„Mee(h)r Blau-Töne“

Nachricht Otterndorf, 22. Juni 2026

Predigt von Regionalbischöfin Sabine Preuschoff beim Elbekirchentag in Otterndorf

Ezechiel 47,1–12

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

„Mee(h)r Blau-Töne“ – was für ein schönes Motto für diese drei Tage hier beim Elbekirchentag in Otterndorf.

Wenn ich am Strand oder auf dem Deich stehe und auf das Wasser schaue, sehe ich nie nur ein Blau. Mal ist es hell und freundlich. Mal dunkel und schwer. Manchmal glitzert es im Sonnenlicht. Manchmal wirkt es bedrohlich unter grauen Wolken. Das Meer kennt viele Blau-Töne.

Unser Leben kennt sie auch.

Tage voller Zuversicht und Leichtigkeit: Die Dankbarkeit für neugeschenktes Leben. Erlebte Gemeinschaft voller Vertrauen. Stolz und Freude über eine gelungene Aufgabe.

Und Zeiten, in denen Sorgen und Unsicherheit die Farben bestimmen: Kriege erschüttern die Welt. Demokratische Werte geraten unter Druck. Die gesellschaftlichen Gräben scheinen tiefer zu werden. Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, um die Zukunft ihrer Kinder, um den Zustand unserer Erde. Manchmal fühlt es sich an, als ob die Hoffnung knapper wird.

In diese Gedanken hinein höre ich die Vision des Propheten Ezechiel.

Ezechiel lebt nicht in einer Zeit des Aufbruchs. Er lebt mitten in einer Katastrophe. Jerusalem ist zerstört. Der Tempel liegt in Trümmern. Die Oberschicht des Landes ist deportiert und lebt im Exil. Alles, was Halt gegeben hatte, scheint verloren.

Und genau da schenkt Gott ihm ein Bild. Ein Bild vom Wasser. Zunächst ist es nur ein kleines Rinnsal. Es fließt aus dem Tempel heraus.

Nicht von außen kommt die Rettung. Nicht aus politischen Machtzentren. Nicht aus militärischer Stärke. Sondern aus Gottes Gegenwart.

Gott ist die Quelle des lebendigen Wassers. Von Gottes Zuwendung zu uns, von seiner Rückkehr und Einkehr in unser Leben, in unsere Gemeinden, in unsere Städte, von seiner Gegenwart geht das aus, was wir, was ich zum Leben brauche: nämlich Gnade und Vergebung, Liebe und Treue.

Ohne dieses JA Gottes zu mir, zu uns und zu unserer Welt, können wir nicht leben, gleicht unser Leben einem ausgetrockneten Bachbett.

Gott zieht ein in unser Leben. In unsere Geschichte, unsere Häuser, unsere Not und Schuld, in unsere Freude und Feste. Gott ist DA!

Das Wasser fließt. Und je weiter es kommt, desto größer wird es. Erst knöcheltief. Dann knietief. Dann hüfttief. Ein Strom voller Leben.

Mich berührt daran, dass Gott hier nicht mit einem fertigen Wunder beginnt. Nicht sofort ein gewaltiger Fluss. Sondern klein. Fast unscheinbar. Wie Hoffnung oft beginnt.

Mit einem Gespräch. Einer Begegnung. Einem Menschen, der zuhört. Mit einem Gebet. Einem ersten Schritt.

Vielleicht beschreibt dieses Wasser auch den Glaubensweg von Menschen.

Am Anfang ist da nur ein knöcheltiefer Kontakt: Vielleicht das Tischgebet bei der Freundin. Das Abendlied mit der Oma. Eine Konfirmandenfreizeit. Vielleicht Musik, die plötzlich etwas in mir berührt. Knöcheltief. Ich spüre etwas. Noch etwas unverbindlich.

Dann wird das Wasser knietief. Erste Fragen tauchen auf. Erste Gespräche über Gott und das Leben. Ich beginne zu ahnen, dass Glaube mehr sein könnte als eine Tradition. Bleibe stehen. Denke nach. Suche.

Später wird das Wasser hüfttief. Gemeinschaft entsteht. Menschen tragen einander. Ich erlebe, dass Kirche mehr sein kann als ein Gebäude. Sie wird zu einem Ort, an dem Hoffnung geteilt wird. Einem Ort, an dem ich nicht allein bleibe.

Knöcheltief. Knietief. Hüfttief.

Bei diesen Worten muss ich an ein ganz anderes Erlebnis denken.

Sommerurlaub an der Nordsee. Auf Langeoog. Meine Tochter war damals vier Jahre alt. Es war Ebbe. Gemeinsam gingen wir muschelsuchend hinaus ins Watt. Nach einiger Zeit entdeckten wir einen kleinen Wasserlauf. Knöcheltief war das Wasser. Meine Tochter begann zu spielen. Wir bauten kleine Dämme, ließen Muscheln schwimmen … und schlenderten weiter auf der Suche nach besonderen Fundstücken.

