Weihnachtspredigt von Regionalbischöfin Sabine Preuschoff

Nachricht Stade, 27. Dezember 2025

Predigt zu Matthäus 1,(1-17)18-21(22-25), 2. Weihnachtstag, 26.12.2025, Wilhadi

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

„Es ist mir schon wichtig, mit den Kindern Weihnachten in die Kirche zu gehen,“ sagte mir die Frau im Taufgespräch. „Die sollen ja doch das Weihnachtsmärchen mit Maria und Josef erleben – das ist immer so nett.“

Was soll man da noch sagen? War es das, was die Kinder und Jugendlichen Heiligabend in der Christvesper aufgeführt haben? Ein nettes Märchen?

Mag sein, dass es für viele Menschen so ist. Weihnachten wird diese Geschichte wieder herausgeholt, abgestaubt und vorgespielt:

Die Geschichte von Maria und Josef, die nach Bethlehem ziehen und dort nur in einem Stall Unterschlupf finden. Von den Hirten und Sterndeutern, die von dem neu­geborenen König hören und zum Stall eilen, um das Kind zu sehen und zu begrüßen.

So kennen viele die Geschichte. Und für manche ist sie nach vielem Hören wohl bloß noch ein Märchen.

Die Weihnachtsbotschaft nach den Worten des Lukasevangeliums. Sie hat sich in den Köpfen und Herzen verselbstständigt. Sie ist angerei­chert durch unzählige Geschichten, Legenden und Bilder, die wir einmal gehört oder gesehen haben.

Sie ist auch ein Spiegel eigener Wünsche: nach einer heilen Familie, nach einem guten Stern, der uns leitet, nach dem Glauben der Hirten, nach Kindheit und Heimat und einer besseren Welt.

Unsere eigenen Sehnsüchte lassen uns die Ge­schichte vom Kind, vom Gotteskind anders hö­ren, als die Bibel sie erzählt. Aber unsere Sehnsucht ist das eine. Gottes Ankunft in der Welt ist das andere, das ganz an­dere.

Der Evangelist Matthäus braucht dazu nur weni­ge Worte. Er erzählt die Weihnachtsgeschichte ohne Dekoration. Und aus etwas anderer Per­spektive.

Ich lese das Evangelium – wie es bei Matthäus im 1. Kapitel (Mt 1,18-21.24) steht. Wir haben es als Lesung gehört. Ich lese es jetzt nach einer Übersetzung von Jörg Zink:

Die Umstände, unter denen Jesus zur Welt kam, waren ungewöhnlich. Seine Mutter Maria war einem Mann namens Joseph verlobt, und als Joseph sie heimholte, stellte sich, bevor die Ehe geschlossen war, heraus, dass sie schwanger war durch den heiligen Geist,

Joseph, ihr Mann, der ihr kein Leid zufügen wollte, mochte sie nicht vor Gericht ziehen (wie es damals Sitte war), gedachte aber, sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Während er mit diesem Gedanken umging, erschien ihm im Traum ein Bote Gottes und sprach ihn an: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Denke daran, Gott hat es schon durch einen Propheten ankündigen lassen: „Ein Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, dessen Name wird „Immanuel“ sein, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Als Joseph er­wachte, tat er, was ihm Gottes Bote befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er wohnte ihr aber nicht bei bis zur Ge­burt ihres Sohnes, dem Joseph den Namen „Jesus“ gab.

Matthäus berichtet aus der Perspektive des Jo­sef. Josef – oft eine Randfigur im Weihnachtsge­schehen.

Entweder steht er hinter Maria oder auf der anderen Seite der Krippe, bei den Hirten. Josef ist fast nur Sta­tist. Der Mann im Schatten, der große Schweiger. Unauffällig wie Ochs und Esel. Alles konzentriert sich auf Maria und das Kind.

Ein Erlebnis beim Aufstellen der Krippe in einer Kirche spiegelt das wieder:

„Hat einer von euch Josef gesehn? In der Weih­nachtskiste bei den Figuren ist er nicht.“ – „War der nicht letztes Jahr kaputt gegangen?“ – „Den hatten wir doch aussortiert. Astrid wollte ihn repa­rieren.“ -

„Aber die ist nicht da, - so was Blödes“ – „Macht doch nichts. Hauptsache, Maria ist da. Und das Kind natürlich. Nimm doch einfach einen Hirten. Dass Josef nicht da ist, fällt eh keinem auf.“

Bei Matthäus ist das anders. Bei ihm spielt Josef eine Hauptrolle.

Ein Kind wird geboren. Ein besonderes Kind. In ihm ist Gott bei uns. In diesem Kind ist Gott mit uns. Sein Name ist Programm: Jesus, hebräisch je­schua - Gott rettet. Das ist die uralte, immer wie­der neue Botschaft von Weihnachten.

Matthäus geht als Evangelist weit zurück an den Anfang: er berichtet zunächst von einem langen Stammbaum über drei mal vierzehn Generatio­nen (das habe ich nicht verlesen), Vorfahren, Väter und Mütter, die das Kind einbinden in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.

Auf Abraham und David führt Matthäus Josefs Abstammung zurück, auf den Urvater Israels, mit dem Gott Besonderes vorhat. Und auf den von Gott erwählten und durch seinen Propheten ge­salbten König.

Das Gotteskind hat auch eine Mutter, erzählt Matthäus, eine junge Frau: Maria. Aber weil es ein besonderes, eben ein Gotteskind ist, darum liegt über seiner Geburt ein Geheimnis.

Maria war schwanger von dem heiligen Geist, so heißt es. Wie soll das gehen – fragt sich der aufgeklärte Mensch von heute?

Ein Blick in die Geschichte Gottes mit den Men­schen zeigt: Wenn Gott ein neues Kapitel auf­schlägt, dann haben Frauen in Israels Geschich­te – gegen alle Wahrscheinlichkeit von Biologie oder Moral – Söhne zur Welt gebracht:

Sarah gebiert in hohem Alter Isaak, eine namen­lose unfruchtbare Frau den Richter Simson, Hannah, die so verzweifelt auf ein Kind wartete, bringt Samuel zur Welt und die altgewordene Eli­sabeth jubelt über Johannes, den späteren Täufer.

Besondere Umstände, besondere Kinder, beson­dere Gestalten in der Geschichte des Gottesvol­kes. Für den, der bereit ist, sich für Geheimnisse zu öffnen, ist die Botschaft eindeutig:

Da ist Gott selbst am Werk, der Schöpfer, der aus dem Nichts und sogar aus dem Tod neues Leben rufen kann.

„Schwanger vom Heiligen Geist“. Für unsere neuzeitlichen Ohren klingt das irri­tierend. Für Matthäus ist es aber eine Möglich­keit, ein unbegreifliches, unfassbares Wunder auszudrücken:

Hier ist wirklich Gott selbst im Spiel. Was das heißt, ist keine Frage der Biologie, sondern der Theologie. Es wird deutlich: In diesem Kind ist Gott prä­sent, der Schöpfer, der Retter und Bewahrer.

Maria, seine Mutter, erlebt das eigentlich Unmög­liche am eigenen Leib. Sie spürt die Veränderun­gen, die Bewegungen des in ihr wachsenden Le­bens.

Und macht uns damit Mut: Bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn ich keine Möglichkeiten, keine Perspektiven mehr sehe für mein Leben, dann kann Gott an mir handeln und mich neu aufstellen. Ja, er kann Wunder an mir tun.

Aber was ist mit Josef? Er versteht nicht, er kann auch nicht verstehen, was da passiert:

Schande, Vertrauensbruch. Seine Frau ist schwanger – aber nicht von ihm. Was da geschehen ist, ist verletzend und tut weh. Und schreit in der damaligen Welt förmlich nach Rache und öffentlicher Blo­ßstellung.

Man stelle sich das einmal vor: die Verlobte ist plötzlich schwanger, ohne dass Mann sich selbst erklären könnte, von wem. Ein Kuckuckskind. „Für das bin ich nicht verantwortlich.“ Und so will sich Josef aus der Verantwortung stehlen.

Wie oft erleben wir so etwas: Da bin ich plötzlich vor eine Aufgabe gestellt, von der ich glaube, sie nicht lösen zu können:

Eine schwierige, scheinbar unlösbare Situation im Berufsleben. Ein Konflikt im Freundeskreis. Eine schwere Krankheit, die alle Zukunftspläne zunichte zu machen scheint.

Ich stehe davor und würde am liebsten davonlaufen; mich aus der Verantwortung stehlen. So wie Josef.

Aber das ist nicht Gottes Weg. Und darum greift Er wieder ein. Im Schlaf zeigt er Josef, was der tun soll. Ein Bote Gottes erscheint ihm im Traum. Er hat den Auftrag, Josef über Gottes Willen aufzuklären.

Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.

Das also ist Gottes Weg in die Welt: ein Kind, sein Kind. Das Gotteskind soll nicht heimlich ge­boren werden, sondern eine Familie haben, ei­nen Stammbaum mit Wurzeln, die weit in die Ge­schichte reichen bis zu David, bis zu Abraham. Gott verbindet sich so mit seinem Volk.

Und auch sein Name knüpft an das an, was schon vor ihm war: Jesus, Gott rettet, soll das Kind heißen.

Damit ist alles Entscheiden­de gesagt. In diesem Kind, im Gotteskind hat Gott wahr gemacht, was er versprochen hat. Er überlässt die Welt nicht sich selbst, sondern mischt sich ein, so wie er sich immer schon in die Geschichte seines Volkes eingemischt hat und für sein Volk da war.

Da braucht es weder Stall noch Krippe, weder den Jubel der Engel noch das Staunen der Hir­ten. Ein Kind wird geboren, das verkündet: Gott rettet. Das ist Weihnachten pur, in nüchternen Worten beschrieben.

Und was ist mit uns? Wo bleiben wir in dieser Geschichte, wir mit unserer Sehnsucht, unseren Wünschen, unserem manchmal schwankenden, oft matten Glauben? Wir mit unseren Zweifeln und unserer Hoffnung?

Matthäus macht es uns nicht leicht. Weihnachten pur – ohne Engelschor, ohne Stall und Hirten: Jesus, Gott rettet, wird gebo­ren und ist so mitten unter uns.

Wir können das glauben oder ablehnen, bestau­nen oder belächeln. Wir können das für Unsinn halten oder zur Basis unseres Lebens machen. Wir können das ignorieren oder uns davon be­rühren lassen.

Was also tun wir? Von Josef können wir lernen, mit „Weihnachten pur“ umzugehen. Als Josef hört, was geschehen ist, denkt er zunächst einmal ganz menschlich: Das Kind ist nicht von mir; ich wurde betrogen, also werde ich diese Frau verlassen.

Aber dann lässt er sich doch an­sprechen, lässt sich berühren. Er hört auf einen Traum, er ist offen für eine an­dere Wirklichkeit als die, die nur sein Verstand ihm erschließt. Er ist bereit, die Wirklichkeit – gegen allen Augenschein – im Licht Gottes zu sehen. Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.

Am Ende lässt er sich vertrauensvoll und gehor­sam ein auf das, was Gott von ihm will: „Er tat, wie ihm der Bote des Herrn befohlen hatte“. Josef ist damit nicht mehr der Schattenmann, sondern Lichtgestalt.

Am Heiligabend ertönten die Stimmen der Engel: Friede auf Erden! Und in manchen Ohren klingt es auch heute wie­der wie Hohn. Vielen würde ja schon mal Friede in der Familie reichen.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Israel und Gaza, in Afghanistan, in Somalia. „Wo ist der Friede?“ fragen die Men­schen in den vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt.

„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Deutschland, die auf der Straße leben, weil sie keiner haben will. „Wo ist denn der Friede?“ fragen die Menschen, die unter Einsamkeit leiden, die Gewalt erfahren – in der Schule, in der Ehe, durch die Eltern.

Gott sagt uns: Der Friede kommt auf die Welt wie ein Kind, und dann müsst ihr ihn großziehen.

Du. Der du dich immer gerne raushältst. Du hast ab heute die Hauptrolle. Dich braucht Gott, damit Frieden auf der Welt werden kann.

Deinen Mut braucht er und deinen Glauben. Durch dich versucht Gott, der Welt zu helfen. Durch dich soll der Frieden kommen. In deine Familie und in dein Land und in deine Welt.

Der Frieden kommt nicht einfach wie Regen vom Himmel. Er muss erst noch geboren werden. Du brauchst ihn nicht zu machen. - Das konnte Josef auch nicht. Du brauchst nur die Rolle an­zunehmen, die Gott dir geben will:

Ganz einfach im richtigen Moment nicht auf die anderen hören, sondern das tun, was dir die Lie­be ins Ohr flüstert. Was Gott dir sagt. Denken, Hören, sich berühren lassen und dann: sich auf Gott einlassen und gegebenenfalls die vertrauten Pfade verlassen.

Und Gottes Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Sabine Preuschoff, Regionalbischöfin für den Sprengel Stade