Predigt zu Matthäus 1,(1-17)18-21(22-25), 2. Weihnachtstag, 26.12.2025, Wilhadi
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.
„Es ist mir schon wichtig, mit den Kindern Weihnachten in die Kirche zu gehen,“ sagte mir die Frau im Taufgespräch. „Die sollen ja doch das Weihnachtsmärchen mit Maria und Josef erleben – das ist immer so nett.“
Was soll man da noch sagen? War es das, was die Kinder und Jugendlichen Heiligabend in der Christvesper aufgeführt haben? Ein nettes Märchen?
Mag sein, dass es für viele Menschen so ist. Weihnachten wird diese Geschichte wieder herausgeholt, abgestaubt und vorgespielt:
Die Geschichte von Maria und Josef, die nach Bethlehem ziehen und dort nur in einem Stall Unterschlupf finden. Von den Hirten und Sterndeutern, die von dem neugeborenen König hören und zum Stall eilen, um das Kind zu sehen und zu begrüßen.
So kennen viele die Geschichte. Und für manche ist sie nach vielem Hören wohl bloß noch ein Märchen.
Die Weihnachtsbotschaft nach den Worten des Lukasevangeliums. Sie hat sich in den Köpfen und Herzen verselbstständigt. Sie ist angereichert durch unzählige Geschichten, Legenden und Bilder, die wir einmal gehört oder gesehen haben.
Sie ist auch ein Spiegel eigener Wünsche: nach einer heilen Familie, nach einem guten Stern, der uns leitet, nach dem Glauben der Hirten, nach Kindheit und Heimat und einer besseren Welt.
Unsere eigenen Sehnsüchte lassen uns die Geschichte vom Kind, vom Gotteskind anders hören, als die Bibel sie erzählt. Aber unsere Sehnsucht ist das eine. Gottes Ankunft in der Welt ist das andere, das ganz andere.
Der Evangelist Matthäus braucht dazu nur wenige Worte. Er erzählt die Weihnachtsgeschichte ohne Dekoration. Und aus etwas anderer Perspektive.
Ich lese das Evangelium – wie es bei Matthäus im 1. Kapitel (Mt 1,18-21.24) steht. Wir haben es als Lesung gehört. Ich lese es jetzt nach einer Übersetzung von Jörg Zink:
Die Umstände, unter denen Jesus zur Welt kam, waren ungewöhnlich. Seine Mutter Maria war einem Mann namens Joseph verlobt, und als Joseph sie heimholte, stellte sich, bevor die Ehe geschlossen war, heraus, dass sie schwanger war durch den heiligen Geist,
Joseph, ihr Mann, der ihr kein Leid zufügen wollte, mochte sie nicht vor Gericht ziehen (wie es damals Sitte war), gedachte aber, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
Während er mit diesem Gedanken umging, erschien ihm im Traum ein Bote Gottes und sprach ihn an: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.
Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.
Denke daran, Gott hat es schon durch einen Propheten ankündigen lassen: „Ein Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, dessen Name wird „Immanuel“ sein, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“
Als Joseph erwachte, tat er, was ihm Gottes Bote befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er wohnte ihr aber nicht bei bis zur Geburt ihres Sohnes, dem Joseph den Namen „Jesus“ gab.
Matthäus berichtet aus der Perspektive des Josef. Josef – oft eine Randfigur im Weihnachtsgeschehen.
Entweder steht er hinter Maria oder auf der anderen Seite der Krippe, bei den Hirten. Josef ist fast nur Statist. Der Mann im Schatten, der große Schweiger. Unauffällig wie Ochs und Esel. Alles konzentriert sich auf Maria und das Kind.
Ein Erlebnis beim Aufstellen der Krippe in einer Kirche spiegelt das wieder:
„Hat einer von euch Josef gesehn? In der Weihnachtskiste bei den Figuren ist er nicht.“ – „War der nicht letztes Jahr kaputt gegangen?“ – „Den hatten wir doch aussortiert. Astrid wollte ihn reparieren.“ -
„Aber die ist nicht da, - so was Blödes“ – „Macht doch nichts. Hauptsache, Maria ist da. Und das Kind natürlich. Nimm doch einfach einen Hirten. Dass Josef nicht da ist, fällt eh keinem auf.“
Bei Matthäus ist das anders. Bei ihm spielt Josef eine Hauptrolle.
