Ein Weihnachtsbild mit den gewohnten Beteiligten. Maria und das Kind, Josef und einer der Heiligen Drei Könige. Dazu einige Tiere. Auf den ersten Blick scheint dieses Bild der Geburt Christi, dieses Weihnachtsbild vertraut. Aber auf den zweiten Blick ist da doch eine gehörige Irritation. Was hat der Leipziger Künstler Michael Triegel da gemalt? Schwebt da wirklich eine Krone aus Tier- und Menschenschädeln über dieser Geburtsszene?
Im Auftrag des Würzburger Bistums ist dieses Altarbild vor gut zehn Jahren entstanden. Moderne Kunst im Stil eines Altmeisters wie Lucas Cranach oder Albrecht Dürer gemalt. Auch dies vielleicht irritierend. Aber genau das möchte Michael Triegel. Sein Weihnachtsbild lädt zum genauen Hinsehen ein:
Mein Blick bleibt beim Kind hängen. Schutzlos und bloß liegt es dort. Wie jedes Neugeborene hat es einen großen Kopf, dünne Ärmchen und einen gewölbten Bauch. Es ist ganz Mensch. Aber da ist dieses fast schon erwachsen wirkende Gesicht, der wache Blick und die rechte Hand, zum Segen erhoben. Segen für mich. Segen für diese Welt.
Auf einem weißen Tuch liegt das Kind. Eine Windel? Oder doch schon ein Hinweis auf ein Leichentuch? Denn das Tuch hängt am Kranz der Schädel. Leben und Tod – in diesem Kind so eng miteinander verbunden. Gottes Versprechen wird greifbar: „Siehe, ich mache alles neu! Gott wird abwischen alle Tränen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 5.4)
Für mich hat Triegel das große Geheimnis unseres christlichen Glaubens hier ins Bild gebracht: Jesus, ganz Mensch. Christus, Gottessohn. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott.
Das ganze Bild strahlt Klarheit und Geheimnis, Realität und Traum, Hell und Dunkel zugleich aus. „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. So beginnt das Johannes-Evangelium und so lesen wir es an Weihnachten in unseren Gottesdiensten. Hell und Dunkel. Klarheit und Geheimnis.
Für mich ist gerade dies der Zauber von Weihnachten. Klarheit und Licht bricht in unsere manchmal so dunkel scheinende Welt. Der allmächtige Gott kommt zu uns als ein Kind, zart und verletzlich.
Ich sehe Maria an. Das Blau ihres Mantels leuchtet und strahlt. Ihr Unterkleid ist weiß wie das Tuch, auf dem das Kind liegt. Ihre bloßen Füße ruhen auf dem rauen Holz des Stalls. Das Holz erinnert daran, dass diese Szene kein Traum ist, keine Illusion. Sondern dass sie sich dort abspielt, wo Menschen leben, leiden und hoffen.
Mit ihren Händen scheint Maria den knienden König einzuladen, sich ganz dem Neugeborenen zuzuwenden. Als wollte sie sagen: Öffne dein Herz. Lass dich finden und berühren vom Geheimnis dieser Geburt.
Gesammelt und in sich ruhend wirkt sie. Michael Triegel erzählt darüber, wie wichtig es ihm war, eine ganz normale Frau darzustellen. So wie er auf den ersten Blick einen normalen Säugling gemalt hat. Das Neugeborene seines Friseurs war ihm Modell. Als Maria saß ihm seine Tochter Elisabeth vor der Leinwand.
Maria und Elisabeth. Welch eigentümliche Paarung in diesem Bild. Die Begegnung der biblischen Maria mit ihrer Cousine Elisabeth, die ebenfalls schwanger ist und Johannes den Täufer zur Welt bringen wird, ist eine so sinnliche und zarte Geschichte der Verbundenheit zweier Frauen. Marias Lobgesang, den sie bei ihrem Besuch Elisabeths anstimmt, ist eines der zugleich revolutionärsten und sprachlich schönsten Lieder unserer Tradition: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1, 46-48.51-53)
Diese Kraft strahlt Maria aus – voller Gewissheit, dass dieses Kind gegen Unrecht und Gewalt angehen und die Welt verändern wird.
Mein Blick fällt auf Josef. Und sein Blick fällt auf mich. Er schaut direkt aus dem Bild heraus, mir in die Augen. Seine linke Hand stützt sich ein wenig auf Maria, seine Rechte ist ausgestreckt und weist auf das Geschehen über dem Kind: den eigentümlichen Schädel-Kranz. Josefs Blick scheint zu sagen: „Schau genau hin! Da ist dieser Kranz voller Tod. Aber inmitten des Kreises wächst ein Embryo. Das Leben bricht sich Bahn.“
Josefs Blick und sein Fingerzeig, sie enthalten eine Weihnachtsbotschaft: Unsere kranke Welt, in der so oft die Mächte des Todes regieren, braucht Heilung. In diesem Kind kommt Gott mitten in die Schrecken unseres Lebens. Das Dunkle löst sich nicht einfach auf, aber da ist eine andere Kraft am Werk, die stärker ist als die Finsternis.
Das feiern wir an Weinachten: Gott zeigt sich uns in diesem Neugeborenen mit seinem menschlichen Antlitz. So nah kommt Gott, dass unsere eigene Geschichte sich mit der Geschichte Gottes verbindet. In allem Schrecken, in aller Dunkelheit scheint Gottes Licht.
Ihnen und den Menschen, die Sie lieben, ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihre
Sabine Preuschoff
Regionalbischöfin für den Sprengel Stade