Eine Woche Brüssel

Nachricht Cuxhaven/Land Hadeln, 11. Mai 2026

Kirchenkreis Cuxhaven-Hadenln im Dialog mit Europa

Politik macht eine kurze Pause – und David McAllister nimmt sich Zeit. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament winkt die Delegation des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln überraschend ans Podium und lässt sie dort Platz nehmen, wo er sonst selbst die Debatten leitet. Für viele ist es ein Moment, in dem politische Verantwortung und kirchliches Engagement unmittelbar zusammenrücken.

"Rechtsruck in mehreren Staaten"

McAllister spricht während der Sitzungsunterbrechung über Europas innere Befindlichkeit, die brüchigen transatlantischen Beziehungen, den Rechtsruck in mehreren Staaten und über die Berichte ukrainischer Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die kurz zuvor via Videokonferenz zugeschaltet waren. Die spontane Begegnung markiert einen frühen Höhepunkt der Reise und einer Woche, in der Kirche und Europa intensiv ins Gespräch kommen.

Von kostbarer Verständigung und einer wichtigen Übung
Zwischen den zahlreichen Zeugnissen des Neubeginns und den Schatten früherer Katastrophen wächst die Einsicht, wie kostbar Verständigung ist – und dass gemeinsames Handeln immer wieder neu eingeübt werden muss. Nationalistische Alleingänge sind im europäischen Zeitalter ohne Chance.

Beim Besuch der niedersächsischen Landesvertretung am nächsten Tag wird die politische Dimension greifbar. Claudia Nowak, Vertreterin des Wirtschaftsministeriums, erinnert daran, dass ein erheblicher Teil deutscher Gesetzgebung europäische Wurzeln hat. Niedersachsen nehme deshalb frühzeitig Einfluss – durch Gespräche, Stellungnahmen und den Austausch mit den neun Europaabgeordneten des Landes.

"Brücke zwischen Brüssel und der Heimat"
Die Landesvertretung verstehe sich dabei, so Nowak weiter, als Brücke zwischen Brüssel und der Heimat im Nordwesten Deutschlands. Auf die Frage, wie das christliche Erbe Europas heute sichtbar werde, beschreibt sie die EU als christliche Wertegemeinschaft, deren sozialer Zusammenhalt politisch spürbar sei.

Am folgenden Tag begegnet die Gruppe erneut David McAllister. Offen spricht der Europaabgeordnete aus Bad Bederkesa über sicherheitspolitische Herausforderungen und zeigt sich besorgt über den „Zusammenbruch der transatlantischen Beziehungen“. Europa müsse rasch eigene Fähigkeitslücken schließen. „Wir Europäer erwerben zu wenig gemeinsames militärisches Gerät“, kritisiert McAllister und appelliert an die Staats- und Regierungschefs, „nationale Eitelkeiten endlich beiseitezulegen“.

Dialog mit Jugendlichen als große Chance
Besondere Aufmerksamkeit erhält er, als er auf die neue Friedensschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland – „… und was dem Frieden dient“ – zu sprechen kommt. McAllister würdigt den Versuch, sicherheitspolitischen Realismus und christliche Werteorientierung zu verbinden. Chancen sieht er im Dialog mit Jugendlichen – und in der Rolle der Kirchen als Orte, die Polarisierung aktiv entgegenwirken können.

Auch jenseits der Institutionen erfährt die Delegation gelebte Kirche in Brüssel. Das Team des Protestantischen Sozialzentrums (CSP) zeigt, wie herausfordernd soziale Arbeit in einer Stadt mit großen sozialen Gegensätzen ist. Schuldnerberatung, psychosoziale Begleitung, Hilfe für Geflüchtete – das 24-köpfige Team arbeitet nach eigenen Angaben am Limit. „Armut nimmt zu, die Flüchtlingsströme werden größer, das Geld ist knapp“, heißt es unverblümt.

Staatliche Mittel, Spenden und kirchliche Haltung
Die Arbeit lebe von staatlichen Mitteln, Spenden – und einer kirchlichen Haltung, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft im Blick behält, so der Tenor der Gastgeber.

Wie sehr Kirche im Ausland ein Zuhause sein kann, erzählen Pastorin Katja Baumann von der evangelischen Emmaus-Gemeinde und Pfarrer Wolfgang Severin, der die katholische Paulus-Gemeinde leitet. Beide führen die einzigen deutschen Auslandsgemeinden in der europäischen Hauptstadt. Ihren Alltag prägen Gottesdienste, Bibelgespräche, Kinder- und Jugendarbeit – und vermehrt junge internationale Familien. „Im Alter gehen viele zurück“, weiß Baumann.

„Hier können die Menschen ankommen"
Severin beschreibt Brüssel als Stadt der Institutionen, Diplomaten und des NATO-Hauptquartiers – und die Kirchengemeinden als Orte, an denen Menschen ankommen können. „Wir sind wichtig, weil hier Heimat entsteht.“ Doch ohne freiwillige Beiträge und Spenden ginge es nicht.

Den Abschluss bildet der Besuch der EKD-Dienststelle in Brüssel. Katrin Hatzinger, Juristin und Leiterin des achtköpfigen Teams, überblickt ein breites Arbeitsfeld: digitale Ethik, Klima, Migration, Religionsfreiheit, Sicherheitspolitik. Die EKD bringe zu all diesen Themen kirchliche Perspektiven ein – „für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung“. In geopolitisch unruhigen Zeiten komme den Kirchen besondere Verantwortung zu. Die Frage, ob der Einfluss der Kirche schwinde, beantwortet Hatzinger entschieden: „Der Wunsch nach einer kirchlichen Stimme nimmt eher wieder zu.“

"Lebensraum, Aufgabe und gemeinsame Hoffnung"
Als die Delegation die Rückreise antritt, liegt eine Woche hinter ihr, in der Europa nicht nur als politische Konstruktion sichtbar wurde, sondern als Lebensraum, Aufgabe und gemeinsame Hoffnung.
Zwischen Ausschusssaal, Sozialstation und Kirchenraum hat sich ein Bild geformt, das bleibt: Europa ist fragil – und zugleich eine Chance. Eine Chance, die demokratische Wachsamkeit braucht. Und eine Chance, zu deren Erfüllung auch die Kirche ihren Beitrag leisten kann.

Andreas Schoener, Öffentlichkeitsarbeit Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln