Kirchengemeinde arbeitet Gewalt bei Jugendfreizeiten auf

Nachricht Buxtehude, 17. Januar 2026

St. Petri-Gemeinde in Buxtehude stellt Bericht vor

Bei Jugendfreizeiten einer evangelischen Kirchengemeinde waren Kinder über Jahrzehnte physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt. Nun arbeitet die Gemeinde die Vorfälle auf und räumt massive Fehler in der Vergangenheit ein.

Buxtehude (epd). Eine eiskalte Dusche bei Heimweh, Essen trotz massiven Ekels herunterwürgen oder bis Mitternacht alleine im Speisesaal sitzenbleiben, um trotz Würgereizen ein Glas Milch und eine Scheibe Käse zu verzehren: Erfahrungen, die sechs- bis zwölfjährige Kinder ab den 1980-er bis zu den 2010-er Jahren bei Freizeiten der Buxtehuder Kirchengemeinde St. Petri machen mussten. Weil den Berichten der Kinder lange nicht geglaubt wurde, werden die Vorfälle erst jetzt aufgearbeitet. Als unabhängiger Moderator legte der Jurist Wolf-Peter Groß am Freitag einen 26-seitigen Bericht vor.

Im Fokus der Anschuldigungen stehen zwei ehrenamtliche Betreuerinnen, die sich über Jahrzehnte sehr für die Jugendarbeit in der Gemeinde engagierten. Die Ältere der beiden - ihr werden die schwersten Vorwürfe gemacht - ist inzwischen gestorben. Die jüngere Betreuerin weist laut Groß die Vorwürfe zurück oder relativiert sie.

Aufarbeitung startete im Mai 2025

Der Jurist erhielt im Mai 2025 den Auftrag, die Vorfälle zu dokumentieren und aufzuarbeiten. Vorherige Versuche seitens des Kirchenvorstandes, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen, seien aufgrund des verlorenen Vertrauens nicht erfolgreich gewesen, sagte Kirchenvorsteher Wolf-Dieter Syring.

Insgesamt führte Groß 30 Gespräche mit den heute zum Teil erwachsenen Betroffenen und Eltern sowie mit Verantwortlichen aus der Kirchengemeinde. Dabei sei auch ein Fall von sexualisierter Gewalt aufgedeckt worden: Eine jugendliche Person sei in ein Abhängigkeitsverhältnis mit erzwungenen Intimitäten zu der älteren Betreuerin geraten. Die Person habe sich erst nach fünf Jahren aus dem Verhältnis befreien können und habe therapeutische Hilfe in Anspruch genommen.

Betroffene sollten gehört werden

In den Gesprächen sei es vor allem darum gegangen, „den Betroffenen Gehör zu verschaffen - ihnen Raum zu geben, ihre Geschichte zu erzählen“, erläuterte Groß. Dabei sei deutlich geworden, dass die beiden Betreuerinnen ein sehr rigides Regime geführt hätten. Bei den Freizeiten habe es Lieblinge und solche gegeben, die den Unmut der Betreuerinnen ertragen mussten. Die Kinder seien zudem angehalten worden, sich gegenseitig auf Einhaltung der Regeln zu kontrollieren und Verstöße zu melden. „Das Ganze hatte etwas Sektiererisches“, resümierte der Jurist.

Erste Beschwerden seien zurückgewiesen worden. Doch spätestens seit 2009 war Groß zufolge der ganze Kirchenvorstand über Vorfälle informiert gewesen. Die heutigen Reaktionen ließen sich aufteilen zwischen Personen, die vor 2013 Verantwortung trugen, und Personen, die später Verantwortung übernommen hätten. In der ersten Gruppe seien die Vorfälle überhaupt infrage gestellt worden. Sie hätten versucht, die Institutionen Kirche und Kirchengemeinde zu schützen. Personen aus der zweiten Gruppe forderten dagegen eine transparente und öffentliche Aufarbeitung.

Schutzkonzepte waren wirkungslos

In der Gemeinde seien die Verantwortlichen damals froh gewesen, dass sich die beiden Frauen so engagiert für die Jugendarbeit einsetzten. Unter dem Motto „Lass die mal machen“ habe sich niemand weiter eingemischt. Ein Schutzkonzept aus dem Jahr 2009 habe sich als reine Makulatur erwiesen. Auch spätere Konzepte hätten sich auf Selbstverpflichtungen beschränkt und in der Praxis nicht bewährt, resümierte Groß.

Der Superintendent des Kirchenkreises, Martin Krarup, räumte Fehler ein: „Wir sind den berechtigten Erwartungen der Betroffenen nicht gerecht geworden.“ Er bedauere, dass die Vorfälle nicht bereits vor zehn Jahren öffentlich gemacht worden seien. Der nun vorgelegte Bericht könne in Kürze auf der Internetseite der Gemeinde heruntergeladen werden. Der leitende Theologe betonte, der Bericht sei erst der Beginn der Aufarbeitung. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es noch weitere Betroffene gibt. Wer sich nicht an die Kirchengemeinde wenden wolle, könne sich auch an den unabhängigen „Weißen Ring“ für Betroffene von Straftaten wenden.

Info

Außenstelle des Weißen Rings in Stade: Andreas Woyth: 0151/55164710stade@mail.weisser-ring.de

Internet

www.st-petri-buxtehude.de www.weisser-ring.de

Jörg Nielsen, Evangelischer Pressedienst (epd)