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Nachricht Harsefeld, 29. Mai 2026

Kunterbunte Familienzeit in Harsefeld für mehr Nachbarschaft

Wer gute Nachbarschaft pflegt, hat nicht nur selbst ein besseres Leben. Eine Kirchengemeinde im Landkreis Stade praktiziert das seit Jahren – und wurde jüngst dafür ausgezeichnet.

Für einen skrupellosen Geldeintreiber sieht der Junge mit der Brille wirklich überaus freundlich aus. Noël klettert artistisch auf das hölzerne Gerüst im Zentrum des großzügigen Spielplatzes am Wischfeld, umgeben von Häusern, die allesamt offenbar erst seit wenigen Jahren hier stehen. Der Achtjährige hat nur Augen für ein Mädchen im roten Mantel: Marie, knapp drei Jahre alt, spielt mit großer Überzeugung den Sohn Gottes. Und während sie zahlreiche andere Kinder samt Eltern um das Spielgerüst führt, mimt Noël weiter den Zöllner Zachäus, der einen Blick auf Jesus erhaschen will. Anders als in der Bibel klettert der Harsefelder Zachäus am Ende der Geschichte allerdings nicht vom Baum. Er rutscht viel lieber elegant in den Sand.

Es war - sagt Initiatorin Miriam Schäfer von der lokalen Kirchengemeinde in Harsefeld - eine ganz schlichte Erkenntnis, die sie mit zahlreichen Ehrenamtliche auf den Spielplatz im Neubaugebiet Am Redder geführt hat: „Allein mit einem Gottesdienst im Kirchgebäude erreicht man die Leute nicht.“ Dass heute wie selbstverständlich regelmäßig Familien an verschiedenen Orten im Neubaugebiet gemeinsam singen, Kinder basteln und spielen und immer wieder neue Leute hinzukommen, die Gemeinschaft und Nachbarschaft im besten Sinne erleben - das war kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung. Und zwar für gute Nachbarschaft.

Gelingende Nachbarschaft als gesellschaftlicher Kitt

„Gerade in Krisenzeiten sind nachbarschaftliche Netzwerke eine wichtige Säule für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont Sebastian Kurtenbach, Soziologe aus Münster. „In der Nachbarschaft wird Demokratie im Alltag erprobt, das klappt ziemlich gut.“ Das bestätigt auch das „Nachbarschaftsbarometer“ aus dem vergangenen Jahr. Die laut Initiatoren repräsentative Online-Studie hat ergeben, dass 69 Prozent der Befragten das Zusammenleben in der Nachbarschaft als gut oder sehr gut erleben. Das helfe sehr, gemeinsam zu guten Lösungen auch in schwierigen Phasen zu kommen. Nicht ohne Grund feiert die gemeinnützige Stiftung „nebenan.de" dieses Jahr am 29. Mai – dem letzten Freitag im Mai - den „Tag der Nachbarschaft“.

Auch in Harsefeld wollte die Kirchengemeinde Nachbarschaft feiern: Was können wir machen, fragte sich der Kirchenvorstand 2017, wenn unsere Angebote offenbar nicht für alle passen? Und wie wollen wir Menschen aus dem gerade entstehenden Neubaugebiet einladen? Die 46-Jährige Diakonin Schäfer machte gemeinsam mit Ehrenamtlichen einen Plan - und die kunterbunten Familienzeiten entstanden. Kirche ohne Räumlichkeiten. Bereit dazu, alles einfach anders zu machen.

Zehn Erwachsene und rund 20 Jungen und Mädchen sind an diesem sonnigen Samstag im Mai zum Spielplatz gekommen. Während die Eltern sich unterhalten, wuseln die Kinder zwischen Trampolin-Spielstation, Kreativstation mit möglichst bunt anzumalenden scheibenförmigen Holzkreiseln und dem äußerst beliebten Popcornstand hin und her. Später, nach der spontan aufgeführten Zachäus-Geschichte, stehen Diakonin Schäfer und zwei Helferinnen mit Gitarre und Mikro vor den auf einer Wiese chillenden Gästen, alle singen und beten. Dann geht es gemeinsam unter das Carport einer Familie zwei Straßen weiter, wo ein halbes Dutzend Sorten Kuchen, Saft und Kaffee warten.

