Das Pfingstwunder

Nachricht Stade, 25. Mai 2026

Predigt von Regionalbischöfin Sabine Preuschoff am Pfingstsonntag

Apostelgeschichte 2, 1-21

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Viele Menschen. Viele Stimmen. Viele Sprachen und Gedanken. Hier im Raum. In der Stadt. Im Umland – und darüber hinaus.

Muttersprache. Alltagssprache. Die Sprache, in der Menschen träumen. Die Sprache von Kleinkindern mit ihren Eltern. Ein Brabbeln, was keiner sonst versteht. Die Sprache der älteren Kinder und Jugendlichen in der Schule, die die Erwachsenen oft nicht verstehen. „Checkst Du? Das crazy.“

Und dann, wenn aus Eltern Alte werden. Wenn die verstehbare Sprache uns verlässt; und die Vergesslichkeit oder gar die Demenz alles verändert.

Viele Menschen. Viele Stimmen. Viele Sprachen. Und mittendrin: ein Moment, in dem plötzlich etwas kippt. Nicht, weil alle gleich werden. Sondern, weil alle einander verstehen.

Pfingsten beginnt nicht mit Einigkeit. Sondern mit Vielfalt. ---

Ein besonderes Wochenende. Geburtstag der Kirche. Geburtstag des Grundgesetzes. In diesem Jahr beides an einem Wochenende: gestern am 23.5. das Grundgesetz und heute Pfingsten. Zwei Gründe zum Feiern.

Lässt sich auch ein gemeinsames Fest daraus machen? Oder sollten wir uns lieber auf das Geistliche besinnen und das Geschehen in unserem Land aus interessierter Distanz beobachten?

Eine Frage, die ich immer wieder höre: Ist es Aufgabe der Kirche, sich für die Demokratie einzusetzen?

Als evangelische Kirche haben wir eine ganze Zeit gebraucht, um uns mit der Demokratie in unserem Lande anzufreunden. Wir waren nicht vorne dabei, als sich die Einsicht durchsetzte, dass die Demokratie für uns die beste Staatsform sei.

Erst 1985 erklang ein ganz klares „Ja“ der EKD zum demokratischen Staat. So hieß es in der sogenannten Demokratiedenkschrift:

„Für Christen ist es wichtig zu erkennen, dass die Grundgedanken, aus denen heraus ein demokratischer Staat seinen Auftrag wahrnimmt, eine Nähe zum christlichen Menschenbild aufweisen. Nur eine demokratische Verfassung kann heute der Menschenwürde entsprechen […].“[1]

Nach den entsetzlichen Verbrechen des Nationalsozialismus, die auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit beruhten, definierten die Mütter und Väter des Grundgesetzes das Volk als (griech.) „demos“, also als Staatsvolk, in dem alle Staatsbürger:innen die gleichen Rechte haben – unabhängig von ihren ethnischen Wurzeln. Einheit in Vielfalt.

Kerneinsicht des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ganz unabhängig davon, wo ein Mensch herkommt, was er glaubt oder wen er liebt – die Würde gilt uns allen.

In vielen niedersächsischen Kirchengemeinden und weit darüber hinaus hängen bald wieder Banner mit den Worten „Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt“.

Der Bezug zur Menschenwürde kann durchaus auch als kirchliches Bekenntnis zu unserem Grundgesetz verstanden werden.

Und mit Blick auf die Nächstenliebe als explizit christliche Kategorie sage ich klar: sie kennt keine Unterscheidung danach, wer der oder die Nächste ist.  

Nächstenliebe hat keine Abstufungen und meint nicht nur geographisch nahe Menschen.[2] Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt sind für alle da! ---

Doch wie passt all das zu Pfingsten? Nach Christi Himmelfahrt gibt es erneut einen Zwischenraum, eine Phase des Wartens und der Unsicherheit – ähnlich wie am Karsamstag:

Jesus ist nicht mehr da. Die, die ihm nachfolgten, sitzen alle zusammen. Hinter Türen. Zwischen Hoffnung und Angst. Dann ein Geräusch wie Sturm. Nicht draußen. Sondern im Haus. Gottes Geist kommt. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Sondern wie Wind, der Fenster aufreißt. Feuerflammen über den Köpfen.

Ein Brausen wie ein Sturm. Gastgeber und Gastnehmer werden plötzlich eins. Gäste des Geistes Gottes. Ein Feuer über Köpfe – und doch nicht über sie hinweg. Ein Feuer, das seinen Weg findet. Entzündet. Entfacht.

