80 Jahre Befreiung von Sandbostel:

Nachricht Sandbostel, 30. April 2025

Redner mahnen Erinnerung an

Niedersachsens Kulturminister Falko Mohrs (SPD) hat zu einer engagierten Bewahrung der Erinnerung an die NS-Verbrechen aufgerufen. „Nationale und internationale Umdeutungen der NS-Verbrechen, ein Erstarken von Antisemitismus weltweit, demokratiefeindliche Kräfte in Parlamenten und zunehmendes Unwissen und Desinteresse - die Erinnerung an den Holocaust, an die Verbrechen der NS-Herrschaft sehe ich gleich mehrfach in Gefahr“, mahnte er 80 Jahre nach der Befreiung am Dienstag in der Gedenkstätte des früheren Lagers Sandbostel.

Es reiche deshalb nicht, die Forderung „nie wieder ist heute“ aufzustellen, betonte Mohrs. „Für uns als Landesregierung ist es daher ein wichtiges Anliegen, die Arbeit der Gedenkstätten zu sichern, Forschung zu fördern und zivilgesellschaftliches Engagement zu unterstützen.“

Im niedersächsischen NS-Lager Sandbostel waren insgesamt mehr als 313.000 Kriegsgefangene aus über 55 Nationen interniert, darunter mehr als 70.000 Soldaten der Roten Armee. Tausende Gefangene starben an Hunger und Krankheiten. Noch kurz vor der Befreiung kamen rund 9.500 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme und seinen Außenlagern nach Sandbostel.

Der Stader Regionalbischof Hans Christian Brandy zitierte aus den Erinnerungen des ehemaligen Häftlings Robert Heins: „Tote und Kranke lagen oder krochen überall unter. Die Kameraden, die vor uns da waren, erzählten, dass sie seit ihrer Ankunft nicht zu essen gehabt hatten.“ Brandy unterstrich laut Manuskript: „Es gibt viele solche Berichte. Und es ist nötig, sie zu erinnern.“ Das gelte heute mehr denn je, betonte der evangelische Theologe. „Denn was wir an offener Infragestellung der Grundlagen und Grundwerte unserer Demokratie und unseres freiheitlichen Rechtsstaates erleben, das hat eine neue Qualität erreicht.“

Besonders unter den AfD-Anhängern sei der Wunsch verbreitet, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, sagte Brandy. „Wer eine demokratische, freiheitliche und offene Gesellschaft will, die sich ihrer historischen Verantwortung bewusst bleibt, kann diese Partei nicht wählen.“ Es sei vielmehr wichtig, insbesondere jungen Menschen gegenüber die Erinnerung wachzuhalten. Deshalb sei es gut, dass in Sandbostel in den vergangenen Jahrzehnten eine „vitale Erinnerungs- und Erzählkultur“ erstanden sei, durch die Gedenkstätte, die als „Friedensort“ auch von der hannoverschen Landeskirche gefördert werde.

Nach Angaben von Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann sind es auch Angehörige der damals inhaftierten Menschen in zahlreichen Ländern Europas, die bis heute die Erinnerung lebendig halten. Viele von ihnen hatten sich auch für die Gedenkveranstaltung angesagt.

"Steps to remember": 3.000 Menschen bei viertägigem Gedenkmarsch

Bremen, Sandbostel (epd). Insgesamt rund 3.000 Menschen haben sich nach Angaben der Organisatoren zwischen Donnerstag und Sonntag an einem viertägigen Gedenkmarsch von Bremen nach Sandbostel und dem Rahmenprogramm beteiligt. Dieser führte unter dem Motto „Steps to remember“ vom Denkort Bunker Valentin in Bremen-Farge bis zur niedersächsischen Gedenkstätte Lager Sandbostel, wie die Polizeidirektion Oldenburg am Dienstag mitteilte. Die Aktion erinnerte an den Todesmarsch tausender KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter vor 80 Jahren, die im April 1945 auf dieser Route von den Nationalsozialisten in das damalige Kriegsgefangenenlager Sandbostel getrieben wurden.

Hinter dem Gedenkmarsch, an dem sich zum Auftakt auch viele Schülerinnen und Schüler beteiligten, stand gemeinsam mit Polizei und Bundeswehr ein großes Bündnis von Kommunen, Institutionen, Einrichtungen und Vereinen. Initiatorin war Antje Schlichtmann, Leitende Polizeidirektorin der Polizeiinspektion Verden/Osterholz. „Wir freuen uns sehr und sind tief beeindruckt, dass so viele Menschen ein kraftvolles Zeichen für eine aktive Erinnerungskultur an die schrecklichen Ereignisse 'direkt vor der Haustür' gesetzt haben“, sagte sie. „Gemeinsam haben wir auf dem viertägigen Marsch neue Erinnerungen geschaffen und so dem Vergessen Einhalt geboten.“

Den Angaben zufolge beteiligten sich auch Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD), der Zeitzeuge Johann Dücker und Angehörige von KZ-Häftlingen wie die eigens dafür aus Australien angereiste Ilana McCorquodale. Insgesamt wurden auf der Strecke drei Stelen zur dauerhaften Erinnerung an den Todesmarsch eingeweiht, wie es hieß. Damit erinnern nun insgesamt 13 Stellen an den Todesmarsch von 1945.

Kurz vor Kriegsende wurden tausende Häftlinge aus Außenlagern des KZ Neuengamme im Wilhelmshavener und Bremer Raum auf einen Todesmarsch in das Kriegsgefangenenlager Sandbostel gezwungen, den sie am 10. April 1945 antraten. Hunderte starben unterwegs an Entkräftung oder wurden von den begleitenden Wachmannschaften ermordet. 1985 gab es anlässlich des 40. Jahrestages des Todesmarsches einen ersten Gedenkmarsch, an dem sich rund 60 Aktivisten beteiligten. Todesmärsche wie den von Bremen nach Sandbostel gab es 1945 in vielen Teilen Deutschlands. In Sandbostel sollte am Dienstagabend an die Befreiung des Lagers vor 80 Jahren erinnert werden.

Dieter Sell, Evangelischer Pressedienst (epd)