Irgendwann hob ich den Kopf und schaute nach dem Strand. Ich erschrak. Der Strand war weit weg. Viel weiter, als ich gedacht hatte. Und das Wasser lief bereits auf. Schnell – und mit möglichst sorgloser Miene – drängte ich meine Tochter zum Umkehren.

Als wir wieder an den Wasserlauf kamen, an dem sie gespielt hatte, war er kaum wiederzuerkennen. Aus dem kleinen Rinnsal war ein breiter Strom geworden. Ich nahm allen Mut zusammen und meine Tochter auf die Schultern und stieg hinein. Das Wasser reichte mir weit über die Hüfte. Der Boden war glitschig.

Mein Herz schlug bis zum Hals. Angst. Die Sorge, ob wir rechtzeitig hinüberkommen würden.

Endlich hatten wir die andere Seite erreicht. Als wir den Strand betraten, liefen mir Tränen der Erleichterung über das Gesicht.

So bedrohlich kann Wasser auch sein. Knöcheltief. Knietief. Hüfttief.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem unsere Erfahrungen und die Vision des Ezechiel sich berühren.

Denn der Strom Gottes ist nicht einfach ein romantisches Bild. Er ist größer als wir. Er entzieht sich unserer Kontrolle. Zeiten im Leben, da der Boden unter den Füßen schwankt. Wenn Lebenspläne zerbrechen. Wenn Abschiede unfassbar weh tun. Wenn die Zukunft ungewiss ist. So viele Fragen offen sind.

Und dann erzählt Ezechiel von dem Wasser, das so tief geworden ist, dass man nicht mehr stehen kann. Nur schwimmen. Aber: Man kann schwimmen! Der Strom verschlingt nicht, sondern schenkt Leben. Trägt. Wenn ich mich ihm anvertraue. Gott trägt. Trägt mich, trägt uns hindurch.

In der Vision geschieht etwas Erstaunliches. Der Strom fließt weiter. Er erreicht das Tote Meer. Den Ort, an dem eigentlich nichts leben kann. Salzig. Öde. Tot.

Doch überall, wo das Wasser hinkommt, entsteht Leben. Fische. Bäume. Früchte. Heilung.

Das ist für mich die stärkste Botschaft dieser Vision: Gottes Kraft bleibt nicht im Tempel. Sie sucht die Orte des Mangels. Der Hoffnungslosigkeit. Die Orte, die längst aufgegeben wurden. Dorthin fließt das Wasser.

In die Einsamkeit vieler alter Menschen. In die Verzweiflung junger Menschen, die nicht wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird. In die Sprachlosigkeit zwischen politischen Lagern. In die Angst vor Kriegen und Krisen. In die Müdigkeit vieler Menschen, die das Gefühl haben, nichts mehr verändern zu können.

Gottes Strom fließt gerade dorthin.

Und ich höre das Rauschen des lebendigen Wassers. Und den Auftrag an uns: Werdet, ja seid Teil dieses Stromes.

Denn die Vision endet nicht beim Empfangen. Sie endet beim Weitergeben. Dann fließt das Wasser weiter. Immer weiter.

Vielleicht ist das auch eine wichtige Botschaft dieses Elbekirchentages.

Drei Tage wurde hier gefeiert. Glauben. Singen. Beten. Einander begegnen. Gemeinschaft erfahren. Nach einer guten Zukunft und einem sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft fragen.

Aber all das soll nicht bei uns bleiben. Wie das Wasser aus dem Tempel hinausfließt, so soll auch die Hoffnung hinausfließen. In unsere Familien, Vereine, Schulen, Nachbarschaften. In politische Verantwortung. Gesellschaftliche Debatten. In den Alltag.

Denn unsere Welt braucht Menschen, die Hoffnung weitertragen. Sie braucht uns, die wir die Hand nach der Hoffnung ausstrecken. Brücken bauen statt Mauern. Zuhören statt nur urteilen. Menschen, die Menschlichkeit stärker machen als Angst.

Menschen, die an Gottes Zukunft glauben, auch wenn die Gegenwart manchmal düster erscheint.

„Mee(h)r Blau-Töne“ – das bedeutet auch: Unser Leben besteht aus vielen Farben und Schattierungen. Nicht jeder Tag ist hellblau. Nicht jede Erfahrung ist leicht.

Aber Gottes Strom fließt durch alle Farben hindurch. Durch die hellen und die dunklen. Durch Freude und Trauer. Durch Zweifel und Gewissheit.

Und am Ende bleibt die Zusage:

  • Wo Gottes Wasser fließt, wächst Leben.
  • Wo Gottes Liebe ankommt, entsteht Zukunft.
  • Wo Gottes Geist wirkt, wird selbst aus dürrem Land ein Garten.

Mit dieser Hoffnung und in diesem Vertrauen lasst uns weitergehen.

Knöcheltief. Knietief. Hüfttief. Und schließlich getragen von dem Strom Gottes, der Leben schenkt und niemals versiegt.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.