Und dann Worte. Viele Sprachen. Stimmen. Parther. Meder. Elamiter. Menschen aus aller Welt. Und alle hören dieselbe Botschaft. Ihre Sprache trennt sie nicht. Der Geist verbindet sie. Die Angst vergeht. Die Türen öffnen sich.

Gottes Geist tut, was Menschen allein nicht schaffen:

Pfingsten ist ein Beteiligungsereignis mit einer klaren, wenn auch weiten Zielgruppe: „Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch.“

Nicht auf einige. Nicht auf die Richtigen an den funktionierenden Schaltstellen. Nicht auf die Lauten und Mächtigen, die vorne in der ersten Reihe stehen. Sondern auf alle.

Menschen aus unterschiedlichen Völkern und mit unterschiedlichen Sprachen können einander plötzlich verstehen – ohne dass ihre Unterschiede aufgegeben werden, was Herkunft, sozialer und geographischer Kontext, was ihre Sprache angeht. Sie verstehen einander trotz und in ihrer Verschiedenheit.[3]

Gott macht Verschiedenheit verständlich. Damit beginnt die Kirche. Wo das geschieht, weht Gottes Geist

Wir leben in einer Zeit multipler Krisen. Stapelkrisen: wachsendes Misstrauen in unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, ein Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte – weltweit und auch in Deutschland – sowie eine anhaltende Wirtschaftskrise, die zunehmend spürbar wird.

Und gerade in solchen Krisenzeiten werden Schuldige gesucht und Menschengruppen ausgegrenzt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Einsicht zu verteidigen, gilt heute mehr denn je.

Und Gottes Geist schafft eindrucksvoll Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit und sieht zugleich den Einzelnen. ---

In unserem Land und in der Kirche feiern wir an diesem Wochenende also, dass Verständigung und Zusammenhalt trotz Unterschiedlichkeit und Vielfalt möglich sind.

Kirche und Demokratie sind kein Zustand. Sie funktionieren nicht von selbst. Sie laufen nicht einfach weiter – wie eine Maschine. Sie geben ihren Geist auf, wenn sie nicht gepflegt werden.

Das Onlinemedium „Perspective Daily“ hat im vergangenen Jahr in einer Reportage vier Pastorinnen aus Brandenburg porträtiert, denen es gelingt, im stark säkularisierten Umfeld und in Regionen, in denen die AfD teils über 30 % Zustimmung erhält, neues Vertrauen aufzubauen und Räume der Verständigung zu schaffen.[4] Ein Beispiel:

Simone Lippmann-Marsch fällt auf. Tattoos, Piercings, Motorradstiefel: Die 42-jährige entspricht nicht dem Bild, das viele von einer evangelischen Pfarrerin haben. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Für sie bedeutet Kirche: „Raus aus den Mauern, rein ins Leben.“

„Ich predige nicht, um Wohlfühlstimmung zu verbreiten. Ich predige, weil ich an eine Hoffnung glaube, die sich nicht in Sonntagsfloskeln versteckt.“

Sie engagiert sich gegen Rassismus, für queere Sichtbarkeit, gegen rechte Hetze. Das empfinden manche als ›zu politisch‹. „Für mich ist das eine geistliche Haltung.“ Sagt sie. „Wenn ich mir anschaue, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, dann sehe ich keine Kirche mit Einlasskontrolle. Ich sehe Begegnung, Neugier, Provokation.“

In ihren Predigten meidet sie Floskeln, stellt Fragen, benennt Missstände. Und Menschen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, kommen zurück. Aus Interesse, weil sie gesellschaftliche Themen direkt anspricht. Es entstehen Räume zum Gespräch. Perspektivwechsel.

Nachfolge Jesu bedeutet für die Pastorin: Kirche ist da, wo Menschen sind. Und es braucht ein Hören darauf, wo Gottes Geist weht.

Das Entscheidende passiert also beim Hören. Parther, Meder, Elamiter und die Menschen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Phrygien, Pamphylien, Ägypten, der Gegend von Kyrene in Libyen etc. Die ganze Welt damals.

Heute müssten wir 195[5] Staaten aufzählen. Viele Menschen. Stimmen. Sprachen. Und mittendrin: Ein Moment, in dem plötzlich etwas kippt. Nicht, weil alle gleich werden. Sondern, weil alle einander verstehen und zuhören. Wissen, woher sie kommen, und ahnen, wozu sie da sind.