Ein Kind wird geboren. Ein besonderes Kind. In ihm ist Gott bei uns. In diesem Kind ist Gott mit uns. Sein Name ist Programm: Jesus, hebräisch jeschua - Gott rettet. Das ist die uralte, immer wieder neue Botschaft von Weihnachten.
Matthäus geht als Evangelist weit zurück an den Anfang: er berichtet zunächst von einem langen Stammbaum über drei mal vierzehn Generationen (das habe ich nicht verlesen), Vorfahren, Väter und Mütter, die das Kind einbinden in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.
Auf Abraham und David führt Matthäus Josefs Abstammung zurück, auf den Urvater Israels, mit dem Gott Besonderes vorhat. Und auf den von Gott erwählten und durch seinen Propheten gesalbten König.
Das Gotteskind hat auch eine Mutter, erzählt Matthäus, eine junge Frau: Maria. Aber weil es ein besonderes, eben ein Gotteskind ist, darum liegt über seiner Geburt ein Geheimnis.
Maria war schwanger von dem heiligen Geist, so heißt es. Wie soll das gehen – fragt sich der aufgeklärte Mensch von heute?
Ein Blick in die Geschichte Gottes mit den Menschen zeigt: Wenn Gott ein neues Kapitel aufschlägt, dann haben Frauen in Israels Geschichte – gegen alle Wahrscheinlichkeit von Biologie oder Moral – Söhne zur Welt gebracht:
Sarah gebiert in hohem Alter Isaak, eine namenlose unfruchtbare Frau den Richter Simson, Hannah, die so verzweifelt auf ein Kind wartete, bringt Samuel zur Welt und die altgewordene Elisabeth jubelt über Johannes, den späteren Täufer.
Besondere Umstände, besondere Kinder, besondere Gestalten in der Geschichte des Gottesvolkes. Für den, der bereit ist, sich für Geheimnisse zu öffnen, ist die Botschaft eindeutig:
Da ist Gott selbst am Werk, der Schöpfer, der aus dem Nichts und sogar aus dem Tod neues Leben rufen kann.
„Schwanger vom Heiligen Geist“. Für unsere neuzeitlichen Ohren klingt das irritierend. Für Matthäus ist es aber eine Möglichkeit, ein unbegreifliches, unfassbares Wunder auszudrücken:
Hier ist wirklich Gott selbst im Spiel. Was das heißt, ist keine Frage der Biologie, sondern der Theologie. Es wird deutlich: In diesem Kind ist Gott präsent, der Schöpfer, der Retter und Bewahrer.
Maria, seine Mutter, erlebt das eigentlich Unmögliche am eigenen Leib. Sie spürt die Veränderungen, die Bewegungen des in ihr wachsenden Lebens.
Und macht uns damit Mut: Bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn ich keine Möglichkeiten, keine Perspektiven mehr sehe für mein Leben, dann kann Gott an mir handeln und mich neu aufstellen. Ja, er kann Wunder an mir tun.
Aber was ist mit Josef? Er versteht nicht, er kann auch nicht verstehen, was da passiert:
Schande, Vertrauensbruch. Seine Frau ist schwanger – aber nicht von ihm. Was da geschehen ist, ist verletzend und tut weh. Und schreit in der damaligen Welt förmlich nach Rache und öffentlicher Bloßstellung.
Man stelle sich das einmal vor: die Verlobte ist plötzlich schwanger, ohne dass Mann sich selbst erklären könnte, von wem. Ein Kuckuckskind. „Für das bin ich nicht verantwortlich.“ Und so will sich Josef aus der Verantwortung stehlen.
Wie oft erleben wir so etwas: Da bin ich plötzlich vor eine Aufgabe gestellt, von der ich glaube, sie nicht lösen zu können:
Eine schwierige, scheinbar unlösbare Situation im Berufsleben. Ein Konflikt im Freundeskreis. Eine schwere Krankheit, die alle Zukunftspläne zunichte zu machen scheint.
Ich stehe davor und würde am liebsten davonlaufen; mich aus der Verantwortung stehlen. So wie Josef.
Aber das ist nicht Gottes Weg. Und darum greift Er wieder ein. Im Schlaf zeigt er Josef, was der tun soll. Ein Bote Gottes erscheint ihm im Traum. Er hat den Auftrag, Josef über Gottes Willen aufzuklären.
Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn um ihr Kind ist das Geheimnis Gottes und seines schöpferischen Geistes.
Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du „Jesus“ nennen, das heißt „Gott rettet“, Denn er wird seinem Volk helfen, das so tief in Schuld verstrickt ist.
Das also ist Gottes Weg in die Welt: ein Kind, sein Kind. Das Gotteskind soll nicht heimlich geboren werden, sondern eine Familie haben, einen Stammbaum mit Wurzeln, die weit in die Geschichte reichen bis zu David, bis zu Abraham. Gott verbindet sich so mit seinem Volk.
Und auch sein Name knüpft an das an, was schon vor ihm war: Jesus, Gott rettet, soll das Kind heißen.
Damit ist alles Entscheidende gesagt. In diesem Kind, im Gotteskind hat Gott wahr gemacht, was er versprochen hat. Er überlässt die Welt nicht sich selbst, sondern mischt sich ein, so wie er sich immer schon in die Geschichte seines Volkes eingemischt hat und für sein Volk da war.
Da braucht es weder Stall noch Krippe, weder den Jubel der Engel noch das Staunen der Hirten. Ein Kind wird geboren, das verkündet: Gott rettet. Das ist Weihnachten pur, in nüchternen Worten beschrieben.
Und was ist mit uns? Wo bleiben wir in dieser Geschichte, wir mit unserer Sehnsucht, unseren Wünschen, unserem manchmal schwankenden, oft matten Glauben? Wir mit unseren Zweifeln und unserer Hoffnung?
Matthäus macht es uns nicht leicht. Weihnachten pur – ohne Engelschor, ohne Stall und Hirten: Jesus, Gott rettet, wird geboren und ist so mitten unter uns.
Wir können das glauben oder ablehnen, bestaunen oder belächeln. Wir können das für Unsinn halten oder zur Basis unseres Lebens machen. Wir können das ignorieren oder uns davon berühren lassen.
Was also tun wir? Von Josef können wir lernen, mit „Weihnachten pur“ umzugehen. Als Josef hört, was geschehen ist, denkt er zunächst einmal ganz menschlich: Das Kind ist nicht von mir; ich wurde betrogen, also werde ich diese Frau verlassen.
Aber dann lässt er sich doch ansprechen, lässt sich berühren. Er hört auf einen Traum, er ist offen für eine andere Wirklichkeit als die, die nur sein Verstand ihm erschließt. Er ist bereit, die Wirklichkeit – gegen allen Augenschein – im Licht Gottes zu sehen. Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.
Am Ende lässt er sich vertrauensvoll und gehorsam ein auf das, was Gott von ihm will: „Er tat, wie ihm der Bote des Herrn befohlen hatte“. Josef ist damit nicht mehr der Schattenmann, sondern Lichtgestalt.
Am Heiligabend ertönten die Stimmen der Engel: Friede auf Erden! Und in manchen Ohren klingt es auch heute wieder wie Hohn. Vielen würde ja schon mal Friede in der Familie reichen.
„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Israel und Gaza, in Afghanistan, in Somalia. „Wo ist der Friede?“ fragen die Menschen in den vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt.
„Wo ist denn der Friede?“ fragen die Kinder in Deutschland, die auf der Straße leben, weil sie keiner haben will. „Wo ist denn der Friede?“ fragen die Menschen, die unter Einsamkeit leiden, die Gewalt erfahren – in der Schule, in der Ehe, durch die Eltern.
Gott sagt uns: Der Friede kommt auf die Welt wie ein Kind, und dann müsst ihr ihn großziehen.
Du. Der du dich immer gerne raushältst. Du hast ab heute die Hauptrolle. Dich braucht Gott, damit Frieden auf der Welt werden kann.
Deinen Mut braucht er und deinen Glauben. Durch dich versucht Gott, der Welt zu helfen. Durch dich soll der Frieden kommen. In deine Familie und in dein Land und in deine Welt.
Der Frieden kommt nicht einfach wie Regen vom Himmel. Er muss erst noch geboren werden. Du brauchst ihn nicht zu machen. - Das konnte Josef auch nicht. Du brauchst nur die Rolle anzunehmen, die Gott dir geben will:
Ganz einfach im richtigen Moment nicht auf die anderen hören, sondern das tun, was dir die Liebe ins Ohr flüstert. Was Gott dir sagt. Denken, Hören, sich berühren lassen und dann: sich auf Gott einlassen und gegebenenfalls die vertrauten Pfade verlassen.
Und Gottes Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Sabine Preuschoff, Regionalbischöfin für den Sprengel Stade