Traurig, enttäuscht, wütend

Nachricht Geestland, 27. August 2026

Wenn Freundschaften zerbrechen

Ob sie jemals wieder zusammenfinden? Sängerin Taylor Swift und Schauspielerin Blake Lively galten jahrelang als unzertrennliche Superfreundinnen in der Welt der Superstars. Als Lively Swift 2025 offenbar gegen deren Willen in einen Rechtsstreit mit einem Schauspielkollegen hineinzog, schien das der Anfang vom Ende zu sein. Und spätestens seit Swifts Hochzeit mit Travis Kelce Anfang Juli dieses Jahres sind sich Fans und Regenbogenpresse sicher: Mit der Freundschaft ist es endgültig vorbei. Denn Liveleys Name fehlte auf der illustren Gästeliste. Laut US-Medien soll Lively traurig und wütend darüber gewesen sein.

Traurig, enttäuscht und manchmal wütend sind auch die Menschen, die sich bei der Telefonseelsorge Elbe-Weser melden, wenn eine Freundschaft kriselt oder in die Brüche gegangen ist - und von ihnen gibt es immer mehr. Das berichtet Daniel Tietjen, Leiter der Einrichtung in Geestland bei Cuxhaven, die zur evangelischen Landeskirche Hannovers gehört. Er und sein rund 90-köpfiges, ehrenamtliches Team verzeichnen seit etwa fünf Jahren einen Anstieg von Hilfesuchenden, die Kummer mit Freunden oder Freundinnen haben: „Das Thema hat seit der Corona-Pandemie erheblich zugenommen“, sagt Tietjen.

Stellenwert von Freundschaft wächst

Der Diakon und Sozialpädagoge führt die Entwicklung darauf zurück, dass Freundschaft in einer verstärkt von Krisen und Vereinzelung geprägten Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert einnimmt und für manche Menschen mittlerweile sogar wichtiger ist als Familie: „Freundschaft gibt Stabilität - und die ist in unsicheren Zeiten wie diesen besonders wertvoll“, sagt Tietjen.

Wenn sie auseinanderbricht, ist Herzschmerz keine Seltenheit: „Der Verlust von Freundschaft kann sich genauso schwer anfühlen wie Liebeskummer“, sagt Selina Pfrüner, Mediatorin aus Köln mit dem Schwerpunkt Streitschlichtung in Freundschaften. Endet eine Freundschaft, empfiehlt sie, „sich Zeit zum Trauern zu nehmen. Immerhin hat man eine wichtige Bindung verloren.“

Freundschaftskummer

Doch das mit der Trauerzeit ist offenbar nicht so einfach: „Die Freundschaftstrauer wird im Vergleich zu einer zerbrochenen Beziehung oftmals kleingeredet“, kritisiert Pfrüner. Das sieht auch Diakon Tietjen so: Viele Erwachsene schämten sich, mit anderen über ihren Kummer zu sprechen, wenn so eine Verbindung ende, schildert er. Gerade Menschen zwischen 50 und 60 Jahren wüssten oft nicht, wohin mit dem Freundschaftskummer, denn in ihrer Generation sei es eher unüblich, darüber zu sprechen.

„Im Vergleich zu einer Trennung in einer Partnerschaft, reagiert das Umfeld auf das Ende einer Freundschaft häufig weniger sensibel. Da heißt es dann oft lapidar: ,Mach dir nichts draus‘“, sagt Tietjen. In der Anonymität am Telefon oder auch im Chat der Telefonseelsorge, falle es vor allem Älteren leichter, sich zu öffnen. „Wir hören zu und geben Enttäuschung und Trauer Raum. Da löst sich dann schon viel bei den Gesprächspartnern“, führt Tietjen aus.

Problem: „Ghosting“

Doch wie kittet man eine Freundschaft? „Mein Job ist es nicht, Freundschaften zu retten, sondern herauszufinden, was das Beste für alle Beteiligten ist und wie ein respektvoller Umgang miteinander gelingt“, sagt Mediatorin Pfrüner. Dafür setzt sie auf Gespräche. Als Mediatorin bringe sie die Parteien an einen Tisch. Ziel sei es, wieder für mehr gegenseitige Empathie zu sorgen. Denn viele Konflikte entstünden, wenn es unterschiedliche Bedürfnisse hinsichtlich der Häufigkeit und Intensität von Kontakten gebe oder sich mindestens eine Seite nicht verstanden oder wertgeschätzt fühle. Um wieder mehr gegenseitiges Verständnis herzustellen, sei Zuhören wichtig und ein „gewisses Wohlwollen, mit dem die Parteien die Perspektiven und Gefühle des jeweils anderen betrachten“, sagt Pfrüner.

Doch nicht immer gelingt es, beide Seiten überhaupt dazu zu bringen, miteinander zu reden. Ein häufiges Problem, dass laut Pfrüner und Tietjen vor allem Jüngere umtreibe, sei das sogenannte „Ghosting“, wenn Freunde abrupt und kommentarlos jeglichen Kontakt abbrechen. Für Pfrüner steckt nicht zuletzt „eine gewisse Konfliktmüdigkeit“ hinter dem Phänomen. Sie beobachte eine „zunehmende Erschöpfung“, wenn es um den Austausch über komplexe Themen gehe, etwa auch politische Ansichten. Das bewirke mitunter heftige Auseinandersetzungen - oder eben Kontaktabbruch.

Kintsugi-Prinzip

„Plötzlich ignoriert zu werden, führt oft zu einer großen Leere und Ratlosigkeit“, sagt Tietjen. Dass viele schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sei hingegen kein Trost. „Stattdessen relativiert es die eigene Situation in negativer Weise.“ Umso wichtiger sei es, Menschen, die um Freunde trauern, zuzuhören, „vielleicht auch zu fragen, welche Situation sie sich wünschen und dann zu schauen, welche Perspektiven es gibt“, rät der Seelsorger.

Pfrüner ist überzeugt, dass Freundschaften trotz tiefer Risse auch wieder aufleben können: „Ich vergleiche das mit dem japanischen Kintsugi-Prinzip: Zerbrochene Keramik wird wieder neu zusammengesetzt, die Bruchlinien mit Goldfarbe hervorgehoben. So werden die Gefäße einzigartiger und wertvoller.“

Evangelischer Pressedienst (epd)