Pfingsten beginnt nicht mit Einigkeit. Sondern mit Vielfalt. Und in der Vielfalt den anderen zu hören.

Demokratie und Kirche – beide haben die Aufgabe, immer neu zu lernen, die richtigen Töne und Worte zu treffen. Gottesbilder sind vielfältig. Stadtbilder auch. Sie sind komplex. Sie haben ihre Gründe, und sie haben ihre Abgründe. Nur eines sind sie nicht: Orte für plumpe Propaganda und Schwarz-Weiß-Malereien von Gottes Angesicht und der Menschen Alltag.

Wenn deine und meine Stimme Gewicht und Respekt bekommen, so verschieden sie sind, dann entstehen daraus Verständigungsorte. ---

Wenn Menschen sich verstehen, dann gefällt das nicht allen. Weil es die Macht anderer gefährdet. Die Macht der Populisten. Die Macht derer, die spalten wollen.

Sie spotten und verhöhnen – schon damals: „Sie sind voll von süßem Wein.“

Die Gemeinschaft der Kirche und der Demokrat:innen ist fragil. Sowohl in ihren Häusern als auch vor den Häusern; auf den Straßen; in den Winkeln und Ecken und Hintergedanken bei denen, die die Demokratie nutzen, um undemokratisch zu sein.

Das bringt die, die an der Einheit und am Miteinander arbeiten, an Grenzen. Führt Ängste zu Tage. Und ich erkenne:

Pfingsten bleibt Gabe. Demokratie bleibt Aufgabe. Beide gehören zusammen. Was Gott ermöglicht, wird der Mensch gestalten. Systeme wie Kirchen und Demokratien werden lebendig, weil Menschen Verantwortung übernehmen.

Pfingsten öffnet mir eine Tür. Nicht in eine fertige Welt. Sondern in meine Mündigkeit: dass Menschen einander verstehen können.

Mein Weg mit dieser Kirche und mein Weg in dieser Demokratie ist der Versuch, durch diese Tür hindurchzugehen.

Hinhören – Mitdenken – Mittragen. So singen, feiern, beten wir Gottesdienste. Und manchmal muss es auch das sein: Aufstehen – Widersprechen – Aushalten. So ist Gottesdienst im Alltag und auf der Straße. 

Am Ende hat weder die Kirche noch die Demokratie ewige Garantie. Das ist eine Absage an die menschliche Macht. Sicher sind wir nicht, wer wen richtig anruft. Das bleibt Gottes Sache. Und wir haben den Auftrag, die Zukunft jetzt zu gestalten.

Wie Bischof Heiner Wilmer beim Katholikentag in seiner Predigt sagte: Wartet nicht, zögert nicht, schaut hin, packt an, geht los, hab Mut, steh auf!

Und dann geschieht es: Wir beieinander. Begeistert. Beteiligt. Wir verstehen. Wir hören zu. Es ist Pfingsten. Wir sprechen mit einer Stimme: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Da beginnt das, was ich, Mensch, brauche: beteiligt begeistert beieinander sein. Für die Kirche. Für die Demokratie. Es sind zwei. Und vielleicht wirkt doch ein Geist…

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt nach einer Idee von Lars Hillebold

 

[1] „…Das ist bei aller Unsicherheit in der Auslegung von Verfassungsprinzipien und bei allem Streit um deren politische Gestaltung festzuhalten.“ Vgl. Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und

Aufgabe, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/evangelische_kirche_und_freiheitliche_demokratie_1985.pdf, 14.

[2] Sie ist im Kontext des sogenannten christlichen Nationalismus entstanden und wird etwa vom US‑amerikanischen Politiker J. D. Vance vertreten.

[3] Frank Thomas Brinkmann / Hans Martin Gutmann, Ad io Jada, in: Predigtstudien, Perikopenreihe II, Zweiter Halbband, hrsg. von Birgit Weyel, Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann u. a., Freiburg 2026, 48.

[4] Vgl. Ulrike Butmaloiu, Mit Techno, Punk und Bier: Wie 4 Pfarrerinnen in der »Problemzone« Brandenburg das Vertrauen zurückgewinnen, https://perspective-daily.de/article/3985-mit-techno-punk-und-bier-wie-4-pfarrerinnen-in-der-problemzone-brandenburg-das-vertrauen-zurueckgewinnen/probiere

[5] Inkl. Vatikan und Palästina; ohne sie 193