, S. 42