Das Spielplatz-Format ist eine Variante - regelmäßig finden auch Spiele- und Gesprächsabende statt, Nachteulenwanderungen und Kinderdisco. Auch ein Drachenfest haben kirchliche Ehrenamtliche schon auf die Beine gestellt - und stießen auf viel Begeisterung.  „Wir probieren vieles und nicht immer klappt alles“, sagt Finn Reinkemeier. Der hoch gewachsene Lockenkopf ist 20 Jahre alt und Mitglied im Kirchenvorstand. Etwas voranbringen, Menschen von seinem Glauben erzählen - das ist ihm ein Herzensanliegen. Im Sommer wird Reinkemeier Harsefeld verlassen, nach Wuppertal ziehen und eine Ausbildung zum Diakon anfangen. Die Familienzeiten und andere Angebote, sagt er, hingen aber nicht an einzelnen Personen.

Man wolle als Gemeinde nicht nur einladen, sondern fröhlich dorthin gehen, wo die Menschen ohnehin sind, sagt Diakonin Schäfer. Das klappt offenbar nachhaltig: 90 Prozent der jetzt Mithelfenden und Teilnehmenden seit dem Laufrad-Schiebetreff oder der Krabbelgruppe dabei: „Die kennen uns und sind mitgewachsen. Und die haben ein Herz für Nachbarschaft und dafür, Glauben weiterzugeben.“

Um einen guten Mix gehe es, bestätigt Christine Heise, die Mutter von Noël, dem sportlichen Zöllner. „Jede Familie, jedes Kind soll hier wenn irgend möglich die eigenen Interessen ein Stück wiederfinden“, sagt Heise, die ehrenamtlich seit vielen Jahren dabei ist. „Und am besten sollen alle miteinander ins Gespräch kommen.“

Gemeinsam schauen, was man stemmen kann und will

Natürlich ist nicht alles einfach in Harsefeld. Herausforderungen von anderswo gibt es auch hier: Es sei „jedes Mal ein Abenteuer“, Leute für neu geplante Veranstaltungen zu finden, sagt Miriam Schäfer. Wenn jemand krank sei, ein Ort nicht zur Verfügung stehe, müsse man spontan umplanen. Wichtig sei, darauf zu hören, was für die Menschen gerade dran sei und was sie gemeinsam stemmen können und wollen.

Was in dem Ort südwestlich von Hamburg passiert, darf und soll Vorbild für Kirchengemeinden überall sein – findet jedenfalls die Initiative „Missionarische Aufbrüche“ der Landeskirche Hannovers und unterstützt das Projekt finanziell. Auch die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) zeichnete es jüngst als eines von bundesweit zehn Projekten im „Ideenkarussell Familie leben“ aus. „Wir wollen vor allem Mut machen: zum Weitermachen, zum Ausprobieren und zum Voneinanderlernen“, sagt Projektleiterin Dr. Lena Nogossek-Raithel. Das Preisgeld von 1000 Euro, sagt Diakonin Miriam Schäfer, könnte womöglich in ein schönes Event fließen. Das werde man gemeinsam entscheiden.

Alice Fofana-Raap steht mit einem Kaffeebecher in der Hand unter dem Carport und freut sich, dass an diesem Tag eine Freundin ihrer Tochter mitgekommen ist, „Wenn der christliche Input hängenbleibt, kann man davon auch vieles mitnehmen in schwierige Lebenssituationen“, sagt die 35-jährige Erzieherin, die mit ihrer Familie auch im Viertel wohnt. „Für uns ist hier Gemeinschaft zum Glück ganz alltäglich geworden. Jesus hat das ja auch ähnlich gemacht.“

Alexander Nortrup, EMA